Landratsamt verteidigt Beitrag im neuen Jahrbuch. Das Redaktionsteam darf keine Auskunft geben Von Thomas Gossner


Aichach-Friedberg. Ist die Abhandlung über Dr. Otto Dickel im neuen Jahrbuch des Landkreises die „Aufwertung eines Antisemiten und NS-Ideologen der ersten Stunde“? So sehen es jedenfalls die Grünen im Kreistag von Aichach-Friedberg, die vergeblich mit einem Dringlichkeitsantrag die Auslieferung des neuen Bandes „Altbayern in Schwaben“ stoppen wollten.
Tatsache ist: Der 1880 geborene Gründer des heutigen Friedberger Stadtteils Dickelsmoor propagierte ein völkisches, antidemokratisches und antisemitisches Gedankengut. Er wirkte mit am Programm der NSDAP und war Rivale Hitlers um die Führungsrolle in der Partei, bevor er 1921 ausgeschlossen und 1934 sogar wegen Hochverrats angeklagt wurde. Mitglied der von ihm gegründeten „Deutschen Werkgemeinschaft“ durfte nur werden, wer „deutschblütiger Abstammung und nicht mit Juden versippt“ war.
Den Hintergrund Dickels verschweigt auch der Aufsatz für das neue Jahrbuch nicht. Aus Sicht der Grünen allerdings werde die Person in der Gesamttendenz positiv bewertet und kritische Aspekte würden relativiert. „Der Tenor ist: alles nicht so schlecht“, findet die Friedberger Stadt- und Kreisrätin Claudia Eser-Schuberth. Sie stört sich zum Beispiel daran, dass von den Nazis verwendete Begriffe wie das „Joch des Versailler Vertrags“ übernommen werden, ohne sie als Zitate zu kennzeichnen und einzuordnen. In Dickels „wissenschaftlich begründeter ,Deutscher organischer Volkswirtschaftslehre‘“ glaubt der Autor zudem Parallelen zum aktuellen Wirtschaftsgeschehen zu erkennen. Ebenfalls problematisch ist, wenn der Autor von „jüdischen Mitbürgern“ schreibt. Dieser Ausdruck beinhaltet nach heutigem Verständnis einen sprachlichen Ausschluss aus der Mehrheitsgesellschaft.
Wolfgang Müller vom Landratsamt begründet die Veröffentlichung des Beitrags mit dem Wunsch, die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte von Dickelsmoor darzustellen, die untrennbar mit Dickel verbunden sei. Der Artikel sei sorgfältig gelesen worden, vom Redaktionsteam, von der Juristin und dem Landrat selbst. „Dickel wurde weder verherrlichend noch verharmlosend dargestellt“, sagte Müller auf Anfrage unserer Zeitung.
Dass man dennoch eine gewisse Brisanz hinter dem Beitrag erkennt, darauf deutet der Maulkorb für das Redaktionsteam hin: Auskünfte gebe nur der Sprecher des Landratsamts, hieß es bereits unmittelbar nach der Kreistagssitzung, bei der die Grünen ihren Dringlichkeitsantrag vorgelegt hatten. Wolfgang Müller wiegelt ab: Am nächsten Montag finde eine Sitzung der Redaktion statt, bei der man sich austauschen wolle, ohne dass zuvor einzelne Stellungnahmen abgegeben würden.
Anfang 2012 sollen dann die Kreisräte beraten, die das Buch als Weihnachtsgeschenk erhielten. „Wir nehmen das ernst und werden uns in aller Ruhe damit befassen und kritisch darüber diskutieren“, kündigte CSU-Fraktionschef Peter Tomaschko an. Eine Dringlichkeit konnte er in dem Grünen-Antrag zwar nicht erkennen, er betont aber: „Wir haben den Anspruch, dass es geschichtlich richtig ist.“
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