Sonntag, 19. Mai 2013

13. September 2010 05:15 Uhr

Der Zahn der Zeit hinter den Mauern

Reisen bedeutet im besten Fall Ortswechsel, Bewegung, Horizonterweiterung. Reisen können uns belehren oder gar verändern, wenn wir es zulassen. Unter dem Motto "Kultur in Bewegung - Reisen, Handel und Verkehr" stand gestern der Tag des offenen Denkmals. "Wir reisen gerne", sagten Besucher Inge und Friedrich Koss. "Vor allem möchten wir die Gelegenheit nutzen, unsere Stadt besser kennenzulernen und mit neuen Augen zu sehen." Von Vanessa Duldner

Denkmäler, die sonst nicht der Öffentlichkeit zugänglich sind, öffneten ihre Pforten für einen Blick ins Innere, ihre Vergangenheit und was das Wieselhaus anbelangt, in die Zukunft: Das Renaissance-Kleinod wird bis voraussichtlich 2012 zu einem Fugger- und Welser-Erlebnismuseum umgebaut - das beste Beispiel für ein Denkmal in Bewegung. Zwar war das Bürgerhaus aus dem 16. Jahrhundert nur für unseren Fotografen geöffnet, jedoch erklärte Gästeführerin Wiebke Schreier, wie das ockerfarbene Gebäude, dessen Fassade noch Risse zeigt, nach der Renovierung aussehen soll. Während in früheren Zeiten "in Richtung Norden und Dunkelheit" gelebt wurde, sollen die Arkaden geöffnet und verglast werden. Ziel ist dennoch, den Urzustand von 1530 durch das Entfernen von Einbauten wiederherzustellen, die irgendwann hinzukamen. Schließlich war das Wieselhaus noch bis 2002 bewohnt.

Nahe am weltweiten Handel

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Hinter den Mauern erwartet die Museumsbesucher künftig ein Rundgang durch die bewegte Vergangenheit des Hauses, eingerichtet von der Regio Augsburg. Namensgeber Johann Wiesel (1583-1662), der seine Werkstatt für optische Instrumente darin beherbergte und fünf Jahre hier wohnte, wird genauso erfahrbar gemacht, wie die Handelsfamilien Fugger und Welser.

"Für Augsburg hat dieser Ort hohe wirtschaftliche Bedeutung", so Schreier. Handelsorte wie Portugal oder Indien wurden erreicht. Fernrohrbauer Wiesel vertrieb seine Linsen in ganz Europa. Bis das "Renaissance-Juwel", wie es auf der Bautafel heißt, fertig renoviert ist, empfiehlt die Gästeführerin einen Blick in den direkt dahinter liegenden Stephansgarten zu werfen.

Willkommen waren Besucher anlässlich des Denkmaltags im Alten Bahnhof in der Baumgartnerstraße, seit 1920 besser bekannt als Straßenbahndepot. Spuren von dem ehemaligen Augsburger Kopfbahnhof, der nach seiner Aufgabe für einige Jahre als Militärreitschule genutzt wurde, sind nur noch die stilistischen Fensterbögen sowie die Dachkonstruktion. Wo reges Treiben herrschte, um ab 1840 den Zug nach München zu nehmen, liegt nun beinah museale Stille in der Luft. Wären da nicht die unzähligen Straßenbahnen, die tagtäglich in den Betriebshof einfahren, bis sie am nächsten Morgen wieder genutzt werden.

Diese Ideen der Straßenbahnen, die das Augsburger Stadtbild maßgeblich bestimmen, die Menschen an ihren Bestimmungsort bringen und deren Schienen in alle Himmelsrichtungen führen, spiegeln sich in den Linolschnitten von Kommunikationsdesigner Oliver Kuhn (Agentur okconcept) wider, die den verkehrstechnischen Aspekt des Denkmaltages für die Betrachter veranschaulichten.

Augsburgs Wasserstraßen und deren wirtschaftliche Bedeutung als Transportwege für die Industrie durften die jungen Besucher bei einer Kinderführung zum Kanalhafenprojekt am Oblatterwall kennenlernen. Während die fachliche Darstellung der historischen Fakten, wie die Pläne von Karl Albert Gollwitzer im Jahr 1901, einen Augsburger Kanalhafen mit der Donau zu verbinden, die Kinder augenscheinlich überforderte, kamen die interaktiven Elemente gut an: Kordeln drehen wie der Seiler anno dazumal oder mit Staunen lernen, dass mit Holzasche Stoffe gebleicht wurden, ist nun mal spannender als Jahreszahlen oder urig klingende Namen.

Den Zahn der Zeit mit eigenen Augen zu sehen sowie Orte aufzustöbern, die sonst im Verborgenen bleiben und nicht nur in verstaubten Geschichtsbüchern blättern, das ist der Reiz des Denkmaltages.

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