Sonntag, 19. November 2017

15. Dezember 2016 12:53 Uhr

Neusäß

Lernen mit Kopf, Herz und Hand: Was Schüler alles erleben dürfen

Das Berufliche Schulzentrum in Neusäß wünscht sich einen Niedrigseilgarten. Warum das aus Sicht der Pädagogen keine Extravaganz ist

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Erfahrungen mit alkoholabhängigen oder drogensüchtigen Eltern, eine eigene Behinderung oder Erlebnisse auf der Flucht aus einem Land, in dem Krieg herrscht – nicht wenige Schüler des Beruflichen Schulzentrums in Neusäß schleppen einen schweren, unsichtbaren Rucksack mit sich herum. „Im Durchschnitt gibt es in jeder Klasse zwei Kinder mit psychischen Problemen“, erläutert Lehrer Peter Schröttle im Schul- und Kulturausschuss des Landkreises. Und die stellvertretende Schulleiterin Monika Stockinger-Warm ergänzt: „Intakte Familien werden immer seltener.“ Nun hofft die Schulgemeinschaft, mit einer innovativen Möglichkeit auf ihre Schüler eingehen zu können: Auf dem neuen Schulgelände soll ein Niedrigseilgarten eingerichtet werden.

Dort könnten die Jugendlichen lernen, als Team zu arbeiten, Vertrauen aufzubauen und Verantwortung zu übernehmen. Und am Ende erleben, zu welchen Leistungen sie fähig sind. Aber: So richtig überzeugt sind die Kreisräte im Schulausschuss noch nicht.

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Schon heute gehören außergewöhnliche Erlebnisse in vielen Schulen zum organisierten Alltag: Sommersportwochen mit Rafting oder Bogenschießen bieten unter anderem das Schmuttertal-Gymnasium in Diedorf oder die Realschule in Zusmarshausen an. Im kommenden Schuljahr geht es noch einen Schritt weiter. Die Erlebnispädagogik wird in den neuen Lehrplänen verankert sein, die dann für jede Schulart gelten.

Dabei ist heute schon viel geboten. Im September hat eine Gruppe Schüler des Paul-Klee-Gymnasiums in Gersthofen mit dem Mountainbike die Alpen überquert. Ein ganzes Jahr lang haben sie ihre Reise vorbereitet, trainiert und geplant. Trotz der physischen und psychischen Belastungen bei der Fahrt über die Berge war schließlich auch bei den letzten Steigungen kein Gedanke mehr ans Aufgeben. Ähnliche Erfahrungen hat Lehrer Sebastian Kretschmann von der Montessorischule in Dinkelscherben mit seinen Schülern gemacht. Schon mehrmals hat er dort eine Alpenüberquerung angeboten. Solch ein Erlebnis könne das Leben nachhaltig verändern, ist er überzeugt.

Derartige Angebote kann sich CSU-Fraktionssprecherin Carolina Trautner gut vorstellen: „Sollten das nicht lieber unterschiedliche Angebote sein, als immer derselbe Niedrigseilgarten?“ fragte sie im Ausschuss. Aus ihrer Fraktion kam zudem die Befürchtung, dass nun ganz viele Schulen beim Landkreis um solch einen Niedrigseilgarten anfragen könnten. Immerhin liegt das Angebot, das die Schule in die Ausschusssitzung mitgebracht hatte, bei rund 150000 Euro in der Anschaffung und jährlich etwa 2500 Euro im Unterhalt.

Hinzu kommt der Kauf der nötigen Ausrüstung für die Schüler von Helmen bis zu Karabinerhaken, die wohl noch einmal mit etwa 130 Euro pro Schüler veranschlagt werden müssten.

„Wir könnten den Niedrigseilgarten an andere Schulen vermieten“, so Lehrer Peter Schröttle. Bereitschaft, den Niedrigseilpark zu nutzen, hat bereits die benachbarte Realschule gezeigt. Das Kollegium sei auch bereit, Fortbildungen zu besuchen, um den Seilgarten anschließend auch richtig nutzen zu können. Derartige Fortbildungen bietet unter anderem die Uni Augsburg an, die eigens eine interdisziplinäre Initiative zur Erlebnispädagogik gegründet hat. Die Schulleitung des Gymnasiums Neusäß sieht in dem Angebot vor allem eine Möglichkeit für die Klassen fünf bis sieben. Das Berufliche Schulzentrum selbst plant, mit jeder Klasse drei Mal im Jahr den Niedrigseilgarten zu besuchen.

Das ist aber noch nicht alles. Anders als in einem öffentlich zugänglichen Seilgarten, wo vor allem das Erlebnis, weniger aber die Pädagogik im Vordergrund stehe, biete das schuleigene Angebot die Möglichkeit, schnell auf brenzlige Situationen in den einzelnen Klassen zu reagieren. Ein wichtiges Thema dabei ist Mobbing. Wenn „Täter und Opfer“ sich in gegenseitiger Abhängigkeit im Seilgarten begegnen würden, lasse das ganz neue Zugänge zueinander zu, ist Schröttle überzeugt.

Und noch einen Ansatzpunkt sieht er: Künftige Erzieher oder Kinderpfleger könnten im Niedrigseilgarten lernen, was sie später mit Kindergruppen dort unternehmen können. Landrat Martin Sailer hat das Vorhaben jetzt zur nochmaligen Diskussion zurück in die einzelnen Fraktionen geschickt. »Kommentar

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Ein Artikel von
Jana Tallevi

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