Dünn ist die Schicht, die Zivilisation von Barbarei trennt, den Menschen vom Tier. Der amerikanische Schriftsteller Edward Albee hat das in seinem Theaterstück "Zoogeschichte" auf die Bühne gebracht. Darin hat sich der Verleger Peter nicht nur in seinem Mittelklasseleben bequem eingerichtet, sondern auch auf einer Bank im Central Park in New York. Nur kommt er dort nicht zum Lesen, weil sich Jerry - halb Narr, halb Weiser - vor ihm aufbaut und ihm mit Nachdruck ein Gespräch aufpresst, dem er sich nicht entziehen kann. Und dieser Jerry, der nur erzählen will, was er gerade im Zoo erlebt hat, spricht so lange auf Peter ein, bis alle Abgründe, die unter dem anerzogenen kultivierten Verhalten lauern, offen zutage treten. Von Richard Mayr

Albee hat sein erstes Theaterstück in kürzester Zeit geschrieben und damit 1959 die Theaterlandschaft aufgerüttelt. Es gilt als das erste absurde amerikanische Stück und ist beeinflusst von Becketts "Warten auf Godot". In der Inszenierung des Studententheaters Panoptikum legte Regisseurin Nora Schüssler das Augenmerk weniger auf den absurden Charakter dieses Dialogs, der ja völlig aus dem Rahmen fällt. Vielmehr ging es ihr im S'ensemble Theater darum, die beiden unterschiedlichen Charaktere dieses Zweipersonenstücks so plastisch darzustellen, dass sich die fortwährende Eskalation des Gesprächs mit einer erschreckenden Zwangsläufigkeit entwickelte.
Ein animalischer Schatten folgte den beiden Figuren
Von Beginn an ließ diese Inszenierung vergessen, dass Studenten auf der Bühne standen. Ein Käfig aus Bauzäunen, nur zum Publikum hin offen, eine Bank und ein paar abgesägte Baumstämme dienten als Kulisse. So wurde unmissverständlich deutlich, dass es im Folgenden ums Eingesperrtsein ging.
Und noch bevor das erste Wort fiel und die Stimmen des Publikums verstummten, tigerte oder besser pantherte eine dritte Person hinter den tausend Stäben entlang (Mareike Schemmerling). Und die eingespielten Zitate aus Rilkes berühmtem Gedicht legten den Verdacht nahe, dass diese Figur in Schwarz, die in der Inszenierung hinzugekommen war, der animalische Schatten war, der Jerry längst eingeholt hatte und nun auf Peter überzuspringen drohte.
Äußerlich trennten Peter und Jerry nicht viel. Beide trugen sie Jeans und ein weißes Oberteil. Doch schon vom ersten Wort an war klar, dass sich Peter und Jerry wie Tag und Nacht zueinander verhielten. Stefan Rannersberger ließ den zu Beginn noch selbstbewussten Peter behutsam die Fassung verlieren. Wie ein offenes Bilderbuch konnte man an seinem nach innen gekehrten Gesicht ablesen, wie sehr seine bürgerliche Existenz mit Frau, zwei Töchtern und zwei Wellensittichen angegriffen wurde, wenn Jerry seine aufwühlenden Geschichten erzählte; zum Beispiel, wie Jerry beschloss, den wilden, immerfort tobenden Hund der Hausmeisterin entweder durch Güte zu besänftigen oder mit Rattengift zu töten.
Stefan Mühlbauer hingegen ließ seinen Jerry naiv im besten Sinne sein. Er war ein Staunender, der vor lauter Staunen unsicher gegenüber dem Selbstverständlichen geworden war. Sein Jerry war sich nicht mehr sicher, was Leben und Liebe eigentlich bedeuteten. Und wenn er versuchte, sich mit Worten Klarheit zu verschaffen, dann nestelte er am T-Shirt oder dem Hosenbund herum. Bis ihn das Ungebändigte darin ansprang, packte und überwältigte, bis er an den Stäben des Bauzauns vergeblich rüttelte oder minutenlang Rotz und Wasser heulte, weil er am Höllenhund der Nachbarin verzweifelte.
Mit der packenden Inszenierung zeigte das Studententheater Panoptikum, wie professionell es mittlerweile arbeitet. Chapeau!
Weiterer Termin am Sonntag, 9. Mai, um 20.30 Uhr im S'ensemble Theater.
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