Freitag, 20. Oktober 2017

11. Oktober 2017 20:43 Uhr

In eigener Sache

"Ansichtssache": Die alternative Stadterzählung über Augsburg

Seit vier Jahren erscheint im Feuilleton regional die Fotoserie „Ansichtssache“. Nun ist erstmals eine Auswahl von Aufnahmen in einem anderen Kontext zu sehen.

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Silvio Wyszengrad und Michael Schreiner veröffentlichen seit vier Jahren jeden Freitag im Wechsel eine Ansichtssache im Feuilleton regional.
Foto: Peter Fastl

Wir sehen: Nicht das Augsburger Rathaus, sondern bunte Bonbons davor auf dem Boden; nicht die Maximilianstraße, sondern ein Haus am Bahngleis im Augsburger Norden. So funktioniert „Ansichtssache“. Seit Juni 2013 erscheint die Serie jeden Freitag im Feuilleton regional der Augsburger Allgemeinen. Das sind Zeitungsfotos, die Augsburg aus einer anderen, ungewöhnlichen und manchmal mikroskopischen Perspektive zeigen. Michael Schreiner, der Leiter der Kultur- und Journalredaktion der Augsburger Allgemeinen, und Silvio Wyszengrad, Bildredakteur der Augsburger Allgemeinen, präsentieren im wöchentlichen Wechsel, was ihnen bei ihren Streifzügen durch die Stadt begegnet ist.

Bislang sind alle Bilder immer im gleichen Format erschienen: vier Zeitungsspalten breit auf Papier. Nun gibt es mehr als 50 Fotografien, die größer auf Alu-Dibond gedruckt worden sind: Im Annahof haben Michael Schreiner und Silvio Wyszengrad ihre Arbeiten am Dienstagabend erstmals an Wänden präsentiert – im Herzen der Stadt. Hausherr Martin Beck entdeckte zwei Fotografen, die „sich vom Leben beschenken lassen“. Vernissageredner André Bücker, der neue Intendant des Theaters Augsburg, fiel auf, dass diese Bilder einen vergänglichen Augenblick bewahren, einen bestimmten Moment, an dem Motiv, Licht und Hintergrund zueinander passen. Viele Motive dieser Fotoserie sind flüchtig: ein Apfelbutzen in einer Mauernische; ein Schuhkarton auf einem Augsburger Flohmarkt, darauf die längst zerstörten Türme des World Trade Center von New York; die Wasserspuren eines starken Regens auf einer Hochhausfassade. „Die Ansichtssachen richten den Blick des Betrachters auf die kleinen, wie zufällig erscheinenden Konstellationen des Alltags“, sagte Bücker. Für die Ansichtssachen sei weniger wichtig, den genauen Ort zu kennen, als zu wissen, dass sie alle in Augsburg aufgenommen wurden.

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Der Blick wird auf das Unscheinbare gerichtet

Im Lauf der vergangenen vier Jahre sei durch die Serie eine alternative Stadterzählung entstanden, sagte Walter Roller, Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen. „Der Blick wird auf das Unscheinbare gerichtet, auf Zwischenräume und auf versteckte Winkel der Stadt“, sagte Roller. Er wies darauf hin, dass die Fotos immer mit einem kurzen Begleittext Zwiesprache halten. So werden die Bilder befragt und Interpretationsräume geöffnet. Die Texte zu allen ausgestellten Fotos lassen sich im Annahof in einem aufliegenden Begleitheft nachlesen.

Spuren und Zeichen auf diesen Fotografien verweisen auf Augsburg und die Welt. Ein gelbes Laubblatt, das auf einer Plakatwand klebt, schimmert so prächtig wie sonst nur der Goldene Saal. Che Guevara taucht rätselhaft hinter einer regennassen Windschutzscheibe auf, in der sich Bäume spiegeln. Und wer hat da „Deutschland“ auf die Wand neben dieses Notausgang-Schild in einer Flüchtlingsunterkunft geschrieben? Einmal zeigt sich auch der Hotelturm, allerdings nur einen Spaltbreit quer durch das Bild die 15. Etage. Was müsste man von dort alles sehen können?

Die Fotografen, die nicht suchen, sondern aufnehmen wollen, wissen vorher nicht, ob sie fündig werden. Sie passen auf, sie schauen, was ihnen der Zufall bereitstellt. Oft sind es „sprechende“ Dinge. Ausrangierte Bahnmarkierungen; eine Hose über einem Abfalleimer; vier rote Handschuhe nebeneinander aufgereiht im städtischen Müllwagen 19266. Ein Viertel aller bisher erschienenen Ansichtssachen ist im Annahof zu sehen. Bei der Vernissage (unter den Gästen auch AZ-Herausgeberin Alexandra Holland) rief Christian Elin am Sopransaxofon mit seinen Kompositionen auch ins Gedächtnis, dass es sich bei dieser Fotoserie um eine Sinfonie der Vergänglichkeit handelt, mit vielen Moll-Tönen, immer wieder von strahlendem Dur unterbrochen. André Bücker musste an Goethe denken: „Augenblick, verweile doch, Du bist so schön“.

Ausstellung im Anna Café und Annahof in Augsburg bis 18. November, geöffnet Mo 9-18 Uhr, Di bis Sa 9-23 Uhr, am 5. November 9-14 Uhr.

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