Dienstag, 20. Februar 2018

09. Februar 2018 01:00 Uhr

Auszeichnung

Achtes Leben – neunter Brecht-Preis

Die in Tiflis geborene Schriftstellerin und Dramatikerin Nino Haratischwili erhält die hoch dotierte Augsburger Auszeichnung 2018. Ihr Werk: der Konflikt zwischen Ost und West.

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„Man könnte diese Geschichte in einer Berliner Altbauwohnung beginnen – recht unspektakulär und mit zwei nackten Körpern im Bett. Mit einem siebenundzwanzigjährigen Mann, einem gnadenlos talentierten Musiker, der gerade dabei ist, sein Talent an seine Launen, an die unstillbare Sehnsucht nach Nähe und an den Alkohol zu verschenken. Man kann die Geschichte aber auch mit einem zwölfjährigen Mädchen beginnen, das beschließt, der Welt, in der sie lebt, ein Nein ins Gesicht zu schleudern...“

So heißt es eingangs von Nino Haratischwilis dicker Familiensaga „Das achte Leben (für Brilka)“, diesem Sensationserfolg aus dem Jahr 2014, hochgelobt als „bester und wagemutigster deutschsprachiger Roman des Herbstes“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung): „Haratischwili hat ein Buch geschrieben, das im Umfang maßlos ist, doch jeden Satz braucht.“

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Zu den Folgen dieses 1270-seitigen Epos „Das achte Leben“ (Ullstein, 18 Euro), das die Geschichte einer georgischen Familie über ein ganzes Jahrhundert, über Politsystemwechsel und sechs Generationen hinweg außergewöhnlich hart und klar erzählt, gehören Auszeichnungen und eine anhaltend publikumsüberrannte Dramatisierung des Stoffes am Hamburger Thalia-Theater. Und zu der Wirkung dieses Romans gehört nun ebenfalls: Nino Haratischwili wird am 19. April den mit 15000 Euro dotierten Bert-Brecht-Preis der Stadt Augsburg erhalten (Laudator: Andreas Platthaus, FAZ).

Komplizierte Prozesse in sinnlicher Geschichte

Zur Zuerkennung erklärt die Jury, „Nino Haratischwilis Werke, also ihre Romane und Theaterstücke, lassen sich mit den großen Exildramen Bertolt Brechts in Verbindung bringen. Ihre Begabung, komplizierte historische Prozesse, Revolutionen und Kriege ebenso wie menschliches Versagen, Opportunismus und Machtmissbrauch sowie individuelle Katastrophen in sinnliche Geschichte und großartige Frauenfiguren zu fassen, erinnert an Brechts ,Mutter Courage‘ und seinen ,Kaukasischen Kreidekreis‘. Dabei erzählen die Geschichten und Figuren Nino Haratischwilis von den historischen und aktuellen Menschenströmen, die als Folge von Krieg und Revolution damals wie heute durch Europa ziehen.“

Und speziell über Nino Haratischwilis „Das achte Leben“ urteilen die Juroren, dass dort ein „beeindruckendes Pathos“ herrsche, „das niemals den analytischen Blick verstellt und ein Jahrhundert aus osteuropäischer Sicht für uns Westeuropäer völlig neu erfahrbar“ macht. Zu den Juroren des Brecht-Preises gehören unter Vorsitz des Augsburger Kulturreferenten Thomas Weitzel die Augsburger Germanisten Mathias Mayer und Jürgen Hillesheim, die Theaterintendantin Shermin Langhoff (Gorki Theater Berlin) und die Dramaturgin Andrea Koschwitz (Residenztheater München) sowie die Journalisten Uwe Wittstock und Hubert Spiegel (FAZ).

Bekannt durch Romane und Dramen

Nino Haratischwili wurde 1983 in Tiflis/Georgien geboren und kam zusammen mit ihrer Mutter erstmals 1995 nach Deutschland, wo sie mittlerweile – nach Gymnasiumsbesuch in Tiflis und Regie-Studium in Tiflis (und Hamburg) – auch lebt. Bekannt wurde sie sowohl durch ihre Romane als auch ihre Dramen: „Radio Universe“ (über den Kaukasuskonflikt), „Land der ersten Dinge“ (über eine bettlägerige westliche Pensionärin mit Pflegerin aus dem Osten) und „Die Barbaren“ (Burgtheater Wien, 2017) – ein Monolog, in dem die selbst eingewanderte Putzfrau Marusja über neuankommende Flüchtlinge herzieht und diese beschimpft.

Zur Entstehungsgeschichte von „Das achte Leben“ erläuterte Haratischwili einmal: „Nicht nur im Westen, auch im Osten ist die Geschichte der Sowjetunion in der Bevölkerung überhaupt nicht aufgearbeitet. Viele Vorgänge, die jetzt in Georgien und Russland stattfinden, habe ich nicht verstanden. Darum habe ich angefangen, mich mit der Geschichte zu befassen. Ich wollte den Ursprung finden. Und so bin ich immer etwas weiter in die Zeit zurückgegangen – bis ich bei der Oktoberrevolution landete. Da fragte ich mich: Tu ich’s mir an? Ich hab’s mir angetan. Das Fatale an der westlichen Interpretation der Geschichte ist, anzunehmen, dass es eine Zäsur gab 1989. Das stimmt nicht, die Gegenwart Europas ist die Fortsetzung der Geschichte seit der Oktoberrevolution.“ Heute lebt die Schriftstellerin mit Mann und kleiner Tochter in Hamburg.

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Ein Artikel von
Rüdiger Heinze

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Ressort: Kultur und Journal


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