Es ist immer wieder die gleiche Bewegung: Auf dem Knie drehen und das andere Bein gestreckt nach vorne ziehen. So sollen Dejan Kolarov und Mykola Kravets, Tänzer am Theater Augsburg, den Raum des Probensaals durchqueren. Koralov hat schon eine Bandage zur Hilfe genommen, um sein Knie besser belasten zu können, aber Choreografin Anna Vita ist noch nicht zufrieden. Zu wenig fließend ist die Bewegung, der Schwerpunkt des Rückens stimmt nicht, um wirklich Drehung an Drehung setzen zu können. "The step is not logical", setzt der Russe dagegen und ist auch nicht zu überzeugen, als Anna Vita ihm die Bewegung noch einmal vormacht. Von Birgit Müller-Bardorff
Fest in Frauenhand
Bis heute Abend wird sie sitzen müssen, denn dann hat Vitas Choreografie "Agnes Bernauer" Premiere am Theater Augsburg. Die Produktion ist Bestandteil des dreiteiligen Ballettabends "Ma.donna", dessen weitere Abschnitte neben Vita noch die beiden Choreografinnen Lauri Stallings und Amanda Miller gestalten. Reine Frauensache also. Dazu passt, dass die musikalische Leitung ebenfalls in Frauenhand ist: Caroline Nordmeyer wird das Philharmonische Orchester dirigieren.
Wer die Tänzerinnen und Tänzer in der Probe beobachtet, bekommt eine Ahnung, welch schwere Arbeit hinter der federleicht wirkenden Kunst steckt. Statt in duftigen, körperbetonten Kostümen stecken die Tänzer in einem kunterbunten Durcheinander aus Tops, T-Shirts und ausgebeulten Hosen, über die zierlichen Spitzenschuhe und Schläppchen haben sie dicke Strümpfe und Stulpen gezogen. Lautes Atmen und ab und an ein Stöhnen ist zu hören, und manch einer ist auch genervt, wenn er immer und immer wieder dieselbe Bewegung wiederholen muss.
Aber Anna Vita hat da einen langen Atem. "Natürlich haben manche Tänzer Schwierigkeiten mit gewissen Bewegungen. Das muss man dann halt reinpauken, Klagen ignorieren und es immer wieder vormachen", ist ihre Strategie. Und manchmal ist sie dann auch flexibel und verändert eine Schrittfolge. So wie in einer Szene mit Christine Ceconello als Agnes und Armando Gonzales Besa als Herzog Ernst. Da lässt sie eine größere Grätsche beim Schritt zu, damit Armando Christina nicht mehr auf den Fuß tritt.
Seit einem dreiviertel Jahr arbeitet Anna Vita, die am Mainfrankentheater in Würzburg Ballettdirektorin ist, an ihrer Choreografie zu "Agnes Bernauer". Friedrich Hebbels Drama war die Vorlage. "Die deutsche Literatur ist noch viel zu wenig vertanzt", findet sie. Der erste Schritt für die Choreografin, die vorwiegend Handlungsballette inszeniert, ist das Tanzlibretto, in dem sie die Szenenabfolge festlegt. Überhaupt haben Worte für Anna Vita eine große Bedeutung in ihrer Arbeit. "Tänzer müssen immer einen Text haben, der in ihrem Inneren mit den Bewegungen mitläuft." Erst aus der Handlung, den Empfindungen einer Figur und der Stimmung einer Geschichte entwickelt sie dann die Schritte und Bewegungen, die sie den Tänzern als Video präsentiert.
Bitte lächeln, es geht um Liebe
Für die Akteure bedeutet das weniger Raum zum Improvisieren, dafür Mehranforderung an den künstlerischen Ausdruck. Der erhält vor allem in der Endphase der dreiwöchigen Proben seinen letzten Schliff. "Smile, Christina, you love him", erinnert Anna Vita die Tänzerin, die in den Armen Albrechts dahinschwebt und im Moment mehr ihre Armstellung im Kopf hat als ihre Gefühle als Bernauerin. "Wir sind ja keine Sportler", sagt die Choreografin und fordert: "Wichtig ist, dass wir unserer Innerstes nach außen kehren."
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