Montag, 23. Oktober 2017

23. Januar 2017 07:38 Uhr

Brecht-Festival 2017

Brechtfestival-Programm: "Wir mussten jonglieren"

Der neue Leiter des Brechtfestivals, Patrick Wengenroth, stellt das Programm für die Tage vom 3. bis 12. März vor. Die Umstände für die Planung waren anfangs fatal.

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Patrick Wengenroth ist der neue Leiter des Brechtfestivals.
Foto: Ulrich Wagner

Herr Wengenroth, Sie sind zum ersten Mal verantwortlich für das Brechtfestival und standen gleich vor einer riesigen Herausforderung, nämlich das Festival zu planen, ohne das Große Haus des Theaters. Wie oft mussten Sie Ihr Programm umschreiben?

Patrick Wengenroth: Als es im Juni bekannt wurde, war es natürlich aus Zeitgründen ein bisschen fatal, denn ich hatte schon Gespräche mit dem Theater Bremen, mit der Schaubühne, dem Schauspielhaus Zürich für Gastspiele geführt, immer in dem Glauben, dass man ein schauspielfähiges 1000-Plätze-Haus zur Verfügung hat, mit Drehbühne und allem, was man so braucht. Deshalb war es ärgerlich, dass wir für diese Gastspiele keinen adäquaten Ort mehr hatten. Und auch die Brechtbühne war keine Alternative, denn da fehlen dann wegen der geringen Platzzahl die Einnahmen durch Tickets.

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Was waren denn dann Ihre Überlegungen für die Gestaltung des Programms angesichts dieser neuen Situation, da mussten Sie sicher auch das Konzept anpassen?

Wengenroth: Wir haben jetzt trotzdem weitestgehend all das untergebracht, was im Ursprungskonzept geplant war: Es gibt mit „Gas“ ein europäisches Gastspiel, das ist in flämischer Sprache mit Übertiteln. Wir haben ein schönes Gastspiel aus Berlin mit dem Theater Ramba Zamba. Das interessiert mich als Inklusionstheater besonders und hat mit seinem Stück „Der gute Mensch von Downtown“ auch einen klaren Brechtbezug. Es ist eine spaßvolle und energetische Übermalung des Brechtstückes von fünfzehn Spielern mit Trisomie 21.

Dazu gibt es, sozusagen als „Bonus“, noch Eva Mattes. Und die beiden Schwerpunkttage, die geplant waren, können auch stattfinden. Für die Feminismus-Thematik konnten wir Laurie Penny, eine der wichtigsten jungen Feministinnen, und Jack Urwin gewinnen. Der sorgt gerade mit seinem ersten ins Deutsche übersetze Buch für Furore, weil er eine Neubestimmung des Männerbildes vornimmt. Im Großen und Ganzen konnten wir also unser Konzept umsetzen, mussten aber ein wenig jonglieren.

Das war ja vor allem bei der Eigenproduktion des Festivals, die es jetzt geben wird, der Fall.

Wengenroth: Genau, „Die Maßnahme“ in der Inszenierung von Selcuk Cara findet im Gaswerk statt. Der Ort in Verbindung mit dem Stoff und den inszenatorischen Ideen ergibt etwas sehr Spezielles. Das Festival ist also dezentraler geworden – wir spielen an vielen Orten, auch im Parktheater, im Grandhotel Cosmopolis und im Provinoclub – und mir macht diese Vielseitigkeit große Freude. Das ist ja gerade auch in den Feuilletons in der Diskussion, wie die Spielorte eine Aufführung beeinflussen, das wird sich beim Brechtfestival sicher auch entdecken lassen.

Wenn man das Programm ansieht, hat man den Eindruck, es ist eher ein diskursives Festival geworden.

Wengenroth: Ja, das ist Teil des Ansatzes, den ich von Anfang an verfolgt habe. Es gibt diesen etwas wissenschaftlicheren und politischen Anteil mit dem Feminismus-Tag und der Brecht-Benjamin-Werkstatt. Gerade Brecht und Benjamin stehen ja für das Phänomen des dialektischen Denkens. Ich finde es wichtig, zu zeigen, dass Theater das leisten kann. Brecht will in seinen Stücken die richtigen Fragen stellen, damit sich die Zuschauer im täglichen Leben selbst entscheiden, was sie tun müssen, sei es an der Wahlurne oder in der Flüchtlingsproblematik.

Jeder ist aufgefordert, selbst zu denken und dazu soll das Festival einladen. Nichtsdestoweniger ist bei all den Aufführungen aber auch eine Energie und Lust am Theater zu spüren, deswegen wird es neben dem Denken auch kulinarisches und sinnliches Erleben geben.

Trotzdem: Gerade das Thema Brecht-Benjamin klingt eher nach einem akademischen Nischenthema. Wie wollen Sie das Publikum dafür gewinnen?

Wengenroth: Der Thementag im Sensemble Theater richtet sich an Menschen, die ein Spezialinteresse haben, aber wir haben ja auch Programmpunkte, die das im theatral-performativen Sinn erfahrbar machen, nämlich unsere zweite Eigenproduktion „Krise ist immer“. Da wird der Diskurs von Brecht und Benjamin als Theaterabend inszeniert. Außerdem gibt es die „Svendborger Gedichte“ von Bluespots, die fast ein Musiktheaterabend geworden sind und in Dänemark schon hymnisch gefeiert wurden. Die Gedichte stammen genau aus dieser Exilzeit, in der sich Brecht und Benjamin in Svendborg begegnet sind. Damit wird also das vielleicht etwas akademisch wirkende Thema sinnlich, aber auch schwermütig, traurig, reflektierend. Das wird alles andere als trocken.

Sie treten mit dem Anspruch an, die Gegenwart mit Brechts Werk und das Werk Brechts mit der Gegenwart zu konfrontieren. Was macht Brecht im Moment interessant?

Wengenroth: Unter dem Deckmantel des real existierenden Wohlstandes in unserem und den uns umgebenden europäischen Ländern sind viele Leute versucht zu sagen: „Uns geht es doch gut, wir müssen jetzt nur schauen, dass wir das bewahren.“ Wenn die dann wirklich mal das Visier hochklappen – wie jetzt Herr Höcke oder auch Donald Trump – dann sieht man, was wirklich dahinter steckt. Da tun sich Fragestellungen auf, die Bert Brecht schon ganz früh bewegt haben. Und auch diese Haltung, damit nicht konfrontiert zu werden und sich nicht damit beschäftigen zu wollen, hat er in seinen Stücken ja immer wieder aufgegriffen. Brecht hat schon damals den modernen Menschen in der Krise gezeigt.

Sie haben schon von den zwei Eigenproduktionen des Festivals gesprochen. Es gibt aber noch einen Theaterabend, der beim Festival Premiere hat, die Revue „Die Welt ist schlecht und ich bin Brecht“ auf der Brechtbühne, die Sie inszenieren und in der Sie auch mitspielen.

Wengenroth: Die ist von langer Hand geplant und wäre witzigerweise auch beim Festival gezeigt worden, wenn Joachim Lang noch der Leiter wäre, denn sie ist ja eine Produktion des Theaters. Aber das ist sicher etwas Neues, dass es nun einen inszenierenden und selbst auf der Bühne stehenden Festivalleiter gibt.

Wer hat denn dabei nun das Sagen, der Festivalleiter, der Regisseur oder die Intendantin?

Wengenroth: Am Ende des Tages hat da natürlich das Theater die Fäden in der Hand. Aber es gibt im Moment überhaupt keinen Interessenskonflikt, weil Frau Votteler, die Schauspielleitung, und ich ein sehr kooperatives Verhältnis haben. Es macht ja auch in meinen Augen gar keinen Sinn, bei einem Brechtfestival das Theater außen vor zu lassen.

Wie kommen Sie selbst mit dieser Rollenhäufung zurecht?

Wengenroth: Im Moment ist mein Hauptproblem, dass der Tag nur 24 Stunden hat. Aber erst mal ist es sehr schön, nicht nur die wandelnde Excel-Tabelle zu sein, die organisieren und planen muss, sondern irgendwann auch auf der Bühne zu stehen und selbst etwas zum Festival beizutragen.

Sie haben einen Jahresvertrag für dieses Festival. Der Augsburger Kulturreferent hat jetzt ins Gespräch gebracht, sich schon vor Beginn des Festivals zu entscheiden, wer im nächsten Jahr die Leitung übernehmen soll. Stünden Sie zur Verfügung?

Wengenroth: Es war eine sehr lustvolle Arbeit, dieses für mich fast neue Pflaster Augsburg zu erschließen. Insgesamt habe ich fast sechs bis sieben Wochen in der Stadt gelebt und einiges kennengelernt. Im Sinne einer Fortsetzung von dem, was ich mir erarbeitet habe, könnte ich mir das vorstellen, aber das ist im Moment überhaupt nicht mein Thema. Allerdings war die Zeit, in der ich jetzt planen konnte, also seit Schließung des Großen Hauses im Juni bis zum Dezember, brachial kurz. Insofern wäre es natürlich sinnvoll, nicht zu warten, denn wenn man Bühnen, die in der Theater-Bundesliga spielen, verpflichten möchte, kann man gar nicht früh genug anfangen. Auch triennal, also eine Leitung für drei Jahre, wäre zu überlegen. Das ist kurz genug, damit sich keine herrschaftlichen Strukturen einschleichen, ist aber lange genug, dass man Erfahrungen machen und sie nutzen kann.

Mehr dazu:

Brechtfestival 2017 setzt auf kleine Eigenproduktionen 

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Ein Artikel von
Birgit Müller-Bardorff

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