Sonntag, 21. Januar 2018

13. August 2014 00:32 Uhr

Porträt

Arbeiten wie ein Mönch

Mit einem Kopf voller Ideen stürzte sich Sebastian Utzni in sein Kunststudium in Zürich. In einer beschleunigten Welt mag er das Langsame. Sein bislang größter Erfolg scheint ihm auf diesem Weg recht zu geben

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Zur Verabredung im Café kommt Sebastian Utzni auf einem geliehenen grünen Damenfahrrad. Die Farbe passt zum grünen Nagellack am kleinen Finger seiner rechten Hand. Viel munterer als der 33-Jährige im Blumenmusterhemd kann man morgens um 10 Uhr kaum sein. Von der ziemlich langen Geburtstagsparty für seine Freundin daheim in Zürich hat er sich ganz offensichtlich gut erholt.

Außerdem scheint die Sonne, und Utzni ist gerne zu Besuch in Augsburg – der Stadt, die er vor zehn Jahren verlassen hat, um in der Schweiz Kunst zu studieren.

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Das war 2004, nachdem er zuvor ein Jahr an der FH für Gestaltung in Augsburg studiert hatte. Aufgebrochen ist er damals „mit einem Berg von Ideen“, meint Utzni, „und ich komme bis heute nicht hinterher.“ Mit den Professoren an der Hochschule der Künste in Zürich, die ihn damals annahmen, ist er heute befreundet. Seit 2008 dürfe er sich „eidgenössisch diplomierter Künstler“ nennen, sagt Utzni und lacht. Er ist in Zürich geblieben, er lebt dort mit seiner aus Buchloe stammenden Freundin, einer Restauratorin, nahe am See.

Er mag es, sich mit Ideen zu beschäftigen

Auf seinen Tonfall hat Zürich mächtig abgefärbt – nicht nur, weil er an jeden zweiten Satz ein „oder“ anhängt. Er spricht auch ausgezeichnet Englisch. Seit einem Semester in London 2006 ist Utzni regelmäßig in der britischen Hauptstadt als Gastdozent tätig. Er berät und betreut Kunststudenten, ist immer wieder für drei bis fünf Tage in London. Er mag es, sich mit Ideen zu beschäftigen. Fremden und eigenen.

Vor allem fährt Utzni täglich zwei Stationen mit der S-Bahn zur Arbeit – in sein Atelier in einer alten Gießerei in einem Vorort von Zürich. In der Stadt hat er gerade seinen größten Erfolg. Für seine derzeit im Züricher Helmhaus ausgestellte Arbeit „Bibliothek A.H.“ wurde ihm eines der städtischen Kunststipendien zuerkannt – dotiert mit 18000 Franken.

Sogar die größte und wichtigste Kunstzeitschrift der USA, Art in America, berichtete auf einer ganzen Seite über Utzni und seine Installation. Das wusste er übrigens nicht – er entdeckte den Artikel zufällig beim Blättern im Bookshop eines Londoner Museums ...

Bibliothek A.H. – das ist eine ganz in Weiß gearbeitete Installation, bestehend aus einem zwei Meter langen Wandregal voller Bücher. Bücher, die aus Porzellan sind und eine seltsame Mischung darstellen. Wenn man aus der Nähe die in Weiß gravierten Schriftzüge auf den Rücken liest, entziffert man „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe, Shakespeare, Schopenhauer, Fichte, die Bibel – und dann ein Buch „Der internationale Jude. Ein Weltproblem“, eines über Giftgas und eine „Deutsche Rassenkunde“.

Sebastian Utzni hat penibel recherchiert, dass alle diese Bücher zu Adolf Hitlers Bibliothek gehörten. Hitler soll 15000 Bücher besessen haben. Ihn interessiert die Verstörung, die es auslöst, wenn ein Kontext ein „an sich neutrales“ Buch anders auflädt. Utzni: „Es ist ein Unterschied, ob du selbst daheim Onkel Toms Hütte hast, ob es Hitler hatte oder ob es beim Papst steht.“

Die Arbeit an der Bibliothek ist typisch für Utzni: Er macht alles selbst, von der Recherche über Studien zu Materialien bis zur komplizierten Herstellung. „Ich mag das Langsame, Aufwendige“, sagt er, „wenn ich im Mittelalter gelebt hätte, wäre ich Mönch geworden und hätte Bücher abgeschrieben.“

Viele seiner Arbeiten sind serielle Projekte, denen Dauer eingeschrieben ist. So wanderte er einmal fünf Wochen durch Irland, 550 km, und zeichnete alle Brücken, die er überquerte. Es waren über 150. Im Atelier übertrug er die Skizzen in einen acht Meter langen Holzschnitt. Einem alten Augsburger Freund, der nach Darmstadt ging, schreibt Utzni seit elf Jahren Postkarten. Täglich. Es sind schon über 4000.

Dieser eidgenössisch diplomierte Künstler arbeitet sehr diszipliniert. „Ich bin ein sehr ordentlicher Mensch, ich mag Ordnung, auch im Atelier“, sagt Utzni und streicht sich mit der Hand durchs wirre Haupthaar. Vergangenes Jahr hat er eine Konzeptarbeit zu einem der weltweit bekanntesten Gegenwartskünstler, Gerhard Richter, gemacht. Er besuchte auf dem Globus so viele Ausstellungen mit Richter-Beteiligung – es gab insgesamt 200! – wie möglich. Aus jeder Schau nahm er ein Gemälde, dass er in Originalgröße auf Leinwand drucken und zur Not auch den Rahmen exakt nachbauen ließ, und malte darauf seine Eintrittskarte und das Bahn/ Flugticket. Wieder eine Serie – und eine Arbeit, die das Wesen von Malerei befragt.

Ausgestellt hat der 1981 in Augsburg geborene Konzeptkünstler, der inzwischen von einer renommierten Züricher Galerie vertreten wird, schon vielerorts – in Peking, in Paris (wo er 2011 ein sechsmonatiges Atelierstipendium hatte), in Berlin, der Schweiz. Nur in Augsburg, wo er als uralter FCA-Fan noch heute drei, vier Spiele im Jahr besucht, hat sich seltsamerweise noch nichts ergeben. Aber das kann ja noch kommen. Geduld ist eine mönchische Tugend.

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Ein Artikel von
Michael Schreiner

Augsburger Allgemeine
Ressort: Kultur und Journal


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