Freitag, 23. Juni 2017

14. Juli 2016 00:30 Uhr

Porträt

Der Weg führt zur großen Bühne

Johannes Kammler hätte sich auch vorstellen können, Mediziner zu werden. Er ist aber dann doch Profisänger geworden. Inzwischen hat er internationale Engagements

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Glücksfälle haben es manchmal eilig. Johannes Kammler hat es zu spüren bekommen. An der Bayerischen Staatsoper fiel für die Eröffnungspremiere der diesjährigen Münchner Opernfestspiele ein Sänger aus, vorgesehen für die Rolle des Ruggiero in der Oper „La Juive“. Eine kleine Partie, doch groß genug, um auf gründliche Einstudierung nicht verzichten zu können. Drei Wochen vor der Premiere ereilte Johannes Kammler die Anfrage, ob er einspringen wolle. Nicht eben viel Zeit, vor allem, wenn man die Oper zuvor gar nicht kannte. „Aber ich bin ein Arbeitsmensch. Ich will immer alles machen. Einfach, weil es mich interessiert.“

Also sagte der Augsburger Bariton, Mitglied des Opernstudios an der Staatsoper, zu. Legte Nachtschichten ein, um den Text in den Kopf zu bekommen, ließ sich tagsüber intensiv coachen beim Rollenstudium, stieg in die schon fortgeschrittene Produktion gleich bei den Bühnenproben ein. Mitten hinein zwischen hochkarätige Namen, darunter Tenor Roberto Alagna und Regisseur Calixto Bieito, beide Stars ihrer Zunft. Eine Bewährungsprobe für Kammler, der mit seinen 28 Jahren noch am Anfang steht.

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Dann die Premiere. Kammler hat als Stadtvogt von Konstanz, welcher dieser Ruggiero in Jacques Fromental Halévys „La Juive“ ist, gerade im ersten Akt deutlich Präsenz zu zeigen. Kammler singt an diesem Abend nicht nur ausgezeichnet, er spielt auch mit überzeugender Präsenz diesen Vertreter der Ordnungsmacht, bis dahin, dass er am Schluss der Titelfigur, so will es die Regie, in einem Akt der Demütigung die Haare abschneidet. Am Schluss zu Recht Applaus für diesen Einspringer und seine konturenscharfe Charakterdarstellung. Vier Mal hat er den Ruggiero jetzt bei den Opernfestspielen gegeben. Vielleicht ein weiterer Schritt auf der Karriereleiter.

Glück habe er gehabt, findet Johannes Kammler, dass ihm diese Chance zugefallen sei. Glück, das ihm, so erzählt er, auf seinem Weg schon öfter widerfahren ist. Etwa, als er sich an renommierten Musikinstitutionen für seine Ausbildung bewarb, in Freiburg zunächst, später in Toronto und schließlich in London. Stets sang er vor, wurde stets genommen. Wie auch beim Münchener Opernstudio, der Talentschmiede der Staatsoper, gesucht von Nachwuchssängern aus der ganzen Welt. Dort ist er nun seit einer Spielzeit, bestreitet kleinere Rollen im laufenden Aufführungsbetrieb, holt sich dazu bei den Experten des Hauses letzten Schliff in Stimmtechnik, Rollenstudium und Schauspielerei.

Johannes Kammler hat das Singen von klein auf erlernt. Er ist der Sohn des Augsburger Domkapellmeisters und Leiters der Domsingknaben. Im Alter von fünf Jahren hat er hier zu singen begonnen, hat, neben der Schule und dem Abi in St. Stephan, die komplette Chorlaufbahn durchmessen, bis er 21 war. Da war der weitere Weg zum Sängerprofi vorgezeichnet, sollte man meinen. So eindeutig war es aber nicht. „Ich habe lange mit der Medizin geliebäugelt.“ Praktika im Klinikum wurden absolviert. Es bedurfte der Ermunterung aus der weiteren Verwandtschaft, um ihn letztlich bei der Musik zu halten. Und als ihm bei Aufnahmeprüfungen dann auch noch das besagte Glück des Tüchtigen und Talentierten beistand, war die Entscheidung gefallen.

Bereut hat Kammler sie nicht. „Es fasziniert mich, auf der Bühne zu stehen und in einen anderen Charakter zu schlüpfen.“ Überhaupt, die Oper: „Ohne sie kann man als Sänger heute nicht mehr überleben. Die Zeiten eines Fischer-Dieskau sind vorbei“, sagt er in Erinnerung an den großen Lied-Interpreten. Menschentypen und ihre Empfindungen nicht nur mit Mitteln der Stimme, sondern mit dem ganzen Körper auszudrücken, daran liegt für ihn der Reiz des Musiktheaters. Auch Kammler ist einer dieser Vertreter einer jungen Generation von Sängerdarstellern, die von der Regie geführt werden wollen und für die „park and bark“ – zu übersetzen mit: unbeweglich an der Rampe stehen und ins Publikum bellen – der Vergangenheit angehört.

Ein Jahr mindestens, vielleicht auch zwei, wird er noch am Opernstudio in München bleiben. Wird weiterhin den dortigen international ausgerichteten Betrieb kennenlernen, indem er kleine Rollen in Stücken wie „La Bohème“, „La Traviata“ oder eben auch „La Juive“ übernimmt – wenn die Halévy-Oper im Oktober wiederaufgenommen wird, soll Kammler weiterhin den Ruggiero singen. Auch für Carl Maria von Webers selten aufgeführte Oper „Oberon“, die im Sommer 2017 bei den Opernfestspielen aufgeführt wird, ist Kammler bereits vorgesehen.

Aber nicht nur der Oper gehört sein Sängerherz. Für das Lied hat er ebenfalls ein großes Faible, bietet es ihm doch willkommenen Ausgleich zum Operngesang. Denn das Lied erfordert ein filigraneres Singen, eines, für das Kammler sich durch seine vielen Jahre bei den Domsingknaben gut gerüstet sieht. Liedern von Mörike und Schoeck wird auch die erste CD gewidmet sein, die Kammler nächstes Jahr zusammen mit dem renommierten Pianisten Roger Vignoles aufnehmen will.

Auch andere namhafte Klassikkünstler suchen inzwischen die Zusammenarbeit mit dem jungen Augsburger Sänger. Im Januar, kurz nach Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie, wird Kammler in der spektakulären Konzerthalle mit dem NDR-Orchester unter Thomas Hengelbrock in Haydns Schöpfungsoratorium zu hören sein. Auch ein Star der internationalen Dirigentenszene hat ihn verpflichtet. Wieder verpflichtet, um genau zu sein, denn schon einmal sang er unter der Leitung des Venezolaners Gustavo Dudamel. „Am Ende der Aufführung“, erzählt Kammler, „sagte Dudamel, er würde gerne wieder mit mir zusammenarbeiten. Ich dachte mir, naja, was man halt so sagt in so einer Situation.“ Dass Dudamel ihn tatsächlich wieder engagieren würde, hat ihn überrascht. Diesen Herbst, ebenfalls in Haydns „Schöpfung“, singt Johannes Kammler wieder unter der Leitung des Venezolaners, in Los Angeles, wo Dudamel Orchesterchef ist.

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Stefan Dosch

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