Ein Meilenstein für „Kellerkinder“
28.11.2009 05:07 UhrVon Georg Schalk
Günzburg Manchmal ist es doch verrückt. Da wartet die Berufsfachschule für Krankenpflege 35 Jahre lang auf einen Neubau, der endlich verwirklicht wird und dann dies: Mitten in der Nacht kommt es an der Hauptwasserleitung zu einem technischen Defekt, 70 Grad heißes Wasser strömt aus und überschwemmt die alten Klassenzimmer samt Übungsräume. Das war im Frühherbst. „Wir mussten ganz schnell reagieren und parallel zur Abnahme des neuen Gebäudes alles hinüberschaffen. Es war ein überhasteter Umzug, wir konnten uns gar nicht richtig darauf einstellen“, erzählt Erich Renner.
Dabei hatte der Schulleiter der Berufsfachschule für Krankenpflege an den Neubau fast nicht mehr geglaubt. Zu oft schon waren Hoffnungen geweckt worden, zu oft folgte die Enttäuschung. Gestern wurden die Berufsfachschulen für Krankenpflege und Ergotherapie auf dem Gelände des Bezirkskrankenhauses (BKH) Günzburg eingeweiht. Dass dort schon seit geraumer Zeit der Unterrichtsbetrieb läuft, spielte keine Rolle.
Die Schulleitungen, Schüler und Lehrer sind froh. Die Zeiten, als sie im Untergeschoss den ganzen Tag pauken und lehren mussten und sich wie „Kellerkinder“ fühlten, sind vorbei. „Wir sehen wieder Tageslicht“, stellte Schülersprecher Gerald Tophofen (Krankenpflege) fest. Wie seine Kollegin von der Ergotherapie-Schule, Martina Ripper, freut sich Tophofen nun über die modernen, angenehmen Räume - und darüber, endlich Neue Medien professionell einsetzen zu können.
Vom Hilfs- zum Heilberuf
Es hat sich viel getan seit der Gründung der Schule vor 94 Jahren. „Die Ausbildung hat sich von der Krankenwartung als Hilfsberuf zur Gesundheits- und Krankenpflege als Heilberuf entwickelt“, sagte Schulleiter Renner im Festsaal des BKH. Inzwischen gehört die Berufsfachschule für Krankenpflege zu den größten ihrer Art in Schwaben. „Wir bilden hier in Günzburg auch im Verbund mit den Kooperationspartnern Kreiskliniken, Therapiezentrum Burgau und Kreisspitalstiftung Weißenhorn aus. Ein sehr modellhaftes Vorgehen“, betonte Thomas Düll, Chef der Bezirkskliniken Schwaben. Mit dieser Zusammenarbeit gelinge es, kleinere Berufsfachschulen am Leben zu erhalten. Düll zitierte Benjamin Franklin, einen der Gründerväter der Vereinigten Staaten, der feststellte: „Investitionen in die Bildung tragen die größten Zinsen.“
Der Chef der Bezirkskliniken dankte den Schülern und Lehrern für ihre Geduld über Jahrzehnte. „Das war wirklich nicht einfach“, so Düll. „Es liegt jetzt an Ihnen, diese Schule mit Leben zu erfüllen.“ Karl Michael Scheufele hat zu dem Erweiterungsbau eine ganz besondere Verbindung. Als er vor gut 14 Monaten zum schwäbischen Regierungspräsidenten ernannt worden war, war der Spatenstich für den Schulneubau auf dem BKH-Gelände eine seiner ersten Amtshandlungen. „Die Zeit der räumlichen Enge ist vorbei. Das ist eine Super-Investition in die Zukunft junger Menschen“, so Scheufele gestern im Festsaal. Angesichts des wachsenden Bedarfs an Pflegekräften in unserer Gesellschaft sei es letztlich eine „Investition in uns alle“. Die Einrichtung ist laut Regierungspräsident die einzige öffentliche Schule ihrer Art in Schwaben, der Besuch dort kostenfrei.
Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert bezeichnete das Projekt als wichtigen Meilenstein für die Infrastruktur in der Region. Der Bezirk habe immer Wert gelegt auf eine eigene Ausbildung. Die alten Räumlichkeiten hätten den Anforderungen nicht mehr entsprochen: zu niedrige Decken, zu schlechte Belüftung. Architekt Martin Feldengut von der Bezirksbau- und Service GmbH berichtete, dass für insgesamt 18 Gewerke 15 Firmen aus Schwaben beauftragt worden seien. 80 Prozent davon stammten aus dem Kreis Günzburg. „Wir sind alle viel näher zusammengerückt“, so Schulleiter Rainer Vollmer (Ergotherapie). Nichts mehr „unten Krankenpflegeschule, oben die Ergos“. Auch die Zeiten des Baulärms sind Vergangenheit. Die Schüler konnten sich zurücklehnen und gemeinsam mit den Festgästen ein Gedicht von Schülerin Beatrice Sehi anhören. Titel: „Der Bau oder der Tag, an dem der Schlagbohrer kam.“
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