Montag, 30. Mai 2016

30. Dezember 2015 05:57 Uhr

„Soko Tierschutz“

Der Skandal-Macher aus Augsburg

Friedrich Mülln ist das Gesicht der „Soko Tierschutz“. Sie deckt Tierquälerei in Ställen und Forschungsinstituten auf. Trotzdem steht der Augsburger immer wieder vor Gericht. Von Joshena Diessenbacher

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Friedrich Mülln bei einem seiner Einsätze: Er deckte beispielsweise den Skandal in einem Putenmastbetrieb im Raum Dillingen auf.
Foto: Soko Tierschutz

In Augsburg lebt, fast unbemerkt, einer der profiliertesten Tierschützer Deutschlands: Friedrich Mülln, 35 Jahre, Initiator und Aktivist des vor vier Jahren in Augsburg gegründeten kleinen, aber effektiven Vereins „Soko Tierschutz“, der in der Region vor allem durch die Aufdeckung des Skandals in einem Putenmastbetrieb im Raum Dillingen bekannt wurde. Deutschlandweit ist Mülln schon länger eine Art Hausnummer. Helle Haut, kurze, rote Haare, roter Dreitagebart: Sein Gesicht, das wirkt wie das eines zurückhaltenden Mannes, war und ist regelmäßig in Bild, Welt, ZDF, Stern-TV oder auf Pro7 zu sehen. Er ist sozusagen der Skandal-Mann, der, der die unschönen Effekte der Massentierhaltung schonungslos ans Licht zerrt.

Aber auch ohne Skandal liefert Mülln guten Stoff für die Medien, zum Beispiel als er vor einem Jahr in München auf der Anklagebank saß und draußen 60 Menschen mit Transparenten für seinen Freispruch demonstrierten. Die Staatsanwaltschaft hatte Mülln angeklagt, weil er heimlich aufgenommenes Videomaterial „über die tierquälerische Gewinnung von Bettfedern und Daunen“ an TV-Sender vermittelt hatte.

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Zuvor hatte die Soko Tierschutz in Polen brutale Szenen vom sogenannten Lebendrupf gefilmt, in denen Arbeiter die Vögel am Hals packen und ihnen die Federn ausreißen, das Blut strömt den Hals hinunter. Weil in den Produktionsländern oft nichts gegen Tierquälerei unternommen wird, versuchten die Tierschützer, über Mitarbeiter einer deutschen Firma Hinweise zu bekommen, dass jene mit Daunen aus Lebendrupf handelt. Die Anklage lautete sodann auf „Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes in Ton und Bild“; das Verfahren wurde eingestellt gegen 1500 Euro Geldauflage, an den Münchner Tierschutzverein zu zahlen, der Richter sagte zum Abschied: „Setzen Sie sich weiter für den Tierschutz ein!“

Das tat Mülln, tut er seit 20 Jahren. Als Teenager machte er erstmals mit einer Amateur-Kamera Aufnahmen von einem Geflügelstall im Nachbardorf, die beim Lokalsender landeten.

Mit 28.000 Euro dotierten Preis gewonnen

Derzeit gibt es für Mülln und seine Leute einen besonderen Grund zur Freude: Die Soko Tierschutz hat den mit 28.000 Euro dotierten, international ausgeschriebenen Lush-Preis im Bereich „Kampf gegen Tierversuche“ gewonnen. Lush ist ein Kosmetikunternehmen mit Sitz in England, das jedes Jahr Preise im Wert von mehreren hunderttausend Euro für verantwortungsvolles Handeln in verschiedenen Kategorien verleiht. Ausgewählt wurde der Augsburger Verein für die „Aufdeckung der Versuchssituationen in der Hirnforschung an Primaten im Max-Planck-Institut“ in Tübingen.

Die Soko hatte einen ihrer Leute als eine Art „Wallraff“ von langer Hand geplant als Mitarbeiter eingeschleust, um Beweismaterial zu sammeln. 2014 zeigte Stern-TV Aufnahmen der Soko aus dem Institut: Nicht verheilte Operationswunden; sedierte, blutverschmierte Affen; verstörte, panische Tiere, die sich erbrachen.

Nach dem Fernsehbeitrag hatte es mehrere Strafanzeigen gegeben, die Staatsanwaltschaft führte eine Hausdurchsuchung im Max-Planck-Institut durch, es gab viel Ärger und Rummel um die ehrwürdig klingende Forschungseinrichtung. Eben jene Sichtbarmachung von sonst verborgenen Bildern ist es, die der Preis belohnt.

Sichtbarmachung führt nicht automatisch zu Veränderung

Aber Sichtbarmachung führt nicht immer zu Veränderung: Die Ermittlungen dauern noch an, es heißt vonseiten des Instituts, dass Versuche vorerst nicht mehr an Affen, sondern an Nagetieren durchgeführt werden; dass in Zukunft wieder an Affen getestet wird, ist nicht ausgeschlossen. Der Tübinger Oberbürgermeister Palmer (Grüne) sagte, die Entscheidung, die Affenversuche einzustellen, sei ein schwerer Rückschlag für die Forschung.

Mülln, der zum Interviewtermin in Outdoor-Kleidung mit schweren Stiefeln kommt, an denen noch Dreck wahrscheinlich vom letzten Undercover-Einsatz klebt, kann von Rückschlägen, aber auch von Etappensiegen einiges erzählen.

So hat das Bildmaterial der Soko, das seit vielen Jahren in Fernsehbeiträgen gezeigt wird und für Aufruhr sorgt (zum Beispiel der Skandal von 2012 um den größten Geflügelfleischproduzenten Deutschlands, Wiesenhof) dem Verein auch viele Feinde eingebracht.

Sieben Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs

Sieben Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs hat Mülln seit 1994 bekommen, alle wurden eingestellt oder zurückgezogen, die meisten waren Folge von Pelzfarmbesetzungen in den 90er Jahren und von den Recherchen gegen Wiesenhof. Viele der Aktionen von Mülln und der Soko liegen tatsächlich in der legalen Grauzone und müssen verhandelt werden.

Die ganz große Geschichte, mit der Mülln bekannt wurde, war sein Rechtsstreit mit dem US-Konzern Covance, einem Auftragsforschungsinstitut. Als Student war es ihm 2003 gelungen, sich bei Covance in Münster als Tierpflegehelfer für Versuchslabor-Primaten einzuschleusen – „die suchten billige Leute, die nicht fragen.“ Dann hat er monatelang dort gearbeitet und heimlich seine Videos gedreht, wurde angeklagt. Das Recht einer Firma auf Privatsphäre stand gegen das Recht der Öffentlichkeit auf Information. Und: Er hat gewonnen – ein Präzedenzfall.

Tierversuche oder Tierquälerei durch Massentierhaltung in Deutschland, Pelzfarmen in Ungarn oder China: Der kleine Augsburger Verein mit einem gutem Dutzend aktiven und 300 Fördermitgliedern ist überall im Einsatz. Wenn es nach dem Tierschutzgesetz in Deutschland ginge, sagt Mülln, dürfte ein Großteil der Tierquälerei nicht passieren. Aber wo kein Zeuge, da kein Richter. Zeugen sein, das ist es, was die Soko-Leute wollen. Der einzig gültige Anspruch: „Alles, was wir erzählen, müssen wir selbst gesehen und dokumentiert haben.“

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