Region noch immer Drehscheibe für "Gotteskrieger"
05.09.2007 20:30 UhrVon Roland Ströbele, Neu-Ulm/Ulm
Und wieder führt die Spur nach Neu-Ulm. Einer der drei gestern festgenommenen mutmaßlichen Mitglieder einer islamistischen Terrorgruppe stammt aus Ulm. Er ist nach Informationen aus Polizeikreisen jahrelang auch im inzwischen geschlossenen Multi-Kultur-Haus in Neu-Ulm ein und ausgegangen. Bei dem 28-jährigen Fritz G., der in Ulm wohnte, soll es sich sogar um den Rädelsführer der Gruppe handeln, die Bombenanschläge auf den Frankfurter Flughafen und die US-Militärbasis in Ramstein geplant haben.
Bestätigt sich der Verdacht, dann gibt es neuerliche Beweise dafür, dass in Ulm und Neu-Ulm Terrorpläne geschmiedet worden sind und dass von hier aus Attentäter aktiv geworden sind.
Den bayerischen Sicherheitsbehörden ist Fritz G. längst kein Unbekannter mehr. Der 28-jährige Deutsche, der vor Jahren zum Islam übergetreten ist, verkehrte häufig im Multi-Kultur-Haus an der Zeppelinstraße in Neu-Ulm, das wegen islamistischer Umtriebe im Januar 2006 geschlossen worden ist. Dort sind nach Erkenntnissen der Fahnder auch Hassprediger ein- und ausgegangen, haben "Gotteskrieger" angeworben oder Geld dafür gesammelt.
Nachdem das Multi-Kultur-Haus geschlossen wurde und in dem sichergestellten Material auch Hetzschriften gefunden worden war, wurde gleichzeitig der Trägerverein verboten. Die Schließung des Multikulturhauses führte allerdings kaum zu einer Beruhigung der Umtriebe. Die Hardliner treffen sich seither im Islamischen Informationszentrum (IIZ) in Ulm. Für den Verfassungsschutz ist dies nach wie vor Heimat von Islamisten.
Wie groß die Gruppe der fanatisierten und möglicherweise gewaltbereiten Überzeugungstäter ist, lässt sich nur schwer abschätzen, da immer wieder neue Leute kommen oder untertauchen. Auch der unter Terrorverdacht vom amerikanischen Geheimdienst verschleppte Deutsch-Ägypter Khaled El Masri, der in Senden lebte, soll des öfteren im Multi-Kultur-Haus gesehen worden sein.
Wie gestern ein Fahnder berichtete, hatte es offenbar eine Absprache gegeben, wonach zeitgleich mit dem Verein Multi-Kultur-Haus in Neu-Ulm auch das IIZ geschlossen und die dahinter stehende Organisation verboten werden sollte. Warum dies nicht geschehen ist, stellt für die bayerischen Sicherheitsbehörden ein Rätsel dar.
Wie gestern weiter zu erfahren war, hat sich der gestern festgenommene Fritz G. häufig mit dem Ägypter Dr. Y. in dessen Reihenhaus im Neu-Ulmer Stadtteil Ludwigsfeld getroffen. Bei einer Razzia hatte die Polizei dort Material gefunden, das zum Bombenbasteln geeignet ist. Kurz bevor das Multi-Kultur-Haus geschlossen worden war, tauchte Dr. Y. ab. Die Polizei vermutet ihn im saudi-arabischen Raum.
Bei seinem Sohn Omar hatten die Terrorfahnder eine handschriftliche Anleitung gefunden für Überfälle auf Militärkonvois. Er selbst hatte gesagt, dies habe er aus dem Internet abgeschrieben. Die Ermittlungsbehörden sind jedoch ganz anderer Ansicht und überzeugt, dass Omar Y. in einem palästinensischen Ausbildungslager für den bewaffneten Kampf geschult worden ist.
Erst vor kurzem hatte Neu-Ulms Oberbürgermeister Gerold Noerenberg zu einer geheimen Islamisten-Konferenz ins Edwin-Scharff-Haus gebeten und dort mit Vertretern der Sicherheitsbehörden beiderseits der Donau die Lage erörtert. Auch wurde dabei nach Darstellung von Versammlungsteilnehmern zu erhöhter Wachsamkeit gegenüber solchen Umtrieben aufgerufen.
Keine Antwort bekommt, wer sich danach erkundigt, warum ausgerechnet das Oberzentrum Ulm/Neu-Ulm Sitz und Treffpunkt für die Religionsfanatiker ist. Bin Ladens-Finanzchef Mahmud Salim war nach den Erkenntnissen des US-Geheimdienstes CIA schon hier und auch Mohammed Atta, einer der AlKaida-Terrorpiloten bei den Flugzeugattentaten am 11. September in den USA. Von hier aus zogen auch schon von Hasspredigern aufgestachelte muslimische "Gotteskrieger" in den "Heiligen Krieg".
Auch Reda S., der den Sprengstoffanschlag auf eine Diskothek in Bali mitfinanziert haben soll, lebte hier von Sozialhilfe. Und auch Tolga D., der erst vor wenigen Wochen festgenommen worden ist, war Mitglied im IIZ in Ulm. Er soll einen Deutschen für den Dschihad angeworben haben.
Nicht ohne Grund sind in der Region Geheimagenten der CIA aktiv. Wie im Zusammenhang mit den Ermittlungen über die Verschleppung von Khaled El Masri bekannt wurde, waren die Ermittler erstaunlich gut informiert über die islamische Szene in der Region Ulm/Neu-Ulm.
Ein Grund, warum sich das Oberzentrum zur Drehscheibe für Hass-prediger und Gotteskrieger entwickelt hat, könnte sein, dass sich im Laufe der Jahre hier sehr viele Religionsfanatiker und "auffällige Kernpersonen" angesammelt haben, die von der Donau aus die Fäden im internationalen Terrornetzwerken ziehen. "An den guten Verkehrsverbindungen liegt es sicher nicht, dass hier ein Zentrum für derartige Umtriebe ist", sagte ein Fahnder.
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