Es ist wie früher: Alfred Greisinger redet und redet, eilt dabei von Kunstwerk zu Kunstwerk, erzählt von Felix Droese, Joseph Beuys und Heinz Schanz (dem Künstler, dem er am längsten hinterher gerannt ist), auch von der richtigen Art, Croissants zu backen. Dabei geht irgendwann die Leidenschaft mit ihm durch, und man blickt überhaupt nicht mehr durch.

Also nochmal von vorn: Was stellt Alfred Greisinger (66) in der Neuen Galerie im Höhmannhaus aus? Einen Teil seiner Sammlung, jener "Augsburg Collection", die der Konditor und Kunstsammler zwischen 1970 und 1990 zusammentrug, als er das Café Drexl (heute Café Dichtl) am Moritzplatz nicht nur zu Augsburgs bestem Etablissement für Kuchen und Patisserien machte, sondern auch zu einem Ort der Kunst. Ins Drexl pilgerten Liebhaber der Gegenwartskunst von weither, die Zeitschrift art rühmte das Café, und man konnte dort vor Warhol und anderen Stars sitzen.
Joseph Beuys wurde sein Freund; Heinz Schanz jagte er nach
Dann ging Greisinger, der als richtiges Augsburger Gewächs immer mit seiner Vaterstadt haderte, nach Baden-Baden, wo er das renommierte Café König übernahm, (Marcel Reich-Ranicki war sein Stammkunde) und seine Kunst in einer eigenen Galerie ausstellen wollte. Irgendwie klappte das nicht, und die Sammlung wurde nach und nach ein Klotz am Bein. ("Nein", würde Alfred Greisinger jetzt sagen: "Ich liebe meine Kunst!") Jedenfalls verkaufte er einen Teil seiner Beuys-Sammlung ans Walker Art Center Minneapolis, andere Werke wurden versteigert. Eine millionenschwere "Vorzugsofferte", die der Sammler Augsburg machte, lehnte die Stadt wegen Geldmangel ab.
Und jetzt lebt Greisinger als Ruheständler wieder in Augsburg, außerdem in der Schweiz, in Paris und Baden-Baden, und als seine derzeitige Hauptbeschäftigung bezeichnet er die Versuche, "meine Sammlung an den Mann zu bringen." Der Konditor ist Mitte 60, da will man seine Angelegenheiten langsam regeln. Einige Kunstwerke hat Greisinger dem H2-Zentrum für Gegenwartskunst geliehen, andere stellt er jetzt auf Einladung von Thomas Elsen im Höhmannhaus aus. Das ist keine Verkaufsausstellung; der Sammler sieht sie eher als Geschenk an die Augsburger - "ein Diamant".
Jedenfalls sind die drei Räume der Galerie brechend voll mit Werken von Künstlern, von denen einige Legende wurden, andere schon wieder vergessen sind. So dicht gedrängt bildet die Ausstellung eine fast wehmütige Erinnerung an eine Zeit, da ab etwa 1960 in Gesellschaft und Kunst große Aufbruchsstimmung herrschte, da Künstler geradezu euphorisch produzierten und Sammler kräftig einkauften.
Im Zentrum steht Beuys, der Schamane vom Rhein, den Alfred Greisinger zum Freund gewann, von dem er so viele Werke und dazu Briefe und Notizen besitzt: "Das müsste dringend mal geordnet werden!" Einer der berühmten Filzanzüge hängt da, in Vitrinen sind Zeichnungen und Objekte ausgelegt. In der Nachbarschaft die Schüler von Beuys - Jürgen Meyer mit einer Serie wilder, pastoser Landschaften; Felix Droese mit seinen leeren Rahmen, Scherenschnitten und Bildern; der Augsburger Jonas Hafner mit zarten Zeichnungen von Schwänen.
Über die minimalistischen Tafeln des Japaners Tesshu Miyamura, über Malerei von Karl-Heinz Schwind, David Novros, Anthony Gormley, Leonard Bullock, Heinz Schanz, über Objekte von Stefan Demary oder Jessica Diamond geht es zum emotionalen Höhepunkt der Ausstellung: Den Künstlertischen aus dem Café Drexl. Beuys und Jonas Hafner haben einen Tisch gestaltet, Klaus Staeck zwängte eine Collage über ein verhungerndes afrikanisches Kind unter die Glasplatte, Droese einen Scherenschnitt, Heinz Schanz und Rolf Zimmermann Malerei, Jürgen Brodwolf ein Readymade aus Farbtuben und Pinseln.
Da werden, unterstützt von zahlreichen intimen Werken mit Widmung an den "lieben Herrn Greisinger", Erinnerungen wach - auch bei dem Sammler. Vom genialen Konditor Alex Drexl erzählt Alfred Greisinger, bei dem er lernen durfte ("Marzipanfrüchte, die hab ich so gern gemacht."), und wie stolz er war, Mitte der Fünfzigerjahre zu den "Drexl-Boys" genannten Lehrlingen zu gehören. Mitten hinein in die Ausstellung hat er sie gehängt, den Herrn Drexl und seine Frau, die alle im Betrieb nur "Mutti" nannten - in einer Zeichnung von Tesshu Miyamura. Er ist halt ein Gemütsmensch, dieser Kunstsammler.
Bis 18. Januar 2009, täglich außer Montag 10 - 17 Uhr, Dienstag bis 20 Uhr.
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