Donnerstag, 14. Dezember 2017

10. Februar 2014 13:39 Uhr

Premiere

Brecht: Ein Held wird zerlegt

Das „Lehrstück“ von Bert Brecht war bei der Uraufführung 1929 ein Skandal, in Augsburg wird es heftig beklatscht. Johanna Schalls Personenregie kommt aber der Musik in die Quere.

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„Zerreißt das Kissen, schüttet das Wasser aus.“ Menschenfreundlich sind die Anweisungen nicht gerade, die Bertolt Brecht im Umgang mit dem abgestürzten Flieger in seinem „Lehrstück“ erteilt. Warum sollten die Mitmenschen ihm nicht helfen? „Er hat uns auch nicht geholfen“, stellt die Menge fest – und das sind die Zuschauer im Barbarasaal bei der Premiere am Sonntagabend. Willig erfüllen sie ihre Aufgabe, die Antworten zu singen wie in einer katholischen Messe. Damit werden sie zu Mitwirkenden, im Brecht’schen Sinne zu Lernenden. In einer Lektion der Auslöschung des Individuums.

Das sperrige Schauspiel, das seit der skandalösen Uraufführung am 28. Juli 1929 beim Musikfest Baden-Baden kaum mehr gegeben wurde, kam nun zum Brechtfestival auf die Bühne. Verstört empört, wie damals das Premierenpublikum, reagierte im Barbarasaal niemand. Denn die Regie von Brechtenkelin Johanna Schall hatte das „Lehrstück“ einigermaßen weichgespült mit tollkühnen Männern in Lederkluft, als wären sie direkt ihren fliegenden Kisten entstiegen, mit spaßigen Papierfliegern und mit einer clownesken Jahrmarktsdarbietung. Weder floss in ihrer Inszenierung das Theaterblut, wenn die beiden Clowns dem Herrn Schmitt auf der Bühne nacheinander Füße, Arme und Kopf abtrennen, noch nagten die eiskalten Urteilssprüche über den Unglücklichen am Gewissen der Zuschauer.

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Lage des abgestürzten Fliegers in Slapstick-Manier bebildert

Sie konnten sich stattdessen niemals sicher sein, ob das Gezeigte – immerhin die demütigende Reduktion des heldenhaften Ozeanfliegers vor dem gesellschaftlichen Tribunal zu seiner kleinsten Größe („Wer bist du?“ – „Ich bin niemand.“) – überhaupt ernst zu nehmen sei. Denn bei Johanna Schall doppelten die beiden clownesken Schauspielerinnen Sonja Hilberger und Marlen Ulonska von Anfang bis Ende die beiden Männerstimmen, die als Flieger und als Kommentator im Wechsel mit dem Chor in dieser Kantate zur Musik von Paul Hindemith auftreten. Sie bebilderten nicht nur in Slapstick-Manier die missliche Lage des abgestürzten Fliegers, sondern wiederholten auch sämtliche Texte, als misstraute die Regisseurin dem gesungenen Wort und baue vor allem auf das gesprochene.

Solisten gerieten fast zu Nebenfiguren

Damit gerieten allerdings die beiden hervorragenden Gesangsolisten Benedikt Bader (Tenor) in der Rolle des abgestürzten Fliegers und Wolfgang Wirsching (Bariton) als Kommentator fast zu Nebenfiguren, die halt auch noch irgendwie mitspielen. Wirkungsvoller von der fatalen Personenregie absetzen konnte sich der Chor – schon wegen des mächtigeren Klangbilds. Die beiden Orchester – vor der Bühne ein Streichensemble mit Holzbläsern des Leopold-Mozart-Zentrums der Universität und auf der Empore die Blechformation des Jugendblasorchesters Neusäß – behaupteten aus ebendiesem Grund ihre Autonomie.

Die musikalische Leistung unter dem Dirigat von Geoffrey Abbott war den überschwänglichen Applaus am Schluss wahrhaftig wert. Hindemith schrieb keine Ohrwürmer wie Weill oder Dessau zu Brechts Versen, vielmehr eine vielschichtige sinfonische Kunstmusik, die in ihren fließenden, herben Harmonien oft überraschte. Heftig kontrastierten dazu die Fanfaren von oben, die sich im triumphalen Finale nach einer ergreifenden Trauermusik mit der Sechzehntel-Verzierung der Streicher versöhnten.

Groteske Clownsszene

Den Choristen des Jungen Vokalensembles Schwaben, einstudiert von Andrea Huber, fiel die Herausforderung zu, sich stimmlich auf eigenen Klangpfaden oft dem Orchester entrückt trittfest zu behaupten. Im Zusammenwirken mit den beiden strahlenden Solisten meisterten sie ihre schwierige Aufgabe.

Die Schauspielerinnen entfalteten ihr Können überzeugend in der grotesken Clownsszene. In ihrer Drastik könnte die Zerlegung eines Menschen, dem irgendwie geholfen werden muss, Karl Valentin ersonnen haben. Dazu mischten die Darstellerinnen eine große Portion von der Komik Charlie Chaplins. Wie in der Jahrmarktsbude pumpten sie in der theatralischen Art der Kraftprotze ihre Muskeln auf, ehe sie die überlebensgroße Puppe des Herrn Schmitt mit heroischem Geschrei malträtierten. Davor musste keinem Zuschauer übel werden, wie es 1929 bei der Uraufführung wegen einer blutbesudelten Darstellung geschah.

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Ein Artikel von
Alois Knoller

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