Sonntag, 19. Mai 2013

16. April 2012 09:05 Uhr

Theater Augsburg

Beatles-Stück am Theater

Das „Weiße Album“  hatte in Augsburg Premiere. Und die gelang gut.

Der rote Vorhang hebt sich, ein paar Lichtinseln schimmern im Dunklen – ein Wimmelbild in Schwarz ist als Ouvertüre zu diesem Konzert mit Live-Musik im Großen Haus des Augsburger Theaters zu sehen. Gegeben wird „Das weiße Album“. Begonnen wird mit dem sperrigsten, dem gewagtesten, dem wildesten Stück: Revolution No. 9. Ein Tonexperiment, das im Original schon lang ist und an diesem Abend in der Inszenierung von Wiebke Puls und Tom Stromberg noch länger dauert.

Zu sehen ist eine Frau in Abendgarderobe, die in einem Anfall von Hysterie immer wieder einen Schuh ins Nichts schmeißt, zu sehen ist ein Mann in Abendgarderobe, der – gefangen in einer absurden Sequenz – immer wieder seinen Kopf in einem Wassereimer versenkt, zu sehen ist eine Frau, die sich aus einem Kokon knallbunter Kleider befreit und periodisch einen Teller fallen lässt. Zu hören ist eine Klang-Collage, in der die Band das Blubbern, das Knallen und das Scheppern mit einzelnen Gitarrenriffs der folgenden Stücke unterlegt. Es sind die Lieder des Beatles-Albums, das nach seinem weißen Cover benannt ist, des Albums, das sich durch einen wilden Stilmix auszeichnet, des Albums, in dem sich das Ende der Band unmerklich ankündigte. Ein großes Album, ein widersprüchliches Album, also ideal für die Bühne.

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Puls und Stromberg pressen dem Abend keine verbindende Dramaturgie auf, sie inszenieren die einzelnen Songs jeweils anders. So unterschiedlich die Stile der Lieder sind, so gegensätzlich sind die Bilder, die das Regieteam und der Bühnenbildner Volker Hintermeier dafür gefunden haben; große Bilder mit Licht- und Leuchteffekten, mit Überraschungen, Witzen und Wendungen. Mal blenden haushohe Scheinwerfer-Lichttürme das Publikum, auf denen die Band platziert ist, mal regnet es Tischtennisbälle, mal ist der Himmel verhangen mit Vogelkäfigen, während unten das Lied „Blackbird“ gesungen wird. Und schließlich geht es auch noch in die Luft: Lucy Wirth fliegt in hoher Geschwindigkeit als dunkler Engel am Bühnenhimmel umher, während sie „Helter Skelter“ anstimmt, was in der deutschen Schimmelpfennig-Übersetzung zum prosaischeren „Rauf und runter“ wird.

Das Gute-Laune-Konzept der Regisseure geht auf. Das Publikum wird nicht mit Sinnsuche, postmoderner Dramatik und Gesellschaftskritik zu Nachdenklichkeit angehalten, sondern zum Schwelgen. Nicht einmal die Lautstärke dieses Rockkonzerts bereitet Unbehagen. Und nach der widerspenstigen, gelungenen Ouvertüre reiht sich ein Beatles-Evergreen an den anderen.

Auch wenn in mancher Übersetzung das Subtile durch das Offensichtliche ersetzt wurde, die starke Band und das starke Ensemble lassen Unbehagen nicht aufkommen. Es regiert die Kurzweil. Die Musiker unter der Leitung von Adrian Sieber bereiten den Darstellern ein felsenfestes Fundament; die acht Schauspieler – bis auf wenige wackelige Stellen – straucheln nicht, vielmehr meistern sie auch gesanglich schwierige Stellen. Vom großen Gefühl in den Balladen bis zur Chanson-Persiflage mit französischem Akzent vermitteln sich ihre Leidenschaft und ihre Lust, die dem „Weißen Album“ sehr viel Farbe geben. Langer, begeisterter Applaus und zwei hinreißende Zugaben!

Weitere Termine am 19., 20., 28. April sowie am 5. und 9. Mai am Theater Augsburg

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