Unangebrachte Vergleiche mit dem Holocaust - Politiker und Wirtschaftsführer haben sich schon auf diese Weise disqualifiziert. Ist nun auch der Augsburger Bischof Mixa in diese peinliche Falle gestürzt? Eine Analyse von Rainer Bonhorst

Wer aus dem zehnten Stockwerk nach unten schaut, kennt die fatale Anziehungskraft der Tiefe. Trotzdem gelingt es im Allgemeinen, dieser Anziehungskraft und damit dem Absturz zu widerstehen. Unangebrachte Vergleiche mit dem Holocaust haben bei uns offenbar eine ähnlich fatale Anziehungskraft gewonnen, und leider hat mancher nicht die Kraft, dieser Absturzgefahr zu widerstehen.
Politiker und Wirtschaftsführer haben sich schon auf diese Weise disqualifiziert. Ist nun auch der Augsburger Bischof Mixa in diese peinliche Holocaust-Falle gestürzt?
Es gibt, wie so oft in solchen Fällen, widersprüchliche Darstellungen. So viel aber wird man sagen können: Einen unangemessenen Vergleich mit dem Massenmord an den Juden hat Mixa nicht machen wollen. Aber er ist diesem Absturz näher gekommen, als ihm lieb sein kann. Sagen wir es ganz schlicht: Der Mord an sechs Millionen Juden durch deutsche Verbrecher und die Abtreibung von neun Millionen Ungeborenen sind gänzlich unvergleichbar. Und es steht außer Zweifel, dass dies auch der Augsburger Bischof so sieht.
Er wäre aber besser beraten gewesen, die beiden Dinge in seinem nun heftig umstrittenen Dinkelsbühler Vortrag klarer zu trennen. Dann hätte er sich gar nicht erst dem Verdacht ausgesetzt, er bringe den Massenmord mit den Massenabtreibungen in Zusammenhang.
Was hat ihn wohl in die Versuchung gebracht, die beiden Themen so eng beieinander zu behandeln? Zwei ehrenwerte Gründe.
Über den Massenmord der Nazis sprach Mixa aus aktuellem Anlass. Er hat im Namen der Kirche dem lange Zeit exkommunizierten, dann wieder in den Schoß der Kirche aufgenommenen englischen "Bischof" und Holocaust-Leugner Williamson ein energisches Wort entgegengesetzt. Gut so.
Ebenso angemessen und eines Bischofs würdig ist der energische Tadel an den Massenabtreibungen in unserer Zeit. So abwegig jeder Vergleich mit dem Holocaust ist, so notwendig ist es für einen führenden Kirchenmann, die Schande so vieler, zur traurigen Routine gewordener Abtreibungen deutlich anzusprechen.
Hier soll keine neue Abtreibungsdiskussion geführt werden. Es gibt viele Gründe, sich zu diesem Schritt durchzuringen. Die schiere Zahl dieser Lebensbeendigungen aber kann keine Kirche mit Gelassenheit betrachten. Diese Zahl von neun Millionen, wenn sonst nichts, belegt, dass hier etwas auf furchtbare Weise schiefläuft.
Es ist bedauerlich, dass wieder einmal eine gute Sache durch Überspitzung oder eine unkluge oder missverständliche Wortwahl in ein schiefes Licht geraten ist.
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