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40 Jahre nach der Mondlandung

Weltstars mit Hämmerchen und Lupe

20.07.2009 18:58 Uhr

Von Daniel Wirsching, Nördlingen

Die Reise zum Mond führt zur Sonne. Zum Hotel Sonne nach Nördlingen. Sie führt nach Holheim und nach Otting. Das war früher so, und so ist das noch immer, wenn man will.

Im Unterschied zum August 1970 aber führt die Reise diesmal erst ins zwölf Kilometer von Nördlingen entfernte Bopfingen. Dort wohnt Otto Hahn (73). Er war dabei, als sich vier US-Astronauten im Ries auf die Apollo-14-Mission vorbereiteten – nur ein Jahr, nachdem Neil Armstrongs linker Fuß den staubigen Planeten berührt hatte, am 21. Juli 1969 um 3.56 Uhr unserer Zeit.

Otto Hahn macht den Scheibenwischer: Sein linker Arm fährt vor seiner Stirn hin und her. Skeptiker, die die Mondlandung für Kalter-Krieg-Propaganda halten, hält er für . . ., naja, er zweifelt eben an deren Verstand. Otto Hahn ist Maschinenbauingenieur, Tierfilmer, Erfinder. 1968 entwickelte er eine Elektro-Solar-Dachpfanne, „deutsches Bundespatent 1900 069 System Hahn“. Er war seiner Zeit voraus, wie 1970.

Wie ein Paparazzo kurvt er damals durchs Ries. Mit einer Praktisix des Dresdener VEB Pentacon und einer 16-mm-Filmkamera gelingen dem 34-Jährigen exklusive Aufnahmen vom geologischen Feldtraining der Astronauten Edgar Dean Mitchell, Eugene Andrew Cernan, Alan Bartlett Shepard und Joseph „Joe“ Henry Engle.

Die lernen in den Steinbrüchen der Gegend, wie sich Gestein, das durch einen Meteoriteneinschlag entstand – wie der Suevit im Rieskrater –, von gewöhnlichen Steinbrocken unterscheidet. Ihr Auftrag: Sie sollen Meteoritengestein auf dem Mond sammeln und zur Erde bringen. Es ähnelt dem Suevit. Die US-Luft- und Raumfahrtbehörde Nasa verspricht sich Erkenntnisse über das Alter des Mondes. Das Ries eignet sich aus Sicht der Nasa-Experten perfekt für ein Feldtraining. Die Infrastruktur passt: gemäßigtes Klima, gute Erreichbarkeit.

Otto Hahn zeigt seinem Bruder Hermann und seinem Cousin Emil aus Nürtingen am 11. August 1970 gerade Nördlingen, da begegnen ihnen in der Nähe der St.-Georgs-Kirche die Astronauten. Hahn lässt sich von Cernan ein Autogramm in seinen Reisepass geben. Cernan war im Mai 1969 während Apollo 10, der Generalprobe zur Mondlandung, bis auf 14 Kilometer an die Mondoberfläche herangeflogen. Ein Weltstar.

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dpa
Ein Fußabdruck des amerikanischen Astronauten Edwin E. Aldrin auf dem Mond (Archivfoto vom 20.07.1969)

Otto Hahn lauert den Astronauten einen Tag später vor der Sonne auf, dem heutigen „Kaiserhof Hotel Sonne“ in Nördlingen – mit seiner Frau Irmgard und der fünfjährigen Tochter Heidi. Von 6 Uhr an warten sie. Um 7.30 Uhr kommen Mitchell, Cernan, Shepard und Engle mit einer Gruppe amerikanischer und deutscher Wissenschaftler um den Tübinger Mineralogie-Professor Wolf von Engelhardt aus dem Haus. Sie steigen in einen Kleinbus. Die Hahns folgen ihnen bis in den Ottinger Steinbruch.

Keiner stört sich an der Familie, obwohl die dreitägige Exkursion ins Ries streng abgeschottet werden sollte. „Die Amerikaner wollen ernsthaft arbeiten und keine billige Show abziehen“, hatte ein Sprecher des Wissenschaftsministeriums in Bonn angekündigt. Als Otto Hahn den Film wechseln muss und zum Auto eilt, fragt jemand seine Frau über ihn aus. Sie sagt, er fotografiere „rein zum Hobby“. Die Hahns dürfen bleiben und freunden sich mit den Astronauten an. Am Abend des 13. August 1970 trinken sie mit Eugene A. Cernan in einem Nebenzimmer der Sonne Bier. Die Maxistube, am Gang hinten links, ist mittlerweile Frühstücksraum. Und Baustelle: Wasserschaden.

Cernan trägt um den linken Ellenbogen einen Verband. Er erzählt den Hahns, dass er auf dem Wehrgang der Nördlinger Stadtmauer mit dem Rad gefahren und gestürzt sei. Er habe eine Schürfwunde. Bei der Pressekonferenz im „Siegling-Steinbruch“ im nahen Holheim versucht er am Nachmittag desselben Tages, den Arm vor der versammelten Weltpresse zu verbergen.

„Das waren wilde Typen“, meint Otto Hahn. „Mitchell allerdings war sehr korrekt.“ Jener Mitchell, der 1971 als sechster Mensch den Mond betreten wird und danach sagt, er glaube an die Existenz Außerirdischer. Wilde Typen. Unsere Zeitung nennt sie damals „unternehmungslustig und aufgekratzt“ und berichtet von feucht-fröhlichen Umtrünken. „Wir haben bisher viel gelernt. Nicht über mögliches Mondgestein, sondern auch über bayerisches Bier. Donnerwetter, ist das gut“, wird Shepard am 13. August 1970 in einem Artikel zitiert.

Unser Reporter schreibt weiter: „Vier Liter Weizenbier hat jeder der Mondfahrer nach der abendlichen Bierkunde intus. Dezent rülpsend zieht sich schließlich Raumschiffkommandant Shepard mit der Bemerkung zurück: Mehr geht nicht mehr, sonst pass ich nicht mehr in meinen maßgeschneiderten Raumanzug.“

Wulf-Dietrich Kavasch (65), Tierarzt und Bürgermeister von Hohenaltheim, erlebte die Pressekonferenz im „Siegling-Steinbruch“ mit. Er erinnert sich an einen „riesigen Rummel“ und die Folgen. „Die Rieser haben plötzlich bemerkt, dass sie in einer besonderen Landschaft zu Hause sind.“ Die Zeit sei reif geworden für ein Rieskratermuseum in Nördlingen. Seit der Eröffnung 1990 haben es Hunderttausende besucht. Fasziniert haben sie alle den 165 Gramm schweren Mondstein bestaunt – eine Dauerleihgabe der Nasa zum Dank für den August 1970.

Hier, im Museum und nicht auf dem Mond, endet diese Reise. Sie endet vorzeitig, wie die des Joe Engle. Er ist der Einzige des Quartetts, der nie auf dem Erdtrabanten landete. Hier im Museum, in der Sonderausstellung über die Apollo-Missionen, läuft Otto Hahns Film. Gus Backus trällert dazu seinen Schlager „Der Mann im Mond“: Engle und die anderen zerreiben Erde zwischen ihren Fingern, klopfen mit Hämmern auf Steine, betrachten sie mit Lupen. Die Steinbrüche in Holheim und Otting sind stillgelegt, zugewachsen wie im Märchen. In Otting schwimmen Seerosen auf einer mit Grundwasser gefüllten Suevit-Grube; im Rieskratermuseum sagt ein Mann aus Heidelberg zu seiner Frau: „Die Mondlandung ’69 war doch eine Erfindung der Amis.“



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