Auf den ersten Blick wirkt die Szenerie sehr ungewöhnlich: Eine Nonne, die ihre Liebe Gott gewidmet hat, wiegt ein neugeborenes, friedlich schlummerndes Baby in ihren Armen. Für die Ordensschwestern Martha und Veronika sind derartige Momente seit einigen Wochen selbstverständlich. Regelmäßig besucht die iranische Asylbewerberin Bahare Balvasi mit ihrer einen Monat alten Tochter Raha die beiden Franziskanerinnen, die seit sechs Jahren mitten im Wohngebiet Centerville-Nord in Kriegshaber leben.
Die Freundschaft der drei Frauen währt aber schon länger. Schwester Veronika begleitete die Hochschwangere zu einem Arzttermin. Nach einem Besuch im Asylbewerberheim in der Schülestraße war für die Franziskanerin klar, dass sie die gesundheitlich sehr angeschlagene 34-Jährige dort nicht guten Gewissens in ihrem Zimmer im dritten Stock zurücklassen konnte. Deshalb wurde die Iranerin in die Wohngemeinschaft aufgenommen, „Ich war sehr beschämt und erschrocken über die Bedingungen“, sagt Schwester Veronika. „Mir war bewusst, dass die Frau ein geschütztes Umfeld braucht, damit sie und ihr Kind eine Chance haben.“
Es war nicht die Schwangerschaft allein, die die Iranerin so mitnahm. Seit einem halben Jahr hat sie ihre ältere Tochter Hasti nicht mehr gesehen. Die Neunjährige ist zwangsweise bei einer Pflegefamilie in den Niederlanden untergebracht – wir berichteten. Bahare Balvasi war von Deutschland aus mit ihr in das Nachbarland gereist, um dort ebenfalls Asyl zu beantragen. Das ist verboten. Beide wurden wieder nach Deutschland ausgewiesen, doch dann bestimmte ein niederländischer Vormund, dass das Mädchen wieder zu der holländischen Familie zurückkehren müsse, die das Kind während einer Erkrankung der leiblichen Mutter betreute.
Bahare Balvasi muss jetzt in Deutschland bleiben, ihre Tochter ist in den Niederlanden. Für Balvasi ist diese Geschichte nach wie vor unbegreiflich. „Hasti hat so große Sehnsucht nach ihrer kleinen Schwester“, sagt sie – und kämpft mit den Tränen. Sie kann nur selten mit der Neunjährigen telefonieren, streng kontrolliert von der Pflegefamilie. „Sobald wir in unserer Muttersprache Farsi reden, wird das Gespräch beendet.“
Den Franziskanerinnen tut es weh, ihre Freundin leiden zu sehen. Dennoch mussten sie die 34-Jährige aus rechtlichen Gründen nach der Geburt wieder ins Asylbewerberheim ziehen lassen. So oft es ihr möglich ist, packt Bahare Balvasi aber ihren Säugling in den Kinderwagen und kommt zu Besuch in die Carl-Schurz-Straße. „Zu meinen beiden Engeln“, wie sie sagt. Dort wartet neben Tee und mitfühlenden Worten auch mal eine Packung Windeln oder Kleidung auf die Frau. Die Hilfsbereitschaft im Viertel sei groß, sagt Schwester Veronika. Denn von den 40 Euro im Monat, die es neben den Essenspaketen gebe, könne die junge Mutter beim besten Willen nicht leben.
Seit ein paar Tagen ist Balvasis Mutter zu Besuch in Augsburg. Kurz vor Heiligabend kam auch ihr Lebensgefährte, Rahas Vater Assad Djodat, zum Weihnachtsurlaub aus den Niederlanden angereist, wo er als Ingenieur arbeitet. Um den iranischen Gästen das Asylantenheim zu ersparen, rücken die Schwestern in ihrer Wohnung noch ein wenig enger zusammen. Es sind nicht die einzigen Gäste in diesen Tagen, denn die offenen Türen von Veronika Görnert und Martha Dirr sind auch bei den Kindern im Viertel bekannt. „Das hier ist unser Kloster“, sagen die Franziskanerinnen.
Mittlerweile ist Raha aufgewacht und quiekt vor sich hin. Die Kleine trägt eine goldene Halskette mit ihrem Namen. Den haben ihre Eltern mit Bedacht gewählt. „Raha heißt frei“, sagen sie.