Spritzen, Schaben, Bohren, Saugen - und das alles am empfindlichen, womöglich noch freigelegten Zahnhals - für viele Menschen ist das die schlimmste Horrorvision. Der Aichacher Zahnarzt Hartmut Hanne beschreitet darum unkonventionelle Wege, um seinen Patienten die Angst zu nehmen: Er hypnotisiert sie.

Kinder und Erwachsene, die große Angst vorm Zähneziehen haben, versetzt der Mediziner in einen tranceartigen Zustand. Dabei will sich Hanne bewusst vom Jahrmarkt-Image der Hypnose lösen. "Was in meiner Praxis geschieht, hat nichts mit Hokuspokus zu tun", sagt der 62-Jährige. Ihm gehe es stattdessen darum, eine entspannte Atmosphäre für die Behandlung zu schaffen. Und das merkt man deutlich: In den Räumen läuft Meditationsmusik, ein Zimmerbrunnen, in dem bunte Stoffblüten schwimmen, plätschert leise vor sich hin. "Ich arbeite auch mit duftenden Teelichten", gesteht der Mediziner, "die Patienten sollen sich so wohl wie möglich fühlen - sonst würde die Hypnose gar nicht wirken."
Auf einem Video führt Hanne vor, wie das funktioniert. Man sieht einen etwa 13-jährigen Jungen, dem Hanne mit ruhiger Stimme eine Geschichte erzählt. Der Arzt beschreibt dem Jungen eine Wiese, auf der ein Tier spielt. Das Tier soll sich der Junge vorstellen, er darf jedoch nicht verraten, an welches Tier er denkt. Währenddessen bittet der Arzt seinen kleinen Patienten, einen Arm zu heben. Das Erstaunliche: Während Hanne seine Geschichte weiterspinnt, bleibt der Arm des Jungen die ganze Zeit erhoben in der Luft - und wird irgendwann weiß, weil das Blut herausgeflossen ist. "Das ist für meine Helferinnen und mich das Zeichen, dass der Patient in Trance ist", sagt Hanne. Anschließend ist zu sehen, wie Hanne bei dem Jungen einen Milchzahn lockert - ohne, dass dieser auch nur im entferntesten darauf reagieren würde. "Die Patienten sind in Trance und haben kein Interesse an dem, was um sie herum geschieht. Aber natürlich nehmen sie alles wahr", sagt der Arzt. Während er den Zahn zieht, beschreibt Hanne dem Kind mit sonorer Stimme, dass das imaginäre Tier "gerade gegen einen Baumstamm auf der Wiese" gepoltert sei, sich aber nicht verletzt habe. Als er den Jungen aus seiner Trance weckt, fragt Hanne nach, welches Tier er sich denn vorgestellt habe? "Eine Kuh", so die Antwort des Jungen vom Bauernhof.
Bei kleineren Kindern gelingt es dem Mediziner auch ohne Geschichte, sie von der Behandlung abzulenken. Über seinen OP-Stühlen hängen bunte, dreidimensionale Bilder mit Tieren und Fabelwesen, die den Patienten von oben anschauen. Die bindet Hanne spielerisch in seine Behandlung mit ein und trägt den Kindern beispielsweise auf, die kleine grüne Maus auf einem Bild mit Tieren aus der Savanne zu suchen. Hier sind besonders die Eltern gefragt. "Wenn sie mit im Behandlungszimmer sind, ist es wichtig, dass sie ihr Kind nicht auf den Schmerz hinweisen", erklärt Hanne. Sätze wie "Gleich tut es nicht mehr weh" würden bei der Behandlung eher gegenteilig wirken.
Ausbildung in Hypnose veränderte Arbeitsweise
Wer bei Hartmut Hanne in Behandlung ist, muss sich vom üblichen Bild einer Zahnarzt-Sitzung lösen. "Schon während meines Studiums habe ich Wege gesucht, Patienten möglichst schmerzfrei zu behandeln", erzählt der Mediziner, "und seit zehn Jahren arbeite ich mit Hypnose". Während einer Fortbildung sei er auf die "deutsche Gesellschaft für zahnärztliche Hypnose" (DGZH) aufmerksam geworden - und ein begeisterter Anhänger der sanften Behandlungsmethoden. Insgesamt zwei Jahre hat Hanne in die Ausbildung investiert, "dadurch hat sich meine Arbeitsweise geändert, auch privat habe ich eine Wandlung durchlebt". Die Entscheidung für die Hypnose sei eine ganzheitliche Einstellung, die auch das Arbeitsumfeld beeinflusst habe. Das bestätigen auch die Arzthelferinnen, die in der Praxis angestellt sind. "Man spürt hier viel weniger Stress als an anderen Arbeitsplätzen", berichtet Arzthelferin Bettina Schönecker. Auch sie hat sich, ebenso wie die anderen Helferinnen, in Sachen Hypnose ausbilden lassen.
Erwachsene Patienten müssen sich zwar nicht auf Geschichten mit wilden Tieren gefasst machen, aber sie sollten etwas Fantasie mitbringen. Zähneknirschen oder Schnarchen beispielsweise behandelt Hartmut Hanne mit einer CD von der DGZH. Der Sprecher nimmt den Patienten mit auf eine Reise zu einer Mühle und klärt ihn unterwegs über Sinn und Zweck der Mühle auf. "Die Mühlsteine sind sehr teuer und unersetzbar. Wenn sie in Bewegung gesetzt werden, ohne dass sich Korn dazwischen befindet, zerstören sie sich gegenseitig. Doch sie sind unersetzbar", erklärt der Erzähler. Zähneknirscher sollten sich diese Worte zu Herzen nehmen. Durch die CD wird sie in ihrem Unterbewusstsein verankert.
Informationen über Hypnose im Internet
www.dgh-hypnose.de
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