Was ist das "Volk"? Was ist "Heimat"? Und was zeichnet die bayerischen Schwaben aus? Die Antworten sind oft patriotisch aufgeladen und mit diffusen Vorstellungen verbunden. Dass diese Assoziationen konstruiert sein können, zeigt die Dissertation "Ethnische Gewissheiten" von Martina Steber. Unter diesem kryptischen Titel hat die Schwabmünchnerin Kultur und Politik im bayerischen Schwaben untersucht.

Von Fabian Schweyher
Landkreis Augsburg Was ist das "Volk"? Was ist "Heimat"? Und was zeichnet die bayerischen Schwaben aus? Die Antworten sind oft patriotisch aufgeladen und mit diffusen Vorstellungen verbunden. Dass diese Assoziationen konstruiert sein können, zeigt die Dissertation "Ethnische Gewissheiten" von Martina Steber. Unter diesem kryptischen Titel hat die Schwabmünchnerin Kultur und Politik im bayerischen Schwaben untersucht - vom Kaiserreich der Jahrhundertwende bis zum NS-Regime.
Vier Jahre lang arbeitete sie an der Universität Augsburg an dem Werk, das sie 2006 abschloss. Jetzt bekam Steber den Förderpreis des Bezirks Schwaben verliehen: Als "Markstein in der Geschichtsschreibung Bayerisch Schwabens" bezeichnete die Jury die Arbeit.
Ausgangspunkt für die Dissertation ist das 19. Jahrhundert, in dem der französische Herrscher Napoleon Bonaparte dem Königreich Bayern neue Gebiete überlässt. In Verwaltungsbezirken zusammengefasst werden sie "mit historischen Stammesnamen verbunden", so Steber. Die Franken, die Pfälzer oder eben auch die Schwaben - Die bürgerlichen Eliten versuchen, die in ihrer Vorstellung damit verbundenen Charaktereigenschaften auf die Menschen zu übertragen. Gefördert und vorangetrieben wird dies von der bayerischen Politik. Selbst die Wissenschaft greift die Entwicklung auf - ausgelöst vom gesellschaftlichen Wandel, der mit der Industrialisierung einhergeht. "Es herrscht die Furcht, dass das Ursprüngliche in der Gesellschaft verloren gehen könnte. Dieses Reine wird im Volk und auf dem Land gesucht." Die Folge: Um die Jahrhundertwende entstehen Geschichtsvereine an immer kleineren Orten. "Die Eliten, Pfarrer und Lehrer betreiben Volkskunde."
In Bayerisch Schwaben spielt der Verein "Heimat" in Kaufbeuren eine entscheidende Rolle. Er ist nationalistisch, einflussreich und verfolgt den Ansatz, dass mit der Verstädterung die Sitten verfallen und das Volk von seinem Boden entfremdet wird. "Völkisches Gedankengut verbindet sich mit dem Begriff Heimat."
Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 entwickelt sich "Heimat" zu einer existenziellen Erfahrung, die alle Gesellschaftsschichten erfasst. "Der Kriegseinsatz wird zur Verteidigung der Heimat."
Ein Sehnsuchtsort, dessen Definition den bürgerlichen Eliten überlassen bleibt. Nach der Niederlage im Jahr 1918 dient diese Vorstellung, um die Wunden des Kriegs und die der späteren Wirtschaftskrisen zu heilen. "Beispielsweise wird der Heimatkundeunterricht an den Volksschulen verpflichtend, Tageszeitungen produzieren Heimatbeilagen und in den Orten werden Heimatfeste gefeiert", sagt die Historikerin. Doch es gibt Unterschiede: "Im bayerischen Schwaben wird sehr dezidiert neu-rechtes Gedankengut mit ¿Heimat¿ verbunden. Das hängt zu einem großen Teil mit der Kulturpolitik zusammen, die vom Kreistag von Schwaben und Neuburg betrieben wird."
Dieser beschließt etwa im Jahr 1929, dass die Stelle eines Kreisheimatpflegers eingerichtet wird, der dem "schwäbischen Menschen" verpflichtet ist. Regionalisten treten mitunter für die Abtrennung der Schwaben von Bayern ein. Gleichzeitig entsteht der utopische Wunsch nach einer einheitlich harmonischen Gesellschaft. Dies führt dazu, dass Streitkultur als "unheimatlich" betrachtet wird.
"Dieses Ordnungsmuster von Bayerisch Schwaben wird im Dritten Reich zugespitzt, das demokratische Potenzial verdrängt", sagt Martina Steber. Die Nationalsozialisten stellen sich schließlich als Vertreter der bayerischen Schwaben dar und ihre Ideologie als ein Teil ihres Wesens.
Aus diesem Grund äußern sie genauso ihre Wertschätzung des Bauerntums, was auch eine Rolle im Zweiten Weltkrieg spielt. So wird beispielsweise das Bild vom wehrhaften schwäbischen Bauern als idealem national-sozialistischen Menschen in der Zeitschrift "Front und Heimat" propagiert, das die schwäbischen Soldaten erhalten.
Jetzt bestellen! Das neue iPad inkl. e-Paper.
Artikel kommentieren
| Artikel bewerten: