Freitag, 26. Mai 2017

12. Januar 2015 00:34 Uhr

Interview

Der Ausbruch aus dem spießigen Deutschland

Claudia Roth war drei Jahre lang Band-Managerin von „Ton Steine Scherben“. Die Musik von Rio Reiser und Co. lässt sie seit ihrer Jugend nicht los. Zum Konzert der wiedergegründeten Band in Augsburg schafft sie es aber nicht

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Frau Roth, am Dienstag tritt in Augsburg „Ton Steine Scherben“ auf. Es wäre schön, mit Ihnen über die Band zu sprechen.

Wenn wir heute reden, sprechen wir an Rio Reisers 65. Geburtstag. Am 9. Januar 1950 ist Rio als Ralph Möbius in Berlin geboren und am 20. August 1996 viel zu früh gestorben.

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Sie denken an ihn?

Natürlich. Das geht mir durch den Kopf.

Ihre persönliche Geschichte mit „Ton Steine Scherben“ fing an, als Sie München verließen?

Meine Geschichte mit den Scherben fing früher an, mit der Band-Gründung 1970. Auch im tiefsten Schwaben ist ihre Musik damals angekommen. Sie war Ausdruck einer ganzen Generation, Ausdruck des Versuchs, aus einer spießigen engen deutschen Realität auszubrechen. Die Scherben waren die musikalische Übersetzung von dem, was 1968 an den Universitäten passiert ist.

Ihren ersten persönlichen Kontakt zur Band gab es, als Sie Ihr Theaterwissenschafts-Studium aufgegeben haben?

1975 bin ich von der Uni nach Dortmund gewechselt. Ich habe eine Möglichkeit gehabt, an die Städtischen Bühnen in Dortmund zu gehen. Ich habe in der Dramaturgie im Kinder- und Jugendtheater gearbeitet. Der Leiter dieser Abteilung war Peter Möbius, der ältere Bruder von Rio Reiser. Einmal pro Spielzeit gab es eine gemeinsame Produktion mit den Scherben. Auf diesem Weg habe ich Rio persönlich kennengelernt.

Und dieser Kontakt riss nicht mehr ab?

Die Beziehung wurde sehr persönlich. Mein Freund Martin ist Keyboarder der Scherben geworden, das war Ende der 70er Jahre. Ich war Anfang der 80er Jahre bei ihnen auf Fresenhagen für ein paar Tage und wollte ausspannen. Die Scherben haben mich gefragt, ob ich für sie nicht Pressearbeit machen wolle, weil ein paar Auftritte geplant waren im Frühjahr 1982. Ich bin dort geblieben und lebte drei Jahre in Fresenhagen mit der Band zusammen.

Ihr Job war nicht nur die Pressearbeit?

Eigentlich war es Management, aber man hat nicht Management dazu gesagt. Das war ja ein kapitalistischer Ausbeutungsbegriff (Roth lacht). Faktisch handelte es sich darum, Auftritte und Tourneen zu organisieren, eine neue Platte zu bewerben, was nicht leicht war, weil die Scherben zum Teil auf dem Index standen. Die Auftritte waren immer voll, riesengroße Erfolge.

Es war aber ein schwieriger Job?

Es waren die Jahre, in denen die Musikindustrie mit der Friedensbewegung und den Grünen neue Märkte entdeckt hat, in die sie viel Geld reingepumpt hat, etwa in BAP, Grönemeyer und wie sie alle hießen. Wir als Scherben sind unabhängig gewesen und wollten unabhängig bleiben. Auf die Dauer war das nicht mehr zu machen. 1985 kam es zur Entscheidung: Entweder machen wir einen Vertrag mit der Musikindustrie oder wir lösen uns auf. In einer legendären basisdemokratischen Abstimmung hat die Mehrheit sich für Auflösung entschieden. Ich hielt das für falsch. Aber tatsächlich blieb so die Legende bestehen.

Das Verrückte als Band-Managerin war, dass die Band ein großes Publikum hatte, das nicht akzeptieren wollte, normalen Eintritt zu bezahlen.

Das war das Bittere. Man hat gesagt: Ihr seid eine politische Band, aber jetzt seid ihr auch Geldsäcke geworden. Während BAP für den Eintritt 50 Mark verlangt hat, wollten die Scherben 15 oder 18 Mark. Das war zu wenig, dass am Schluss ein bisschen Geld übrig blieb. Selbst für diese Preise gab es kein Verständnis. Die Scherben waren eine Projektionsfläche. Manche, die aus den Kämpfen der 70er Jahre in ein etabliertes Leben gekommen waren, haben von der Band erwartet, den revolutionären Anspruch aufrecht zu erhalten.

Sie haben die Band 1975 kennengelernt, als sie von Berlin auf die Nordseeinsel Fresenhagen gezogen ist?

Man muss sich erinnern, dass das eine bleierne Zeit in Deutschland war, in der es sehr gewalttätig zugegangen ist, in der die RAF Verbrechen begangenen hat, in der der Sicherheitsapparat in Deutschland sein Visier heruntergelassen hat und diejenigen, die nicht auf Linie waren, als Feinde betrachtet hat. Es war ein richtiger Schritt, von Berlin wegzugehen. Fresenhagen liegt ein paar Kilometer vor der dänischen Grenze. Die Scherben zogen auf einen sehr alten Bauernhof, um dort einen geschützten Raum zu haben.

Wie sehen Sie die Auftritte der wieder gegründeten Band?

Es gab nach der Auflösung immer wieder Scherben-Family-Auftritte. Ich habe einen guten Kontakt zur Band. Ich wäre gerne nach Augsburg gekommen. Aber wir haben in Berlin unsere erste Sitzungswoche. Nach den Ereignissen in Frankreich jetzt will ich im Bundestag nicht fehlen. Die Scherben-Family-Auftritte zeigen, dass die Musik der Scherben fast zeitlos ist. Rio war für mich einer der größten Künstler, die es in Deutschland gegeben hat. Er hatte die Fähigkeit, politische Anliegen nicht platt darzustellen. Wichtig ist in diesen Tagen zum Beispiel „Mein Name ist Mensch“. Da heißt es: „Ich habe viele Väter. Ich habe viele Mütter. Und ich habe viele Schwestern. Und ich habe viele Brüder. Meine Väter sind schwarz und meine Mütter sind gelb und meine Brüder sind rot und meine Schwestern sind hell. Ich bin über zehntausend Jahre alt, und mein Name ist Mensch.“ Das ist für mich die beste Antwort gegen die Pegida-Demonstrationen.

Sie waren erst Band-Managerin und sind jetzt Politikerin, hat das eine Sie auf das andere vorbereitet?

Als Managerin war es eine intensive Zeit. Sie war sehr hart. Manchmal wussten wir nicht, von welchem Geld wir uns etwas zu essen einkaufen sollten. Ich will es nicht romantisieren, wenn ich sage, dass ich dort gelernt habe, dass Reichtum nicht nur vom Kontostand abhängt. Es war der Versuch, gemeinsam zu leben und arbeiten und daraus etwas Gutes entstehen zu lassen. Das hat mich stark geprägt. Es war der Versuch der Auflösung von entfremdeter Arbeit hin zu einem Leben, das mit eigenen Anliegen verknüpft ist. Rio hat deutlich gemacht, dass das Private politisch ist. Wie man lebt und liebt, gibt etwas vom politischen Zustand der Gesellschaft wieder. Rio hat offen als schwuler Sänger gelebt. Das war in dieser Zeit nicht selbstverständlich und nicht einfach. Diese Erfahrungen, dieses Nichtaushaltenkönnen von Diskriminierung habe ich in die politische Arbeit mitgenommen. Interview: Richard Mayr

„Ton Steine Scherben“ treten am morgigen Dienstag, 13. Januar, um 21 Uhr in der Kantine auf.

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