Samstag, 19. August 2017

18. Juni 2016 10:50 Uhr

Dinkelscherben

Über Nacht vom Zen-Meister zum Patienten

Genpo Döring gründete in Dinkelscherben einen buddhistischen Tempel. Als er einen Schlaganfall erlitt, hatte er eine Nahtod-Erfahrung.

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In Dinkelscherben gibt es einen buddhistischen Tempel, den der Zen-Meister Genpo Döring gegründet hat. Im obersten Stockwerk des Hauses befindet sich der Gebets- und Meditationsraum. Döring hat ein bewegtes Jahr hinter sich: 2015 erlitt er kurz vor seinem 60. Geburtstag einen Schlaganfall.
Foto: Marcus Merk

Früh morgens weckt Genpo Döring eine Stimme, die sagt: „Steh auf!“ Darauf sagt er: „Dann mach bitte das Licht an!“ Aber für Döring bleibt es dunkel, er kann nichts sehen – außer ein schönes fernes Licht. „Das war so verlockend, da wollte ich hin, aber die Sanitäter ließen mich nicht. Ich weiß noch, wie enttäuscht ich mich fühlte, dass ich nicht zu dem Licht konnte“, schildert der 61-Jährige den vielleicht bedeutsamsten Moment in seinem Leben – eine Nahtoderfahrung nach einem Schlaganfall vor gut einem Jahr.

Dieses Erlebnis hatte ein besonders spiritueller Mensch: Denn Genpo Döring ist buddhistischer Priester und Zen-Meister. Und nachdem er dem Tod so nahe gekommen war, ist er mehr denn je von der buddhistischen Lehre überzeugt: „Alles Körperliche lässt man zurück. Alles verschwindet: Sorge, Furcht, Schmerzen. Und da war nichts und niemand außer diesem unglaublich schönen Licht. Und da kam kein Jesus, kein Buddha.“ Und – Spaß muss sein – „auch kein alter Mann mit Bart.“

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Seit fast 25 Jahren gibt es im kleinen Markt Dinkelscherben am Waldrand einen buddhistischen Tempel, den Bodaisan-Shoboji-Tempel der Hakuin-Zen-Gemeinschaft, des Trägervereins mit rund 80 Mitgliedern. Den Tempel im ehemaligen Rittmeister-Haus hat 1992 der buddhistische Priester Dorin Genpo Döring gegründet. „Damals haben viele die Nase gerümpft und wir hatten komische Postkarten im Briefkasten“, erinnert sich der Leiter der Gemeinschaft. Aber inzwischen sind die Buddhisten im Dorf akzeptiert und toleriert.

Wer den Tempel besuchen will, muss genau hinschauen. Denn in der Burggasse 15 steht äußerlich ein normales älteres Haus. Ein Schild weist auf den Tempel. Drinnen im Flur steht eine Reihe an Hausschuhen, es heißt „Bitte Schuhe ausziehen“. Ganz oben befindet sich der eigentliche „Gebetsraum“, der Tempel. Prächtig verziert, mit Sitzkissen für die Meditation, eine große Buddhafigur vorne. Ein Stockwerk tiefer eine große Küche mit einem Tisch für mindestens zwölf Personen. Der buddhistische Zen-Priester, im schwarzen Gewand und barfuß, schenkt Tee ein und erzählt. Viel. Lebhaft. Er lacht oft herzhaft, ist wortgewandt, oft witzig, mit einem gewissen Schalk in den blauen Augen und einem großen Schatz an Anekdoten. Wenn er von seinem turbulenten Leben, aber auch der buddhistischen Lehre erzählt, vergehen die Stunden wie im Flug.

Geboren wird „Genpo“ 1955 als „Rudi“. Als Hans Rudolf Döring im erzkatholischen Altötting als eines von sieben Kindern. Schon früh kamen ihm Zweifel am rigiden Katholizismus – immerhin hatte ihm ein brutaler Pfarrer das Ohrläppchen eingerissen.

Der Vater stirbt früh, und als die Mutter wieder heiratet, geht der Bub schon mit 15 Jahren nach München ins Hotel in die Lehre. Es ist Hippiezeit in der großen Stadt. „Ich war religiös, aber auf der Suche“, erinnert er sich. Als junger Mann taucht Döring ein ins spirituelle Getümmel, erkundet alle möglichen Sekten und Glaubensrichtungen. „Das war für mich ein El Dorado, Predigten an jeder Ecke!“ Die meisten waren für ihn jedoch „Spinner“, und die anderen Weltreligionen erscheinen ihm kurzsichtig und intolerant.

Nur der Buddhismus überzeugt ihn. Er studiert die Lehre und reist nach Thailand, Sri Lanka und Japan, um sie in der Praxis kennenzulernen. Besonders der Zen-Buddhismus mit dem Schwerpunkt Meditation begeistert ihn. 1985 wird Döring in Japan Schüler des Zen-Meisters Hozumi Gensho Roshi, fünf Jahre später wird er zum Priester geweiht und erhält seinen neuen Namen „Dorin Genpo“.

Gemeinsam mit seiner Frau Toshiko, einer Japanerin und Meisterin der Teezeremonie, die er in München kennengelernt hatte, arbeitet Genpo am Aufbau der Gemeinschaft und sucht ein geeignetes Gebäude. Das Paar landet in Dinkelscherben, bekommt drei Kinder und integriert sich im Ort: Dörings nehmen aktiv am Gemeindeleben teil, sind bald keine Fremden mehr.

Wie viele andere Seelsorger hat Döring einen Terminkalender wie ein Manager: Als Vizepräsident und Delegierter des Weltdachverbands der Buddhisten (WFB) nimmt er weltweit an Kongregationen und Konferenzen teil, arbeitet für nichts Geringeres als den Religions- und Weltfrieden. In Augsburg ist er Teilnehmer am „Runden Tisch der Religionen“, und vor allem kümmert er sich um seine „Schäfchen“, ist Seelsorger und Lehrer.

Und dann ist quasi über Nacht alles vorbei, und Genpo Döring muss plötzlich den fundamentalen Glaubenssatz des Buddhismus, dass alles vergänglich und nicht von Bestand ist, am eigenen Leib erfahren: Denn am 4. April 2015, drei Wochen vor seinem 60. Geburtstag, erleidet er nachts einen Schlaganfall.

Die Erfahrung, die er in dieser Nacht nach einem Familientreffen gemacht hat, beschreibt Genpo Döring als geradezu mystisch. Seine Familie berichtet später, er habe sich gegen die Sanitäter gewehrt und am Geländer festgehalten. „Die dachten, ich stünde unter Drogen.“ Als der Notarzt eintrifft, erkennt der aber sofort den Schlaganfall, und Döring wird ins Krankenhaus gebracht – ausgerechnet nach Altötting, den Ort seiner leidvollen Kindheit.

Als er im Krankenhausbett aufwacht, sei er regelrecht enttäuscht gewesen. Danach geht der Kampf zurück ins Leben los: Reha, Krankengymnastik, das Gefühl der Hilflosigkeit. „Es sind ganz wertvolle Erfahrungen, die ich da machen durfte.“ Im Krankenhaus, mit dem teilweise sehr überforderten Pflegepersonal.

Er hatte Glück, der Schlaganfall wurde rechtzeitig erkannt und behandelt. Außerdem hätte es schlimmer kommen können: Das Sprachzentrum wurde nicht betroffen. Die linke Körperhälfte war gelähmt, aber das hat sich mit der Zeit sehr gebessert. Ein Jahr lang fällt der Zen-Meister praktisch aus, seine Mitglieder müssen plötzlich ohne ihn auskommen und selbstständiger werden. Genpo Döring macht zwar einige Monate den Versuch, sein Nachrücker-Mandat für die SPD im Gemeinderat Dinkelscherben auszufüllen. Aber er merkt bald, dass ihm dafür die Kraft fehlt. Auch für seine Ämter im Verband der Buddhisten werde er sich nicht mehr zur Wahl stellen, sagt er. „Ich konzentriere mich jetzt auf meine Arbeit vor Ort im Tempel“, aufs Gesundwerden: Wenig Stress, mal wieder ins Fitnessstudio gehen.

Besonders seine eigene „Erfindung“, auch im Gehen zu meditieren, hat dem Zen-Priester bei der Genesung geholfen. Denn „Zen in Bewegung“ sei auch für ältere Menschen und Kranke, die Probleme mit dem langen Sitzen in der klassischen Meditationshaltung haben, geeignet.

Die Vorstellung, dass Krankheit auch immer etwas mit dem Gleichgewicht von Seele und Psyche zu tun hat, führte interessanterweise dazu, „dass einige meiner Mitglieder sogar enttäuscht waren. Sie fragten sich, wie mir als Zen-Meister das passieren konnte“.

Eine Frage, die er sich selbst überhaupt nicht stellt. „Da kann man nichts machen, nichts ändern.“ Krankheit sei keine Strafe, kein Versagen. Das sei das Leben, ein Prozess: „Wir altern, werden krank und sterben. Das verdrängen wir nur gerne. Heil zu sein bedeutet, damit mit Gleichmut umgehen zu können.“

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Ein Artikel von
Angela David

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