Samstag, 22. Juli 2017

16. Mai 2017 17:00 Uhr

Musikkabarett

Solarbatterien statt Kuhglocken

Der Bairisch Diatonische Jodelwahnsinn erobert das Aichacher Pfarrzentrum im Sturm. Mal Weltuntergangsstimmung auf, mal lacht das Publikum lauthals. Eine besondere Rolle spielen Plastiktüten. Von Manuela Rieger

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Geradlinig, fantasiereich, direkt auf eine Pointe zu: der Bairisch Diatonische Jodelwahnsinn, der das Publikum im Aichacher Pfarrzentrum begeisterte und mitriss. Es spielten und sangen (von links) Wolfgang Neumann, Petra Amasreiter und Otto Göttler.
Foto: Manuela Rieger

Ja sie waren wieder da. In Aichach, das ein Kaufhaus hat und wo keiner der Gruppe mehr im Internet einkaufen muss. Der „Bairisch Diatonische Jodelwahnsinn“ lässt sein Publikum am Freitagabend im Aichacher Pfarrzentrum jubeln: „Jetza mias ma aber spuin, sonst werma nimmer fertig“. Zu Beginn frotzelt das Trio: „Wir sprechen heute wegen euch schriftbayerisch, damit ihr keinen Simultanübersetzer braucht.“ Sonst werde der Eintritt teurer. „Egal ob ihr evangelisch, katholisch oder vegetarisch seid, ihr Aichacher kriegt heut’ von uns endlich den richtigen Senf dazu“, versprechen die Drei.

Das Urgestein Otto Göttler wäscht den Großkopferten mit frechen Liedern den Kopf und lässt keine Gelegenheit aus, eine gutmütige Spitze gegen alles Unsinnige und brustgeschwellte Machtgehabe zu setzen. Einen guten Teil der witzigen und sozialkritischen Lieder des Abends steuert Petra Amasreiter an Gitarre und Violine bei, entlockt der Violine mittels elektronischer Verzerrung eigenwillige Klangwelten. Wolfgang Neumann, wechselt seine Gitarren wie im Flug, steht links und schlägt die moderateren Töne an.

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Das neue Programm „Der Name ist Programm“ macht Laune, erspart dem Publikum aber nicht das Denken. Da muss schon das Hirn mitarbeiten, wenn etwa im Lied „Der Wahnsinn“ unser Alltag seziert wird. Die Protagonisten erklären, wie der Jodler eigentlich entstanden ist. Ist er ein Freuden- oder Schmerzensschrei? Wahrscheinlich erfunden von Zimmerleuten, die den Nagel nicht getroffen haben.

Bissiger Humor und leise Poesie mit hintergründigen Texten wechseln sich ebenso ab, wie das Instrumentarium, das sie mit sich führen: Elektro- und Akustik-Gitarren, Geige, Tuba, eine diatonische Ziehharmonika, sogar eine Ukulele ist dabei. Um auch den schrägsten Sound auf die Spitze zu treiben, werden sowohl sämtliche Instrumente abwechselnd malträtiert und gestreichelt, satirisches Musikkabarett melancholisch und frech gewürzt mit viel Sozialkritik und originellen Sounds. Wortakrobatik pur, mal grantelnd, mal voller Poesie, mit scharfem, schlitzohrigen Wortschatz. Das Publikum ist mal ungläubig, sehr nachdenklich und lacht dann wieder lauthals.

Auf der Bühne sitzen drei erstklassige Musiker, die gleichermaßen überzeugen mit Landlern wie auch irischen Volksweisen oder einem schwermütigen München-Blues. Sphärisch und fast psychedelisch klingt der „Cyberjodler“ fast nach Weltuntergangsstimmung. Wer nur Jodelei erwartet hat, wird eines Besseren belehrt. Jodeln wird eingesetzt, wenn es passt. Eine Gratwanderung zwischen scharfzüngiger Provokation, gepaart mit politischen Unkorrektheiten, und Anprangerung gesellschaftlicher Missstände – aber ohne Polemik. Ein Windrad nachahmend, balanciert Otto Göttler zum Lied „Energiewende“.

Mitgebracht hat das Trio Plastiktüten in allen Variationen. Die größte Tüte, ein schwarzer Müllsack, sei eine Basstüte und käme aus Passau: „Da hat der Seehofer seine guten Vorsätze vom politischen Aschermittwoch nei“, brummt Göttler, der ständig zwischen Tuba, Trompete, Ziach (Akkordeon) wechselt. Aberwitzig wird das Publikum zum Plastiktüten-Orchester, wobei Göttler mit grotesker Komik die Tüten sortiert nach „Soprantüte“, „Basstüte“ und „Subkontrabass-Tüte“. Damit darf die Zuhörerschar im Pfarrsaal das Tütenlied begleiten, das unseren Plastikwahn thematisiert: „Und die Tüte fliegt ins Meer, der Fisch frisst die Tüte und wir fressen den Fisch.“ Na und?

Brandaktuell die „Auf der Mauer“-Komposition, neu gereimt: „Auf meim’ neuen Touchscreeen-Handy sitzt a’ kloana Virus.“ Das Fensterln braucht heute kein Bursch’ mehr, denn die Liebe kommt aus dem Internet. Zwischen den lustigen Teilen des Programms setzt das Trio auch schon mal auf Dreigesang und lässt das Schmuselied „Je t’aime“ zur echten bairischen Volksmusik aufblitzen. Da kauft die Sennerin die Milch bei Aldi und verkauft sie dem Münchner Snob für das Zehnfache und die Kuh auf der Alm wird mit GPS-Sendern aus Solarbatterien statt mit Glocken ausgestattet. Über all dem liegt ein Hauch von Schwermut und Melancholie. Aber egal: Der „Bairisch-Diatonische Jodelwahnsinn“ ist nicht als Oberlehrer unterwegs. Und das ist gut so, denn so bleiben kritische Texte mehr als unterhaltsam.

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