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Das gigantische Problem: Fettsucht

19.04.2007 15:21 Uhr

Von unserer Redakteurin Sibylle Hübner-Schroll, München

Übergewicht beziehungsweise Fettsucht (Adipositas) entwickelt sich in der Medizin zum bedeutendsten Thema der nächsten Jahrzehnte. Das Problem sei "gigantisch", erklärte Professor Hans Hauner, Leiter des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München. Immer häufiger seien bereits Kinder und Jugendliche betroffen.

Schon bei relativ mäßigem Übergewicht steige das Risiko an, eine Zuckerkrankheit, Gallensteinleiden, Bluthochdruck oder eine koronare Herzkrankheit zu entwickeln, erklärte Hauner. Besonders ausgeprägt sei der Zusammenhang zwischen Diabetes und Übergewicht bei Frauen. Die Gewichtsveränderung vom 18. Lebensjahr an lasse auch das Diabetes-Risiko ansteigen: "Wenn es gelänge, das Gewicht, das man mit 18 Jahren hat, einigermaßen zu halten, ließen sich wahrscheinlich 80 Prozent aller Diabetes-Fälle verhindern", erklärte der Arzt. Doch durchschnittlich legten die Deutschen im Laufe des Erwachsenenalters um etwa 15 Kilogramm an Gewicht zu.

Den Empfehlungen der Fachgesellschaften zufolge sei ein Body-Mass-Index (BMI; er errechnet sich mit Hilfe der Formel "Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch Körpergröße in Metern zum Quadrat") von über 30 in jedem Falle eine Indikation zur Gewichtsabnahme, so Hauner.

Doch auch ein mäßiges Übergewicht mit einem BMI zwischen 25 und 29,9 sollte Anlass sein für eine Beratung, wenn bereits Gesundheitsstörungen vorhanden seien, wenn eine Krankheit vorliege, die durch Übergewicht verschlimmert werde, oder wenn es sich um ein "stammbetontes" Übergewicht handele. Stammbetont, das bedeutet: Die Fettpölsterchen haben sich in erster Linie um die Leibesmitte herum angesiedelt. Eine stammbetonte Fettsucht gilt als besonders gefährlich in bezug auf die Entwicklung von Folgeerkrankungen.

Schon eine Gewichtsabnahme von fünf bis zehn Prozent des Ausgangsgewichtes genüge, um eine deutliche Besserung des Gesundheitszustandes herbeizuführen, erklärte Hauner. Voraussetzung für eine erfolgreiche Gewichtsreduktion sei eine Schulung des Patienten: "Der Patient muss überzeugt, motiviert und informiert sein", betonte der Arzt.

Ganz wesentlich seien auch ein auf den Patienten individuell zugeschnittenes Therapiekonzept sowie eine realistische Zielsetzung bei der Gewichtsreduktion. Mit einer mäßig kalorienreduzierten Mischkost - heute der Behandlungsstandard ­ und einer Einsparung von etwa 600 Kalorien pro Tag könne man ein halbes bis ein Kilogramm pro Woche verlieren.

In der Behandlung von Übergewicht gehörten eine kalorienreduzierte Kost, eine Steigerung der körperlichen Aktivitäten und eine Änderung des Eßverhaltens untrennbar zusammen, so Hauner weiter. Medikamente sollten allenfalls unterstützend eingesetzt werden, wenn sich mit diesen Maßnahmen kein Erfolg einstelle, und chirurgische Maßnahmen schließlich seien nur für extrem Übergewichtige gedacht. Sehr niedrig-kalorische Formuladiäten sollten wegen der Gefahr von Nährstoffmängeln und möglicher Nebenwirkungen nur für kurze Zeit zur Anwendung kommen und erforderten eine engmaschige Betreuung durch einen Arzt.

Nur wenige mit der Diät erfolgreich

Häufiges Problem beim Abnehmen sei, dass das Gewicht nach zunächst guten Anfangserfolgen wieder ansteige. Nur etwa 15 bis 20 Prozent derer, die sich einer Diät unterziehen, sind nach Angaben Hauners auch auf lange Sicht erfolgreich. Was die "Erfolgreichen" auszeichnet, schilderte Hauner so: Es handele sich um Personen, die es auf Dauer schaffen, weniger zu essen und Fett in der Nahrung zu reduzieren.

Außerdem verbrauchten sie etwa 400 Kalorien pro Tag durch körperliche Aktivität ­ was zum Beispiel einer halben Stunde "flott Joggen" entspreche. Von Bedeutung seien zudem die soziale Unterstützung der Umgebung ­ und dass der Patient Eigenverantwortung übernehme, so der Arzt.

Verlust an Muskelmasse bremsen

Wer abnimmt, verliert bedauerlicherweise nicht nur Fett, sondern auch Muskelmasse. Zehn Kilogramm Gewichtsverlust setzten sich üblicherweise aus sieben Kilogramm Fett und drei Kilogramm Muskelmasse zusammen; letztere freilich sei entscheidend für den Grundumsatz, also den täglichen Grundverbrauch an Kalorien. Das bedeutet: Mit der Abnahme der Muskelmasse geht auch der tägliche Kalorienverbrauch um 400 bis 600 Kalorien zurück. Wer sich während einer Diät regelmäßig bewegt  fünf Mal pro Woche für mindestens eine halbe Stunde, könne den Verlust an Muskelmasse im Idealfall halbieren, so Hauner.


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