Kieferchirurg Christian Hilscher führt eine digitale Praxis. Hier gibt es keine Karteikarten mehr. Dafür sind 28 Kilometer Datenkabel verlegt. Das hat Vorteile. Von Catrin Weykopf

Die Zeiten, in denen die Arzthelferin zum Aktenschrank ging und eine Karteikarte herausholte, wenn ein Patient erscheint, sind bei den meisten Ärzten vorbei. Christian Hilscher ist in seiner Friedberger Kieferchirurgiepraxis nun noch einen Schritt weiter gegangen: Bei ihm sind alle Patientendaten digitalisiert. Sogar Röntgenbilder entstehen nur noch auf dem Bildschirm und nicht mehr auf Röntgenfilm. Weil Hilscher zudem das Hygienemanagement der Praxis vollkommen digitalisiert hat, ist er für den Bayerischen Gesundheitspreis nominiert worden.
Um zu verstehen, wie es funktioniert, dass Hilscher immer weiß, wann sein Operationsbesteck durch welche Hände gegangen ist, ob und wann es sterilisiert und verpackt wurde, hat der 42-jährige Chirurg einen anschaulichen Vergleich parat: „Man kann es sich in etwa so vorstellen, wie im Supermarkt an der Kasse“, sagt er. Ein Strichcode, ein Scanner und schließlich ein Piepton – danach erscheint das Protokoll auf dem Schirm. Der Vorteil – sowohl für ihn als Arzt als auch für seine Patienten – sei die größtmögliche Transparenz. Weil der Hygienenachweis des Bestecks, das er für eine Operation verwendet, direkt an die elektronische Patientenakte angehängt wird, sei eine lückenlose Dokumentation möglich, so Hilscher.
Dass alle Daten seiner Patienten auch tatsächlich dort ankommen, wo sie hinsollen, dafür sorgen 28 Kilometer Datenkabel, die in der Praxis verlegt sind. An den 14 Arbeitsplätzen, die es in den Räumen gibt, kann jeder Mitarbeiter auf die multimedialen Karteikarten zugreifen, während das System von außen so abgeschirmt ist, dass niemand mitlesen kann, so Hilscher. Will ein Patient seine Röntgenbilder einmal mitnehmen, ist dies dennoch weiterhin möglich. Und auch die Informationen, die Hilscher von auswärtigen Ärzten bekommt, kann er in sein digitales System einpflegen.
Als Hilscher im März 2010 begann, seine 400 Quadratmeter große Praxis in der Max-Högg-Straße in Friedberg zu planen, setzte er sich ein klares Ziel: „Ich wollte nie wieder nach einem Röntgenbild suchen“, sagt er. Mittlerweile besuchen ihn regelmäßig Kollegen, um sich anzusehen, wie die papierlose Praxis funktioniert. Hilscher, der in Göppingen geboren und aufgewachsen ist, lockten nach Friedberg gleich mehrere Anreize: Zum einen plant er mittelfristig eine Kooperation mit dem Friedberger Krankenhaus, zum anderen ist er nun der einzige niedergelassene Kieferchirurg im Landkreis. „Und“, sagt er, „uns gefielen das Wittelsbacher Land und die Stadt Friedberg einfach gut.“ Im Gegensatz zur Situation in München habe man als niedergelassener Arzt in Friedberg noch einen ehrlichen persönlichen Kontakt zu den Patienten und Kollegen, freut sich Hilscher.
Fast hätte es bei der Verleihung des Bayerischen Gesundheitspreises 2011 für Hilscher Grund zu noch größerer Freude gegeben, denn der 42-Jährige war für seine papierlose und digitale Praxis nominiert worden. Ganz reichte es für die Auszeichnung dann aber nicht. Ein größer dimensioniertes Projekt aus Ingolstadt, das eine gemeinsame Kommunikationsplattform für Ärzte im Ingolstädter Umland auf die Beine gestellt hat, erhielt letztlich den Zuschlag. Hilscher selbst sieht es gelassen. „Es waren nur drei Projekte insgesamt nominiert“, berichtet er. „Dass wir dabei waren, war schon eine große Auszeichnung.“
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