Samstag, 16. Dezember 2017

13. November 2017 15:43 Uhr

Diedorf-Willishausen

Die Trauer braucht einen Ort

Wie sich die Art des Trauerns und der Bestattungen verändert und was den Schmerz des Abschieds leichter macht. Von Siegfried P. Rupprecht

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Waren sich einig, dass eine emotional und sozial mobile Gesellschaft mehr individuelle Trauergestaltungen fordert: (von links) Pfarrer Wolfgang Kretschmer, Bestatterin Sonja Litzel und Bildungsreferent Roman Aigner.
Foto: Siegfried Rupprecht

Die Trauerkultur habe sich verändert. Zu diesem Resümee gelangten sowohl Pfarrer Wolfgang Kretschmer von der Neusässer Pfarreiengemeinschaft als auch Sonja Litzel vom gleichnamigen Bestattungsdienst aus Dinkelscherben. „Der Trend geht zur Individualisierung und setzt zuweilen neue Maßstäbe“, so Kretschmer. Die Katholische Landvolk-Bewegung (KLB) Dinkelscherben hatte zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Gedenke, Mensch, du bist Staub – Trauerkultur im Wandel“ im Bürgerhaus Willishausen eingeladen.

Ursachen meist pragmatisch

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Aber auch die klassischen Rituale seien einer grundlegenden Veränderung unterworfen, stellten die Experten fest. „Der Trend geht zur Feuerbestattung“, erklärte Sonja Litzel. „Vor noch nicht langer Zeit hatten die Erdbestattungen einen Anteil von 90 Prozent.“ Mittlerweile würde die Hälfte der Verstorbenen eingeäschert. Hinzu komme, dass viele Trauernde sich inzwischen für eine alternative Grabstelle entscheiden. „Die Nachfrage geht hin zu Urnennischen und Stelen, aber auch zu anonymen Beisetzungen und sogenannten Friedwäldern.“

Sonja Litzel nannte auch die Ursachen für diese Entscheidungen. Sie seien meist pragmatisch. „Nicht selten sind die Angehörigen im ganzen Land verstreut.“ Da stelle sich bei fehlender Ortsnähe dann die Frage, wer das Grab pflegen soll. Natürlich spiele ebenso der Kostenfaktor für die Grabpflege eine Rolle.

„Aufwendige Zeremonien gibt es kaum mehr“, verwies sie auf den vorherrschenden Zeitgeist. Aber Trauerfeiern mit Eventcharakter seien in ihrer Region doch eher selten. Mehr um sich greife der Trend zu professionellen Trauerrednern und zu sogenannten „Vorsorgeverträgen“, in denen bereits zu Lebzeiten die Bestattungsmodalität festgelegt wird.

Sich von den Toten verabschieden

Pfarrer Wolfgang Kretschmer bedauerte, dass Beerdigungen und Verabschiedungen von den Toten in den letzten Jahrzehnten immer weniger Raum in der Gesellschaft einnehmen. „Früher gab es feste Rituale“, machte er aufmerksam. Als Beispiele führte er die Leichenwaschung und das Ankleiden des Verstorbenen an. „Heute werde das schwieriger, da die Menschen immer mehr außer Haus versterben.“ Doch gerade diese Handlungen ermöglichten eine heilsame und helfende Trauerbewältigung.

Für Kretschmer war weniger der Wandel der Trauer- und Bestattungskultur wichtig. Er plädierte vielmehr für eine Grundthese der Menschlichkeit und der damit verbundenen Würde. Er appellierte daran, nicht sofort nach dem Bestatter zu rufen, sondern sich vom Toten angemessen zu verabschieden und den Trauerfall öffentlich zu machen, damit auch andere Trauernde Abschied nehmen können. Nichts hielt er von dem Hinweis, von Beileidskundgebungen Abstand zu nehmen. Das sei unmenschlich gegenüber den anderen Trauernden. Kummer und Tränen seien menschlich und gehören mit zur Trauerbewältigung. Weiter machte sich der Geistliche stark, Kinder mit zu Beisetzungen zu nehmen. „Sie erleiden bei einer christlichen Bestattung keinen Schaden. Im Gegenteil: Sie tun den Angehörigen immer gut.“

Nichts hielt Kretschmer bei der Beisetzungsfeier von einem Verzicht auf die Sargabsenkung ins Grab. Nur so sei es eine Beerdigung, andernfalls lediglich eine „Ablagerung“.

Tod soll kein Tabu-Thema mehr sein

Bei der Diskussion meinte eine Besucherin, dass sie bei einer Seebestattung schmerzlich erfahren habe, dass hier kein Ort zum Trauern vorhanden sei. Pfarrer Kretschmer pflichtete ihr bei: Man brauche einen Ort, wo man trauern kann.

Souverän geleitet wurde die Runde von Moderator Roman Aigner, Referent beim KLB-Bildungswerk Augsburg. Er meinte abschließend, dass mit dem Wandel der Trauerkultur manche Tradition verloren gehe, dadurch aber auch alte Wertevorstellungen zur Auseinandersetzung anregen und Neues gestaltet werden könne. Zudem griff er die Forderung eines Gastes auf, in der Familie unbedingt mehr über den Tod zu reden. Das Thema sei immer noch – egal ob bei Jung oder Alt – tabuisiert. Das dürfe so nicht bleiben, resümierte Aigner.

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Dinkelscherben | Augsburg

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