Montag, 23. Oktober 2017

18. Juli 2008 19:25 Uhr

Rechtsstaat-"Rettung": Bagger machen Hüttendorf platt

Am Tag nach dem Baumaschinen-Lärm am Mandlachsee rauschte es gewaltig im Blätterwald: "Den Rechtsstaat mit Baggern gerettet", titelte am 22. Juli 1993 die Süddeutsche Zeitung. Die überregionale linksalternative Tageszeitung schrieb: "Das erste Protesthüttendorf in Bayern seit Ende der atomaren Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Wackersdorf gibt es nicht mehr." Und in den Aichacher Nachrichten hieß es: "Nur mehr ein Baum bleibt vom Hüttendorf - Zwangsräumung unter Polizeischutz". Von Silvia Eckert-Wagner

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In den frühen Morgenstunden des 21. Juli 1993 waren zwei Hundertschaften Polizisten mit den Baumaschinen, Lastern und Radladern des Kreisbauhofes auf dem Gelände Mandlach-Ost erschienen. In einer mehrstündigen Aktion rissen sie das Hüttendorf ab, in dem sich zu diesem Zeitpunkt nur eine Handvoll Deponie-Gegner befanden. Mit der Räumung wurde ein vier Wochen dauernder illegaler Zustand beendet, der die idyllische Gegend in der Nähe des Mandlach-Sees (Pöttmes) endgültig aus ihrer verschlafenen Anonymität gerissen hatte.

15 Jahre ist dies nun her - und für manche längst vergessen. Für die damaligen Deponie-Gegner und Hüttendorf-Bewohner jedoch bleibt die Tatsache, dass man mit dem hartnäckigen und kreativen Widerstand die Schlackendeponie letztendlich verhindern konnte, eine nachhaltige Erfahrung. Deshalb soll am morgigen Sonntag mit einem großen Fest der 15. Jahrestag der Räumung begangen werden.

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Ein Blick zurück: Der Landkreis Aichach-Friedberg hatte sich Anfang der 90er Jahre verpflichtet, im Rahmen eines Mülltauschvertrags eine Deponie für die Schlacke aus der Müllverbrennungsanlage Lechhausen zu bauen. Auf mehreren möglichen Standorten wurden Probebohrungen durchgeführt. Parallel dazu bildeten sich in den betroffenen Gemeinden Bürgerinitiativen, die regen Zulauf hatten.

Die "Aktionsgemeinschaft Rettet das Mandlachgebiet" konnte auf 1600 Mitglieder zählen. "Das Besondere an den Aktionen war", erinnert sich Eva Ziegler, Deponie-Gegnerin der ersten Stunde, "dass alle Bürgerinitiativen an einem Strang gezogen haben." Solidarität war aber auch das Motto innerhalb der BI. Beim Bau des Hüttendorfes - einer Idee vor allem der jungen BI-Mitglieder, die gleichzeitig Robin-Wood-Aktivisten waren - herrschte große Hilfsbereitschaft. "Das hat gar nicht so viel mit Politik zu tun gehabt", sagt Eva Ziegler. "Es war eine soziale Begegnungsstätte. Vom kleinen Kind bis zum 90-Jährigen, alle Altersstufen, jede Bevölkerungsschicht."

Monika Huber aus Osterzhausen, damals 22 Jahre alt und tagsüber bei der Gärtnerei "Christoph" beschäftigt, wohnte die ganze Zeit im Dorf und denkt heute noch gern daran zurück: "Es war superspannend und eine tolle Zeit." Sie habe erfahren, dass man in der Gruppe nicht hilflos ist, sondern etwas bewegen kann: "Wir haben damals gewonnen und das nimmt man immer mit." Viele der beteiligten Demonstranten sind durch die Erfahrung mit dem Hüttendorf politisch aktiv geworden.

"Die Zeit damals hat mein Leben komplett verändert", stellt Eva Ziegler fest, die seit 1996 Kreisrätin der "Unabhängigen" ist. "Sie hat meinen Blick geöffnet für die Politik." Und so sei es auch anderen Anhängern der späteren "Unabhängigen" gegangen. Auch Monika Huber engagiert sich seither und immer wieder politisch: Im Wahlkampf für den Bürgerblock oder wenn es um die Kläranlage Osterzhausen geht.

Georg Wanner aus Gundelsdorf war immer im Vorstand der Bürgerinitiative "Rettet das Mandlachgebiet" und ist nun Kassier. Er erinnert daran, wie der Kampf gegen die Deponie erfolgreich endete. Die Schlacke wurde in Salzstöcken deponiert und "1999 verabschiedete die Gemeinde Pöttmes einen Bebauungsplan, dass im Mandlachgebiet nicht gebaut werden darf. Das bedeutete das Ende unserer Aktivitäten." Heuer soll nun am 12. August die Bürgerinitiative aufgelöst werden.

Das Vermögen geht somit satzungsgemäß an die Ortsgruppe Pöttmes des Bund Naturschutz. Dann wird nur noch der Granitstein an das Hüttendorf erinnern, der an der Stelle des von Pater Waldemar (Maria Beinberg) gesegneten und vom Sturm gefällten Widerstands-Kreuzes aufgestellt worden war. Angeordnet hatte die Beseitigung vor 15 Jahren der damalige Landrat Dr. Theo Körner. Jahre später hat er dies als vermutlich größte Fehleinschätzung seiner Amtszeit bezeichnet: "So würde ich das heute nicht mehr machen."

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