Freitag, 30. September 2016

09. Februar 2016 08:42 Uhr

Gesellschaft

Augsburgs neues Vorzeige-Café

Der Verein Tür an Tür ließ Schüler, Studenten, Asylbewerber und Nachbarn zusammen bauen. Das Ergebnis stößt sogar im Vorfeld der Architektur-Biennale von Venedig auf Beachtung

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Von Ute Krogull

Besucher müssen nichts zahlen für den Kaffee, auch nicht für den Kuchen oder das Curry im neuen Café von Tür am Tür. Sie spenden, was sie wollen. Das verwirrt manche, aber anders hätte der Verein das Lokal in der alten Omnibuswerkstatt nicht einrichten können. Wenn nicht gezahlt wird, ist es nämlich eigentlich privat und kein Gastronomiebetrieb. Der hätte von der Planung bis zur Eröffnung so viele Auflagen erfüllen müssen, dass es ihn nicht gegeben hätte. Und das wäre schade, denn es ist ein besonderer Ort entstanden. Das Café im alten Straßenbahndepot an der Wertachstraße ist alles andere als privat.

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Mittags kommen Mitarbeiter der MAN

An diesem Vormittag büffelt dort Thi Trang Nguyen aus Vietnam mit ihrer Lernpatin Deutsch, ein Asylbewerber telefoniert mithilfe einer Ehrenamtlichen wegen einer Wohnung herum, am großen Tisch in der Mitte sitzen Flüchtlinge, die auf einen Beratungstermin im Zentrum für interkulturelle Beratung (ZIB) warten, dem das Café angegliedert ist. Mittags kommen Mitarbeiter von der MAN und der Arbeitsagentur zum Essen. Und wenn Fußball übetragen wird, kommen alle, sogar die Nachbarn, die früher gar nicht glücklich waren über die vielen Asylbewerber im Wertachviertel.

Der Lehrer Thomas Körner-Wilsdorf ist Vorsitzender von Tür an Tür. Er hat das Café zusammen mit dem Architekten Günther Prechter und dem Handwerker Thomas Käser initiiert, entstanden ist es aus einem Ideen-Workshop mit Nachbarn, Asylbewerbern, Ehrenamtlichen, Schülern des Holbein-Gymnasiums und Studenten, die es dann auch gebaut haben. Es dauerte zwei Jahre, bis aus der völlig verrußten Halle ein Raum wurde, in dem sich Besucher wohlfühlen. Am Anfang war vor allem Fantasie gefragt, dann Durchhaltevermögen, damit ein Ort der Begegnung entstehen konnte, der Gemeinschaft stiftet zwischen Menschen, die sich sonst wahrscheinlich nicht treffen würden. Diese Gemeinschaft stiftete er schon während der Bauphase und auf den Baustellenfesten, die der Finanzierung dienten. Sogar ein Liebespaar lernte sich dort kennen.

Bundesweite Beachtung

Mal abgesehen von romantischen Anekdoten: Das Ergebnis stößt bundesweit auf Beachtung. So nahm das Deutsche Architekturmuseum es in eine Projektsammlung auf, die im Vorfeld der 15. Architekturbiennale von Venedig zusammengestellt wurde. Die Projekte sollen ab März im Internet präsentiert werden, um Planern, Baufirmen und Politikern als Ideenbörse zu dienen. Und sie fließen in die Konzeption des deutschen Pavillons auf der Biennale ein, den das Deutsche Architekturmuseum realisiert. Unter dem Motto „Making Heimat“ (Heimat machen) thematisiert er, was eine gute Ankunftsregion auszeichnet. Die Fachzeitschrift Bauwelt hat dem Café von Tür an Tür in diesem Zusammenhang eine Seite gewidmet.

Wie ein Wohnzimmer

„Wohnzimmer zur informellen Begegnung“ wird es dort genannt. Ein Wohnzimmer mit gemütlicher Wartehallen-Atmosphäre. Das Budget war mit 55 000 Euro extrem knapp, ohne die unterschiedlichen Menschen, die die Tannenbohlen verlegten, die Bänke und Tische aus Lärchenholz zusammenbauten, Kissen nähten und vor allem erst einmal die dreckigen Wände und Decken auf Vordermann brachten, wäre das nicht möglich gewesen. Nur bei der Theke sprang mit der Kissinger Schreinerei Huber ein Profi ein. Sonst hatte der Architekt alles so geplant, dass Laien es umsetzen können. Gleichzeitig kann der Raum sein Potenzial entfalten: Die deckenhohen Falttüren werden im Sommer geöffnet, die Fenster zum Senkelbach wurden durch eine Empore zugänglich gemacht.

Prechter und Körner-Wilsdorf glauben, dass dieses Beispiel Schule machen kann – in verschiedener Hinsicht. „Architekten vertreten meist einen exklusiven Gestaltungsanspruch, aber der mündet oft in eine Sackgasse. Für gesellschaftlich relevante Themen braucht man andere Ansätze“, sagt Prechter. Man müsse gezielt Partizipationsmodelle schaffen, um verschiedene Gruppen zu verzahnen und Akzeptanz zu schaffen. Selbermachen liege im Trend. „Eigenhändiges Arbeiten ist eine Gegenbewegung zur distanzierten Computerwelt.“ Dieser Trend lasse sich gut für ein gesellschaftspolitisches Thema nutzen. Man habe gemerkt, dass die Architektur ihrer sozialen Funktion nicht mehr gerecht werde, sagt Körner-Wilsdorf.

In dem Café ist das anders. An einem Abend tagt hier ein Rotary-Club, am nächsten laden Afghanen neu angekommene Asylbewerber ein, um ihnen zu erklären, was in Deutschland wichtig ist. Vielleicht ließe sich da ja noch ein gemeinsames Treffen initiieren...

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Ein Artikel von
Ute Krogull

Friedberger Allgemeine
Ressort: Lokalnachrichten Friedberg



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