Heute Nacht hat sich der 36 Meter lange Autoklav nach Augsburg bewegt. Der Schwertransport bot ein imposantes Schauspiel, das sich viele Schaulustige nicht entgehen ließen. Von Sonja Krell

Es war der letzte Akt in einem imposanten Schauspiel, das es in den vergangenen Tagen in der Region zu sehen gab: Kilometer um Kilometer quetschte sich der 36 Meter lange Schwertransport durch Schwaben. Heute Nacht legte der Koloss die letzte Etappe zurück - die 20 Kilometer lange Strecke von Oberottmarshausen bis zu seinem Bestimmungsort, der Baustelle von Premium Aerotec im Süden Augsburgs. Dort kam der Druckofen heute Morgen an.
Gegen drei Uhr morgens ist die Reise des Riesen auf dem Firmengelände von Premium Aerotec zu Ende. Der Transport von Oberottmarshausen bis nach Augsburg verlief problemlos, heißt es heute Morgen bei der Polizei.
Und alle wollen sie ihn in der Nacht noch einmal sehen. Den Koloss. Den Giganten. Den Riesen. Acht Meter breit, neun Meter hoch, 36 Meter lang, ganze 260 Tonnen schwer. Anita Steiger steht da und schüttelt den Kopf. "Schon gewaltig", sagt die Frau aus Kissing und drückt noch einmal auf den Auslöser ihrer Digitalkamera. Mit der ganzen Familie ist sie gekommen, schließlich arbeitet der Sohn bei Premium Aerotec. "Da muss man sich das schon anschauen."
Ein ganzes Dorf ist auf den Beinen. Rund 300 Schaulustige sind ans Ortsende von Oberottmarshausen gekommen, wo der Schwertransport am Morgen zuvor eingetroffen war. So wie Walter Reiter. Seit etlichen Wochen verfolgt er den Weg des Schwertransports, der in Lauffen am Neckar gestartet war. Heute sieht er den mächtigen Koloss zum ersten Mal. "Ich hab es erwarten können, bis er in unser Dorf kommt. Das ist schon ein Spektakel." Andere pilgern dem rollenden Giganten regelrecht hinterher. Trotz Knieverletzung und Krücken steht Christine Rauh am Wegesrand und wartet. Drei Mal hat sie den riesigen Lkw schon beobachtet, wie er sich Meter für Meter durch die Straßen schiebt. Am Abend davor ist sie eingeschlafen. "Aber heute lass ich mir das nicht entgehen."
Noch immer hat sich der Koloss nicht von seinem Ausgangspunkt nahe der Bahnstrecke wegbewegt. Plötzlich pfeift es, die Schranken am Bahnübergang schließen sich. Ein Mann kann sich gerade noch in Sicherheit bringen, bevor die Schranke seinen Kopf erwischt. Die Männer um ihn herum lachen. Für Verkehrspolizist Hans Horn und seine Kollegen ist es eine Herausforderung, die Zuschauer auf Distanz zu halten.
Dann, um kurz nach halb elf, rollt der Riese. In Zeitlupe bewegt er sich über den Bahnübergang. Eine Straßenlaterne muss gedreht werden, dann kann es weiter gehen. Hundert Meter weiter das nächste Hindernis: Links stehen die Reifen am Bordstein an, rechts ist die Laterne im Weg. Doch die hoch spezialisierten Transporteure, die den Koloss mit konzentrierter Millimeterarbeit bewegen, wissen sich zu helfen: Die Neigung des Aufliegers wird verändert. Stück für Stück laviert sich der Koloss durch das Hindernis.
Im Ort ist es gespenstisch dunkel. Die Straßenlaternen mussten vom Netz genommen werden, später in der Nacht müssen im Süden Augsburg 85 Haushalte eine Stunde auf Strom verzichten. Zwei Mittelspannungsleitungen müssen aus Sicherheitsgründen abgeschaltet werden, wenn der Schwertransport sie passiert. Inzwischen hat sich der Koloss in die Ortsmitte gezwängt. Ein paar Zuschauer haben sich auf die Friedhofsmauer gestellt, andere stehen auf Bierbänken. Sie wollen ganz genau sehen, wie der Schwertransport die enge Kurve nimmt, wie er rückwärts den Berg in Richtung Bobingen hochgeschoben wird, immer in Richtung B 17, wo er ab Königsbrunn-Süd als "Geisterfahrer" nach Augsburg unterwegs ist.
Auch diese Nacht marschiert Peter Flöring mit Funkgerät und Taschenlampe vor dem Transport her. 320 Kilometer hat er den Druckofen, den so genannten Autoklav, durch die süddeutsche Landschaft dirigiert, bis zu seinem Bestimmungsort. Auch für ihn ist die letzte Etappe immer etwas Besonderes. "So ein Ding kann einem richtig ans Herz wachsen. Das möchte man schon fast nicht mehr hergeben", sagt der Transportleiter der Firma Voss. Aber er weiß: Es werden neue Kolosse auf ihn zukommen. Sonja Krell
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