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23. Juli 2009 06:22 Uhr

Der glücklose Flugpionier

Augsburg Hätte der Augsburger Schuster Salomon Idler nicht schauspielerische Ambitionen gehabt und im April des Jahres 1665 um Auftrittserlaubnis gebeten, wäre er als "Flieger" in Vergessenheit geraten. Die Vereinigung der "Meistersinger" widersprach nämlich diesem Ansinnen auf das heftigste und schwärzte den "Bürger und Schuhmacher dahier" beim Rat der Reichsstadt auf mieseste Weise als "hirnlos und luftsinnig" an. Um ihn für die Obrigkeit glaubhaft als "Spinner" zu diskriminieren, erinnerten die Vorstände der Meistersinger unter anderem daran, "dass er unbesonnener weiß sich gelüsten lassen, von dem Perlen Thurn herab zu fliegen". Dies geht aus den im Stadtarchiv bewahrten "Meistersinger-Akten" hervor. Die darin archivierten Briefe, Widersprüche und Dekrete aus dem Jahr 1665 erzählen die wahre Geschichte des ersten Augsburger "Flugpioniers" Salomon Idler. Von Franz Häußler

Leider schmückten "Augsburg-Geschichtla-Schreiber" später diese schriftlich festgehaltene Überlieferung mit unsinnig Erdichtetem aus. Dabei hätte das Zitieren der ohnehin in polemischer und deftiger Ausdrucksweise geschilderten und wohl damals schon vom Volksmund "angereicherten" Tatsachenberichte um Salomon Idlers Flugversuch vollauf genügt. Diese "Historiker" gingen sogar so weit, den Protestanten zu "katholisieren" und ihm einen Benediktiner von St. Ulrich als Beichtvater und Ratgeber zuzuordnen.

Laut Hochzeitsamt-Protokoll heirateten am 10. Juni 1635 "Salomon Idler, Schuster von Cannstadt in Wirtenberg, ledigen Stands, und Justine Burkhartin, David Herbstens, Schuhmacher, selig Wittib dahier". Durch die Ehe mit der Augsburger Schusterswitwe bekam der Zugereiste das hiesige Bürgerrecht und durfte die erheiratete Werkstatt weiterführen. Als seine Frau nach wenigen Jahren starb, heiratete er ein zweites Mal. Der amtliche Ehe-Eintrag vermerkt hinter beiden Namen als Religion "AC" (Augsburger Confession), also evangelisch. Einer der beiden Bürgen der aus dem Ries stammenden Braut war kein Geringerer als Elias Holl, "gewester Werkhmaister" der Reichsstadt Augsburg.

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Das Paar lebte im "St. Jacobsdrittel", also in der Jakobervorstadt. 1658 findet sich Salomon Idler unter den "Vorgehern" der Schuhmacher, genoss also in seiner Zunft Ansehen. Dass der 1610 geborene Württemberger auch ein Tüftler, Possenreißer, Poet, Schauspieler und Flugpionier war, wird erst ab April 1665 als Folge seines Antrags an "einen Ehrsamen Hochweißen Magistrat" offenbar, mit eigener Truppe "Tragedien und Comedien" im Komödienstadel (so hieß das Stadttheater in der Jakobervorstadt) aufführen zu dürfen.

"Meistersinger" machten Ruf madig

Für die Nachwelt entschieden interessanter als dieses Ansuchen sind die jeweils mehrseitigen Widersprüche der höchst einflussreichen, vom Rat um Stellungnahme ersuchten Gesellschaft der "Meistersinger" gegen die Zulassung. Für sie war Idlers Ensemble eine miserable Laienspieltruppe, die bestenfalls auf einem Dorf, nicht aber in Augsburg auftreten dürfe. Bereits im ersten Schreiben vom 23. April 1665 machten die Meistersinger Idlers Ruf mit der "Flieger"-Episode auf deftigste Weise madig. "Dieser hirnlose und lufftsinnige Salomon hat seinem närrischen Einbilden nach sich sogar unterstehen wollen, von dem Perlen Thurn herab zu fliegen, hat es auch werckstellig machen wollen, wenn nicht ein vornehmer Geistlicher Herr Ihm solchs inhibieret und geraten hätte, dass er zuvor auf den Thurn fliegen und sich als dann mit seinen windsichtigen Flügeln wieder herab wagen möge." So lautet ein Satz in dem Schreiben an den Rat.

In einer weiteren Stellungnahme Ende Mai 1665 kommen auch andere "Phantastereien" Salomon Idlers zur Sprache. Die zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon viele Jahre zurückliegende Flug-Episode wird darin wiederholt und zu Ende geführt: Nachdem der "vornehme Geistliche" ihm mit viel Mühe widerraten habe, seinen ersten Flug vom Perlachturm aus zu machen, habe Idler "in dem Rahmgarten solche fliegende Kunst ins Werk zu setzen sich underwunden, ist von einem Dächlen auf eine Brett-Prugg geflogen, worunder etliche Hennen gewesen, die er mit seinem Knall und Fall erschlagen, und deßwegen von vielen verlacht und der fliegende Schuster genannt worden. So hat er, nachdem diese fliegende Kunst nit gerathen, und er die Lufft seinem windigen Vorsatz nach nit durchstreichen können, seine mit langer Handt und großen Unkosten zusammen gemachte Flügel von allerhand gefärbten Federn und Eisenbeschlag … aus Ungeduld zu Oberhausen auf einem Hackblock zerhauen lassen."

Ob historische Abbildungen des Dädalos und seines Sohnes Ikaros die Fantasie von Salomon Idler zu seiner Eigenkonstruktion angeregt hatten, ist nirgendwo überliefert. Die beiden hatten sich in der Antike der Sage zufolge mit aus Federn und Wachs gefertigten Flügeln in die Lüfte geschwungen, was Salomon Idler misslang. Wie das Steuerbuch von 1669 vermerkt, starb er nicht am Sturz, sondern viel später im Spital. Im "Unteren Gottesacker bei St. Stephan" (am Lueginsland, heute eine Gartenanlage) fand er seine letzte Ruhestätte.

Straße im Univiertel als Erinnerung

Die 1665, also zu Lebzeiten Idlers, verfassten Schreiben belegen eindeutig, dass es den "Flugpionier" tatsächlich gab. In welchem Jahr der Flugversuch stattfand, geht aus den Archivalien nicht hervor. Das Andenken an ihn wird mit einer 1970 gesetzten Gedenktafel im Rahmgartengässchen und mit der 1972 nach ihm benannten Straße im Univiertel wachgehalten.

Mit Salomon Idler beginnt im "Augsburg-Album" die Serie "Augsburgs Luftfahrt-Geschichte" mit 14 weiteren Folgen.

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