Mittwoch, 30. Juli 2014

12. März 2014 16:12 Uhr

Augsburg

Augsburgs bekannteste Obdachlose haben Angst vor dem Winter

Ein Obdachlosenpaar sucht nach einer Wohnung. Obwohl in Augsburg niemand auf der Straße leben müsste, haben die Frau und der Mann keine Chance auf eigene vier Wände

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Sie leben seit neun Monaten auf der Straße: Susanne Schneider (52 Jahre) und Peter Rühle (70) sind obdachlos. Weil beide ein Alkoholproblem haben, sind sie nicht so ohne Weiteres in einer unbetreuten Wohnung unterzubringen. Das Dilemma: In eine Notunterkunft wollen sie aber nicht, weil sie dann nicht zusammenwohnen können.
Foto: Fastl

Sie sind vielleicht Augsburgs bekanntestes Obdachlosen-Paar. Sie sagt es mit einem gewissen Stolz in der Stimme, er klingt eher resigniert. Aber tatsächlich kommen Susanne Schneider und Peter Rühle mit beinahe jedem, der an der Wertach beim Modehaus Jung vorbeijoggt oder entlangläuft, ins Gespräch. Die Geschichte, die sie zu erzählen haben, ist keine schöne.

Seit neun Monaten lebt das Paar auf der Straße

Sie ist 52, er 70 Jahre alt. Seit neun Monaten lebt das Paar auf der Straße, schläft unter Brücken. Beiden sieht man das Leben auf Platte, wie es im Obdachlosenmilieu heißt, deutlich an. Ihr fehlen etliche Zähne, die Haut ist entzündet. Er hat schrundige Wunden auf der Stirn, ein Fuß ist von einem Bruch missgestaltet. Beide sind dick angezogen. Neben der Bank, auf der sie tagein, tagaus seit neun Monaten sitzen, liegen ihre Habseligkeiten: zwei Schlafsäcke, zwei Rucksäcke. In den Händen hält jeder eine Flasche Bier. „Das ist heute erst mein Zweites“, sagt Schneider. Es ist Vormittag, halb zwölf. „Wir sind Alkoholiker“, sagt sie, „wir trinken jeder so um die sieben Flaschen Bier am Tag. Ich manchmal auch noch Schnaps, wenn ich Geld über hab’.“

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Ihr Lebensgefährte nickt und zittert vor Kälte. Seine Scheidung habe ihn aus der Bahn geworfen, sagt er und verstummt gleich wieder. Eigentlich sei er Landschaftsgärtner, fügt er noch an. Zumindest war er das vor sehr langer Zeit.

Susanne Schneider zählt an den Fingern auf, wo sie überall schon gearbeitet hat: Bäckereien, Metzgereien, Altenheime, Fabriken jedweder Art. Sie hat die Arbeitgeber immer schnell gewechselt. Der Alkohol war schon in früher Jugend Thema. Nachdem die gelernte Hauswirtschafterin ihren damaligen Ehemann und durch ihn häusliche Gewalt kennenlernte, wurde der Alkohol ihr ständiger Begleiter. Und mit dem Rausch kam häufig die Wut.

Das brachte Schneider neun Monate Gefängnis wegen Diebstahls und Körperverletzung ein, sie saß die Strafe in Aichach ab. „Als ich rauskam, hat uns der Vermieter rausgeschmissen“, erzählt Schneider. Rühle nickt. Seitdem ist das Paar wohnungslos. Und die Angst vor der Kälte wird stärker. Doch die Aussichten auf eine eigene Wohnung sind bei den beiden gering.

"Sie können mit einer Wohnung kein Alkoholproblem lösen"

Warum, erklärt Robert Kern vom Sozialamt: „Sie können mit einer Wohnung kein Alkoholproblem lösen.“ Die beiden in eigene vier Wände ohne Anschluss an ein Hilfesystem zu stecken, sei längst nicht mehr die Politik der Sozialämter heute. „Wir haben damit nur schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt Kern.

Möglichkeiten, Susanne Schneider und Peter Rühle ein Dach über dem Kopf zu bieten, gibt es. Im Obdachlosenheim in der Johannes-Rösle-Straße würden sie nach Aussage Kerns sofort einen Platz bekommen. Aber den wollen sie nicht. „Dort werden Männer und Frauen getrennt“, erklärt Schneider. Und hebt ihre Stimme: „Das wollen wir aber nicht. Wir wollen zusammenwohnen, auch nachts.“ Rühle nickt stumm.

Aber auch Knut Bliesener vom Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) sieht wie Kern keinen Sinn in einer sogenannten „kühlen“ Unterbringung, einer Unterbringung ohne therapeutische Angebote. „Eine unbetreute Wohnform ist nicht das Richtige für dieses Paar.“ Die Kombination aus Aggressivität, Alkoholsucht und Alter spreche dagegen. „Auf die Schnelle werden wir dieses Problem nicht lösen.“

Nun will Kern möglichst schnell einen Sozialarbeiter entsenden, um Kontakt zu Susanne Schneider und Peter Rühle herzustellen, damit das Paar in ein Hilfesystem eingebunden wird, das ihnen die Grundversorgung sichert. Ins Gespräch wird er schnell kommen mit ihnen.

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