Wagemut steht Augsburgs frischem GMD Dirk Kaftan gut zu Gesicht, durchbrechen doch seine Programme häufig den Konzert-Alltag. Und so überraschte es nicht, mit Robert Schumanns "Faust-Szenen" eine späte Augsburger Erstaufführung zu erleben. Gewiss, Aufwand wie Besetzung sind groß, schwer einzuordnen und zu fassen ist dieses "Bildungsoratorium". Erst im Jahr 1862 fand eine Uraufführung statt.
Volle neun Jahre, von Persönlichkeitskrisen gebeutelt, setzte er sich mit dem Goethe-Stoff auseinander. Heraus kam ein Fragment, aus dem der dritte Teil aufragt, wie die Augsburger Interpretation erhellte. In der letzten Szene, der Faust-Verklärung, findet er jenes geschlossene Terrain vor, das romantische Zauberkräfte weckt.
Echoeffekte heiliger Einsiedler und schwebende Engelssphären
Gewichtige Aufgaben für den stattlichen Chor: Gebildet aus Theater- und Philharmonie-Chor, entfaltete er sich homogen zu sinfonischer Größe, gewann schon mezza voce Substanz: plastisch in den Konturen, biegsam im Ton. Die romantische Verortung faszinierte: Zuerst die Echoeffekte heiliger Einsiedler in Gebirgsszenerie, darauf schwebende Engelssphären, Fausts Seele wird gerettet und emporgetragen, schließlich seine Heiligung mit dem finalen Chorus mysticus. Chorwelten entfalteten sich, die sich polyphon verdichteten, ätherisch auflichteten und alles andere als sentimental mystischen Glanz gewannen: eine Himmelfahrt der Romantik.
Darin verwoben sind die Solisten, die nicht solitär herausragen. Armin Kolarczyk ging feinfühlig im Rollenspiel zwischen Faust, Pater Seraphicus und Doktor Marianus auf, legte behutsam die lyrischen Innenwelten frei. Sophia Brommer als Gretchen war das ebenbürtige Pendant. Yasushi Hirano, gekonnt zwischen Mephisto, Böser Geist und Pater Profundus changierend, setzte schwarze Farben. In kleineren Rollen würzten Roman Payer, Victoria Granlund, Cathrin Lange, Kerstin Descher und Ji-Woon Kim das Solisten-Tableau, während Stephanie Hampl als mater gloriosa das Spektrum zwischen Gretchen und Muttergottes weitete. Das Fluidum des Katholischen verdichteten die Augsburger Domsingknaben im berührenden Sopran/Alt-Satz.
Durch diese grandiose Schluss-Szene schrumpft "Faust I + II" zu Episoden. Gestrichen der Teufelspakt, als Gegenspieler wird Mephisto degradiert: Szenenreihung statt dramatischer Entwicklung. So fehlte es hier an orchestraler Prägnanz, was keineswegs an Kaftans versiertem, beherztem Dirigat lag, sondern an Schumanns grüblerischer Innerlichkeit. Einige Episoden gewannen dennoch Profil: Die vier grauen Weiber um Mitternacht als shakespearehafte Hexenszene und Fausts Tod, von den Augsburger Domsingknaben im Lemurenchor in die Nähe eines makabren Scherzes gerückt. Dann stand die Uhr still - erlöschend im Tod. Das Publikum goutierte das vorläufig letzte Sinfoniekonzert in der Kongresshalle.
Jetzt bestellen! Das neue iPad inkl. e-Paper.|
|
Artikel kommentieren
| Artikel bewerten: