Samstag, 2. Juli 2016

18. Februar 2016 21:19 Uhr

Schule

Am Freitag gibt's Zwischenzeugnisse: Ist Sitzenbleiben noch zeitgemäß?

Am Freitag gibt es Zwischenzeugnisse. Musterschüler feiern ihren Einserschnitt, andere fühlen sich als Versager. Über Sinn und Unsinn der Ehrenrunde.

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Die Lage ist ernst. Mit diesem Zwischenzeugnis ist das Vorrücken in die nächsthöhere Jahrgangsstufe „sehr gefährdet“.
Foto: Symbolfoto: Bernhard Weizenegger

Hans Schweiger hat gerade wieder viel zu tun. Früher war er Lehrer. Jetzt berät er Schüler und Eltern, wenn es Probleme mit dem Lernen gibt. Heute werden in Bayern die Zwischenzeugnisse vergeben – und die Probleme sind plötzlich nicht mehr zu leugnen, sondern schwarz auf weiß gedruckt.

„Vor und nach diesem Tag verdreifacht sich die Zahl unserer Beratungsgespräche“, sagt Schweiger, der seit sieben Jahren die staatliche Schulberatungsstelle in Schwaben leitet. In „normalen“ Monaten führt sein Team allein am Telefon an die 250 Beratungsgespräche. E-Mails und persönliche Gespräche sind noch gar nicht eingerechnet, geschweige denn die Arbeit der Beratungslehrer und Psychologen an den Schulen selbst. Bei ihnen kommt der allergrößte Teil der Hilferufe an. Die häufigste Frage im Februar: Wie geht es weiter, wenn dieser eine Satz im Zeugnis steht: „Das Vorrücken ist gefährdet“?

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150.000 Schüler bleiben im Jahr sitzen

Bei rund 300.000 Schülern in Deutschland steht dieser Satz pro Jahr im Zwischenzeugnis. Die Zahl ist relativ konstant. Ungefähr die Hälfte reißt das Ruder noch herum. Bleiben immer noch 150.000 Kinder und Jugendliche, bei denen am Schuljahresende ein zweiter Satz ihm Jahreszeugnis folgt, viel brutaler als der erste. Für etwa zwei Prozent aller Schüler an Grund-, Mittel-, Realschule und Gymnasium heißt es am Schuljahresende: „Klassenziel nicht erreicht.“

Man denkt an Schüler, die mit gesenktem Kopf zurück zu ihrem Platz im Klassenzimmer gehen. An die Tränen, die sie vielleicht heimlich oder beim Heimkommen vergießen. An die Oma, die schon mit dem Geldschein zur Belohnung wedelt, bevor ihr Blick auf die Fünf in Mathe oder die Sechs in Latein fällt. Und an die Vorwürfe beim Abendessen. All das kann Schülern suggerieren: „Ich habe versagt.“

Dabei kommt die Warnung im Zeugnis heute weder für die Kinder noch für die Eltern aus heiterem Himmel. Schulberater Hans Schweiger bestätigt das: „Der Überraschungseffekt bei Eltern ist höchstens dann da, wenn die Kommunikation innerhalb der Familie schwierig ist.“ Die Zahl dieser Fälle aber liege „unter der Nachweisgrenze“.

Genauso wenig überraschend wie der Notenschnitt im Zeugnis kommt jedes Jahr die Diskussion um Sinn und Unsinn des Sitzenbleibens. Der Streit schwelte schon damals, als das Sitzenbleiben seinen Namen bekam. Und das ist lange her, die Praxis stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts. Damals lernten Schüler aller Jahrgangsstufen zusammen. Die Jüngsten saßen ganz hinten im Klassenzimmer und rückten so lange vor, bis sie als Primus die vorderste Reihe belegten. Wer das Lernziel seines Jahrgangs nicht erreichte, musste „sitzen bleiben“. Schon vor mehr als 100 Jahren wehrten sich Reformpädagogen gegen die Pflicht zur Wiederholung, wie etwa der Berliner Historiker Elmar Tenorth in seinen Schriften erläutert.

Heute sitzen die vom Durchfallen bedrohten Schüler nicht mehr in einem Klassenzimmer. Aber im Büro von Hans Schweiger geben sie sich die Klinke in die Hand. Fast alle, die in diesen Tagen kommen, haben nur ein Ziel: bloß nicht durchfallen. „Viele der Schüler kommen aus den Jahrgangsstufen sechs bis zehn, die meisten vom Gymnasium oder der Realschule“, sagt Hans Schweiger. Die bayerische Statistik gibt Schweiger recht: An den Pflichtschulen, also Grund- und Mittelschulen, lag die offizielle Zahl der Sitzenbleiber zuletzt nur bei rund einem Prozent.

Bildungsforscher: Ehrenrunden "Vergeudung von Lebenszeit"

Der Großteil der Bildungsforscher hält die gute alte Ehrenrunde inzwischen für Unsinn. Einer der renommiertesten in Deutschland ist Klaus Klemm, emeritierter Professor für empirische Bildungsforschung an der Universität Duisburg-Essen. 2013 hat er im Auftrag der Bundeszentrale für Politische Bildung den Stand der Forschung zusammengefasst. Sein Fazit trifft die Befürworter des Sitzenbleibens wie ein nasser Tafelschwamm: Eine „Vergeudung von Lebenszeit“ sei das, sonst nichts. Dutzende deutsche und internationale Studien widerlegen die Hoffnung auf Leistungssteigerung bei Schülern, die eine Klasse wiederholen. Vergleicht man etwa Wiederholer mit ähnlich schwachen, aber versetzten Schülern im selben Alter, erzielen erstere deutlich schlechtere Noten.

Noch dazu ist das Sitzenbleiben Klemm zufolge schlicht zu teuer. Mehr Personal für Unterricht und Verwaltung, dazu Lernmaterialien und andere Investitionen: Für das Schuljahr 2011/2012 etwa schätzte Klemm die Mehrausgaben des Staates auf 650 Millionen Euro. Bayern zahlte für die Ehrenrunden im selben Schuljahr 228 Millionen, wie der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) errechnet hat. Eins zu eins vergleichen lassen sich die beiden Zahlen nicht, denn der Verband rechnet auch Kosten für Schüler ein, die freiwillig wiederholen oder die Schulart wechseln. Als Wiederholer gelten sie nach bayerischem Schulgesetz nicht.

Um all die Bürokratie zu überblicken, steht bei Schulberater Hans Schweiger eine lange Reihe gelber Büchlein im Regal. „Schulordnungen“, erklärt er, „Für jede bayerische Schulart eine.“ Schweiger benutzt die Bücher nicht oft. Er lässt die Schüler lieber selber reden und weiß: Nur selten liegt es an mangelnder Intelligenz, wenn ein Schüler im Unterricht nicht mithalten kann. Die Gründe für schlechte Noten sind ganz unterschiedlich. Motivationsprobleme, falsches Arbeitsverhalten, Spannungen in der Familie, ein Lehrer, der nicht richtig auf den Schüler eingeht. „Multifaktoriell“, nennt Schweiger das. Gerade in der Pubertät sind dem ehemaligen Gymnasiallehrer zufolge auch oft die Gefühle schuld, wenn die Noten zu wünschen übrig lassen. „Da kann eine unglückliche Liebe alles durcheinanderbringen.“

Gegner des Sitzenbleibens plädieren deshalb für einen „ganzheitlichen Leistungsbegriff“. So formuliert es Simone Fleischmann, die Präsidentin des BLLV. Sie räumt ein, dass an Bayerns Schulen heute mehr denn je auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen geschaut wird. Allein wegen der Förderlehrer, die Berater an den Schulen. Auch die Lehrer würden heutzutage auf den Entwicklungsstand eines Schülers achten. „Kinder, deren Versetzung gefährdet ist oder die am Ende des Schuljahres sitzenbleiben, denken trotzdem erstmal: ,Ich bin dumm’.“ Der Wiederholer werde von seinen Freunden getrennt, die im nächsten Jahr alle eine Klasse weiter sind. Die Folgen seien fatal: „Die Kinder geben sich auf.“ Fleischmanns Lösungsvorschlag: „Wenn wir die Mehrausgaben in mehr Beratung und individuelle Förderung investieren würden, könnten wir auf das Wiederholen verzichten.“

Bayern hält am Sitzenbleiben fest - im Gegensatz zu einigen anderen Bundesländer

Viele Bundesländer tun das. Bremen, Schleswig-Holstein und Hamburg haben es ganz abgeschafft. In der Hansestadt zum Beispiel besuchen die Schüler in jedem Fach, indem sie eine fünf oder Sechs haben, verpflichtende Förderstunden – je nach Bedarf ein ganzes Jahr lang. In Schleswig-Holstein wiederholen Schüler nur dann, wenn Eltern und Schüler das ausdrücklich wünschen. Anderswo können die Schüler nur noch in bestimmten Jahrgangsstufen oder Schularten durchfallen, in Berlin zum Beispiel am Gymnasium. Bayern hält neben Brandenburg, Hessen, Sachsen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern an der Ehrenrunde fest. Herauszufinden welcher Weg der richtige ist, ist so schwer, wie die schiefe Ebene gerade zu machen. Die Gegner XXX. Die Befürworter berufen sich gerne auf die Ergebnisse der Pisa-Studie. Schließlich lagen mit Sachsen und Bayern regelmäßig zwei Länder an der Spitze, die auf die Ehrenrunde schwören.

Fragt man beim bayerischen Kultusministerium nach, denkt dort niemand über die Abschaffung des Sitzenbleibens nach. Wiederholen sei eine „Fördermaßnahme“, sagt eine Sprecherin. Das klingt so positiv, wie es gemeint ist. Es ermögliche den Kindern und Jugendlichen, „ein vorübergehendes Leistungstief zu überwinden“. Am heutigen Zeugnistag müssen betroffene Schüler wohl zunächst eher den ersten Schockmoment überwinden.

Und doch sind Eltern und Schüler eine starke Stimme gegen das Abschaffen der Ehrenrunde, wie eine repräsentative Umfrage des Berliner Forsa-Instituts von 2013 zeigt. 73 Prozent der Deutschen befürworten, dass Schüler mit schlechten Noten eine Klasse wiederholen müssen. Unter den Schülern und Studenten ist die Meinung noch weiter verbreitet: 85 Prozent von ihnen halten Sitzenbleiben für sinnvoll.

Aber ist es das auch? Blickt man ein paar Jahre in die Vergangenheit, stellt man fest: Es scheint zumindest bei den Chancen auf ein erfolgreiches Berufsleben nicht zu schaden. Man könnte das mit Analysen aus dem Nationalen Bildungspanel belegen, in dem Bamberger Familienpädagogen die Lebenswege von 60 000 Deutschen aufzeichnen. Die Berufsperspektive von Klassenwiederholern ist nicht schlechter als die erfolgreicher Schüler. Man könnte auch die vielen berühmten Beispiele nennen, die es trotz einer Ehrenrunde zu etwas gebracht haben. Mehmet Scholl, Fußballprofi mit zwei Fünfen in Latein und Französisch. Edmund Stoiber, Ministerpräsident trotz einer Ehrenrunde in der 7. Klasse. Elyas M’Barek, dreimaliger Sitzenbleiber und heute umschwärmtester Lehrer der Welt im Film „Fack ju Göte“.

Oder man kehrt noch einmal zurück ins Zimmer des Augsburger Schulberaters Hans Schweiger. Selten erfährt er, wie es mit „seinen“ Schülern weitergeht. Nach dem Beratungsgespräch gibt es ein paar Telefonate, mehr nicht. Nur manchmal ist es anders. Auf einem Schrank in der Ecke lehnen zwei Bilder, eins auf blauem Papier, das andere auf rotem. Für Schweiger sind sie ein Beispiel, dass schlechte Noten Schülern nicht gleich die Zukunft verbauen. Sie sind von einem Mädchen, das er vor ein paar Jahren wegen ihrer Probleme in der Schule beriet. Die Bilder sind ihr Dankeschön. Heute hat sie den Realschulabschluss.

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Ein Artikel von
Sarah Ritschel

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern und Welt



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