Jeder Zug hat sich ins Gedächtnis eingebrannt. Dame und König, Eröffnung und Ende stehen noch vor den Augen. Wie auf einem virtuellen Brett. Einem virtuellen Schachbrett. Fast fünfzig Jahre ist es her, dass Gerhard Hund eine seiner wichtigsten Schachpartien bestritt - noch heute erinnert er sich, dass er mit Weiß und einem Damengambit begann und durch einen kleinen Fehler verlor. Gerhard Hund spielt mehr als ein halbes Jahrhundert Schach - und ist manche Partien nicht mehr losgeworden.
In der Jugend Gerhard Hunds, er wurde als ältestes der fünf Kinder eines berühmten Physikers am 4. Februar 1932 in Leipzig geboren, hatten Jugendliche zwei Möglichkeiten: Briefmarken sammeln oder Schachspielen. Hund entscheidet sich für das Spiel der Könige. Er gründet mit 16 Jahren am Gymnasium in Jena eine Arbeitsgruppe und wechselt 1948 in einen Schachklub. Sein erstes Turnier spielt Hund wenig später - bei den Damen: "Es gab damals keine Jugendabteilung und so mussten wir bei den Damen mitspielen."
In der Folgezeit lernt Hund rasch und lässt Schach immer mehr zu einem wichtigen Bestandteil seines Lebens werden. 1953 radelt der 21-Jährige zu einem Kandidatenturnier in die Schweiz - dort wird ein Herausforderer des Weltmeisters Botwinnik gesucht. Hund sieht die Großen spielen, nimmt sie als Vorbild und stellt zu Hause ihre Partien nach.
Zwei Jahre später zahlt sich das Training aus, Hund wird Stadtmeister in Frankfurt. In der Mainmetropole studiert er Physik und Mathematik, ehe er 1955 Mitarbeiter am Institut für Praktische Mathematik in Darmstadt wird. Später geht Hund nach Leverkusen und steigt dort bei der heutigen Bayer AG zum Systementwickler mit der Verantwortung über mehr als 150 Mitarbeiter auf. Er ist ein Pionier der frühen Computergeschichte, das Tüfteln liegt ihm im Blut.
"Ich hatte immer Spaß daran, Probleme zu lösen. Das hat mich an der Mathematik fasziniert und das fasziniert mich jedes Mal wieder am Schach", erzählt Hund, während er aus dem Fenster seines Hauses in Odelzhausen blickt. Vor ihm ein fein ziselierter Schachtisch, an den Wänden große Porträts und Bücherregale. Alles sehr barock, alles sehr altmodisch - nur Gerhard Hund selbst nicht. Strahlend zeigt er sein Handy und wie er ständig online ist. Wie er seine Homepage www.teleschach.de koordiniert und die neuesten Informationen aus der Schachwelt einarbeitet. So erfährt man, dass es Dopingregeln im Schach gibt und ein Sportler deshalb keinen Mohnkuchen mehr essen darf. Oder man gelangt auf die Seite mit Hunds vier Töchtern: alle Schachspielerinnen, Barbara Hund sogar die erste Großmeisterin Deutschlands.
"Unsere Töchter haben von sich aus mit Schach begonnen. Aber dann wurde es zu einem wichtigen Faktor für unser Familienleben", blickt Hund zurück. Die Familie besucht Turniere in Frankreich, der Schweiz, in Griechenland, Argentinien oder auch Island. Schach zeigt den Hunds die Welt, die Kinder kommen schon früh sehr weit herum.
Die vier Töchter dürfen 1985 auf Einladung des Nachrichtenmagazins Spiegel sogar bei einem Simultanturnier an der Seite von Prominenten wie Felix Magath oder Egon Bahr gegen die Schachlegende Garri Kasparow spielen. Simultan bedeutet, dass Kasparow gegen zwanzig Gegner gleichzeitig spielt. Als letzte verliert Susanne Hund. Kasparow geht zu ihr und fragt "Warum hast Du aufgegeben? Die Partie war doch remis."
Ein Schachspieler darf nie aufgeben und muss auch unter Druck stets ruhig bleiben. Eine Fähigkeit, die sich auch im Leben neben dem Brett auszahlt. Genauso wie viele andere Dinge, die das Schach fördert: Gedächtnisleistung, strategisches Denken, Ausdauer und natürlich die Fähigkeit, selbst bei einem Spiel über mehr als zehn Stunden konzentriert und geduldig zu bleiben. Oder noch länger. Hunds verstorbene Ehefrau Juliane wurde 1. Europameisterin im Fernschach. Beim Fernschach wurden die Züge früher per Postkarte zu den Gegnern geschickt, mit russischen Gegnern waren deshalb nur sechs Züge pro Jahr möglich. Am Ende dauerte die Europameisterschaft elf Jahre.
Auch Gerhard Hund spielt Fernschach, tritt heute noch für den SK Mering an und hält Kurse an der Volkshochschule. Seine größten Erfolge feierte er bereits in den 50er- und 60er Jahren. Hund wurde in der Mannschaft deutscher Vizemeister, holte im Einzel den Hessenpokal und wurde geteilter hessischer Landesmeister. Gegen seinen Hauptkonkurrenten verlor er eine Partie - die Partie, die er mit Weiß und Damengambit begann und die sich heute noch vor seinen Augen abspielt.
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