Für Justus (Name geändert) haben schon Dinge zu seinem Alltag gehört, mit denen die meisten Menschen ihr Lebtag nichts zu tun hatten: Der Bub weiß, was eine Plombe Heroin kostet, und dass der Hauptumschlagplatz für Drogen in den Niederlanden Rotterdam ist. Während andere Kinder Räuber und Gendarm spielen, spielt er lieber, wo man sich bei einer Wohnungsdurchsuchung vor der Polizei versteckt. Und das Schlimmste: Mit acht Jahren hat der Bub über Monate hinweg Heroin bekommen. Gestern stand sein Vater vor Gericht. Von Stefan Krog
Weil er alle zwei Wochen in die Niederlande gefahren war, um Heroin zu kaufen, das er teils für sich brauchte und teils weiterverkaufte, verurteilte die 1. Kammer des Landgerichts den 45-Jährigen zu achteinhalb Jahren Haft. "Uns hat nicht schockiert, dass Sie mit Heroin gehandelt haben. Das ist Tagesgeschäft für diese Kammer. Aber für das mit Ihrem Sohn fehlen einem eigentlich die Worte", so Richter Andreas Dobler.
Zwar wird das Jugendamt immer wieder eingeschaltet, wenn Kinder in Drogenfamilien leben. Doch ein derartig krasser Fall war in Augsburg bisher noch nicht bekannt. Justus' Mutter ist heroinabhängig, spritzte sich bald nach der Geburt des Buben vor neun Jahren in der Wohnung im Wertachviertel das Rauschgift. "Natürlich hat der Bub das mitbekommen. Er hat das durch einen Lüftungsschlitz in der Badtür gesehen", so der Vater vor Gericht. Er nahm zunächst noch kein Heroin, verfiel der Droge aber, als Justus etwa drei Jahre alt war. Dann trennten sich er und die Mutter.
Mit seinem Vater ging Justus abends regelmäßig auf Dealer-Tour im Bereich Wertach und Oberhauser Bahnhof. "Ich konnte ihn doch nicht daheim lassen", so der Angeklagte. Er ist ein Mann, dessen Gesicht älter aussieht als 45 Jahre, dessen halblange gesträhnte Haare aber seltsam jugendlich wirken.
Teils schob er den Buben trotz dessen Alter im Kinderwagen mit. Ehemalige Nachbarinnen mutmaßten bei der Polizei, dass die Drogen im Kinderwagen versteckt waren. Konkrete Hinweise darauf ergaben sich vor Gericht aber nicht. Allerdings hatte der 45-Jährige möglicherweise im Sinn, sich so als Familienvater zu tarnen. Mehrmals habe der Bub dem Vater gesagt, er wolle keine Drogengeschäfte mehr mitmachen, so Zeugen. In der Drogenszene wurde zunehmend über den Dealer mit Kinderwagen getuschelt, dann flog ein Hintermann in Holland auf. Im Oktober 2009 nahm die Polizei den 45-Jährigen fest.
Im Dezember wurde eine Sozialpädagogin als Vormund für das Kind bestellt, Justus lebt inzwischen in einem Heim. Die Sozialpädagogin erzählte vor Gericht, wie seltsam ihr das Kind im ersten Gespräch vorkam. Der Bub sei intelligent, aber aggressiv und habe starke Stimmungsschwankungen gehabt, die auch in der Schule auffielen. "Eigentlich wollte ich es nicht glauben, aber da kam mir der Gedanke an Entzugserscheinungen." Eine Haarprobe ergab, dass Justus wohl über mindestens acht Monate hinweg mehrmals Heroin bekommen hatte.
Nicht geklärt werden konnte, wer dem Buben Heroin gab. Der Angeklagte bestritt dies vehement. Er habe dem Kind ein guter Vater sein wollen, so gut dies eben ging. Tatsächlich machte er mit seinem Sohn viele Ausflüge, flog im Sommer einmal mit ihm nach Bulgarien.
Staatsanwalt Michael Nißl forderte zehneinhalb Jahre Haft. Verteidiger Dietmar Geßler forderte sechseinhalb Jahre Haft. Doch, so das Gericht, die eigentliche Strafe sei für den Angeklagten, der der Verhandlung teils unter Tränen folgte, dafür verantwortlich sein, seinen Sohn in die Nähe von Drogen gebracht zu haben. Justus' Vormund sieht die Lage düster. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus einer Drogen-Familie selbst süchtig werde, sei erhöht. Justus' Hirn dürfte sich zudem auch langfristig an das Heroin erinnern - ein Risikofaktor. "Vielleicht bekommt er es hin. Ich hoffe es, ich weiß es nicht", so die Sozialpädagogin. »Kommentar
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