Samstag, 25. Mai 2013

24. Juni 2010 05:02 Uhr

Aus Gastarbeitern wurden Muslime

Wer ist hier Muslim? Jahrzehntelang hat dies niemanden interessiert in Deutschland. Obwohl Hunderttausende muslimischer Gastarbeiter da waren und überall Moscheevereine gegründet wurden. Dann kam der 11. September 2001 und Muslime gerieten unter Generalverdacht, mit Terroristen im Bunde zu stehen. Die erste umfassende Studie zu der "Entwicklung eines islamischen Bewusstseins in Deutschland zwischen Selbstidentifikation und Fremdzuschreibung" der Berliner Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus wurde am Dienstagabend im Goldenen Saal mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien ausgezeichnet.

Ihre Doktorarbeit sei "die wissenschaftliche Analyse eines politisch aktuell höchst relevanten Themas", würdigte der Chefarzt am Klinikum Augsburg und Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Prof. Eckhard Nagel, als Juryvorsitzender die Preisträgerin. Ihre Feldforschung in deutschen Moscheegemeinden, ausführliche Interviews mit Muslimen und die Auswertung ihres Bildes in den Medien haben ergeben, dass soziale Konflikte zunehmend als Glaubenskonflikte wahrgenommen würden. "Wir müssen damit rechnen, dass hier religiöse Auseinandersetzungen entstehen", warnte Nagel.

Weit von einer homogenen Gemeinschaft entfernt

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Riem Spielhaus, 1974 in Berlin geboren als "sesshafte Migrantin" - ihre Mutter stammt aus Polen und ist Afrikanistin, ihr Vater aus Ägypten und ist Karikaturist -, spielte eine aktive Rolle in der ersten deutschen Islamkonferenz, die der Bundesinnenminister einberufen hatte. Sie stellt zwei Tendenzen fest: Zum einen bemühen sich islamische Verbände in Deutschland um eine Einigung auf gemeinsame Standpunkte, zum anderen positionieren sich führende Persönlichkeiten zunehmend als Muslime, obwohl sie sich zuvor nicht als religiös dargestellt hatten. Trotz der erhöhten Aufmerksamkeit, die ihnen von der deutschen Gesellschaft entgegengebracht werde, seien die Muslime "weit davon entfernt, jene homogene Gemeinschaft zu werden, als die sie wahrgenommen werden".

Laudator Nagel folgerte daraus, dass Riem Spielhaus zur besseren Wahrnehmung unserer Lebensrealität beigetragen habe und dass Bildung auf Grundlage ihrer Forschungen zur zutreffenderen Einschätzung des Islam in Deutschland und zu sozialem Frieden führen könnte.

Den Förderpreis für Interkulturelle Studien erhielt der 27-jährige Sozialpsychologe Christian Issmer, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Philipps-Universität Marburg. In seiner Diplomarbeit untersuchte er die Frage, warum sich die Menschen im Umgang mit Fremden von Befürchtungen leiten lassen, diese könnten auf ihr Anderssein negativ reagieren. Oft seien uns diese Motive, die Vorurteile übereinander fördern, gar nicht bewusst. "Gefühle der Zugehörigkeit spielen eine entscheidende Rolle für die Neigung, Mitglieder der eigenen Gruppe aufzuwerten und andere abzuwerten", fasste Prof. Nagel die Erkenntnisse des Förderpreisträgers zusammen. Als erfolgreichste Möglichkeit, Vorurteile abzubauen, habe sich der direkte Kontakt mit Fremden erwiesen: "Wo kulturelle Vielfalt besteht, werden verstärkt Wege des sozialen Miteinanders ausgehandelt."

Wiederholt wurde hervorgehoben, wie praktisch nutzbar diese Forschung sei. Oberbürgermeister Kurt Gribl sagte, der Wissenschaftspreis solle dazu beitragen, dass Erkenntnisse der Sozialforschung zum interkulturellen Zusammenleben in eine breitere Öffentlichkeit hineingetragen werden. Ein besseres Verständnis von Migranten zu fördern, "das ist konkrete Friedensarbeit", so Gribl. Uni-Vizepräsident Prof. Werner Wiater betonte, dass Fragen auf dem Weg zu einer offenen Gesellschaft Wissenschaftler aus unterschiedlichen Gebieten beschäftigen. Der Augsburger Preis habe diese Forschung beachtlich gefördert.

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