Der Augsburger Verein Avalon bot über 20 Jahre Fachliteratur in seiner Frauenbibliothek an. Was in den 80er Jahren began, endet nun: Der Verein löste sich auf. Von Miriam Zissler

„Heldentöchter“, „Die Schuld eine Frau zu sein“, „Tatort Arbeitsplatz“, „Die Frau Thomas Mann“ – es sind Romane, Biografien, Krimis oder Sachbücher, welche die zwölf Schränke der Bibliothek Avalon füllen. Eines haben sie gemeinsam: Sie drehen sich um das weibliche Geschlecht. Es sind Bücher von Frauen oder Werke über Frauen, die in der Bibliothek zusammengetragen wurden. In über 21 Jahren haben sich rund 2500 Bücher angesammelt – nun hat sich der Verein aufgelöst.
„Durch Zufall bin ich in den 80er Jahren in die Frauenbewegung gestolpert“, erzählt Maria Luise Bertram. Ihr Interesse ist groß: Bei einem Besuch 1988 im Münchner Frauen-Projekthaus entdeckt sie dort eine Frauen-Bibliothek und ist von der Auswahl begeistert. „In Büchereien oder Buchhandlungen gab es zu der Zeit nur wenig einschlägige Literatur“, so Bertram. Die Idee einer Frauenbibliothek lässt sie nicht los, sie findet vier Mitstreiterinnen in ihrem Lesekreis im Frauenzentrum am Mauerberg. Eine passende Räumlichkeit findet sich in einer Praxis für psychosoziale Beratung, die in der Hutfabrik Lembert untergebracht war. Im Januar 1990 beginnt dort der Verleih. Avalon nennen die Frauen ihr Projekt – nach der Fraueninsel in der Arthusmythologie. Es soll eine Art Insel sein, ein geschützter Raum, wo sich Frauen unbefangen austauschen und informieren können.
350 Bücher haben sie anfangs aus ihrem Privatbestand zusammengetragen. Es wurde Monat für Monat mehr. „Wir erhielten stapelweise Bücher von Freunden und Bekannten. Was sich nicht für unsere Bibliothek eignete, haben wir einmal jährlich bei unserem Bücher-Flohmarkt verkauft“, erzählt Ingrid Klassen. Anfangs bieten sie wöchentlich drei verschiedene Öffnungszeiten an, darunter auch ein spezieller Termin für Männer. Dieses Angebot wird allerdings mangels Interesse schnell wieder eingestellt – die Frauen bleiben lieber unter sich, halten den Betrieb aufrecht, tüfteln an ihrer Bibliotheksordnung, einer eigenen frauenspezifischen Systematik. Zu Biografien und Romanen gesellen sich Werke aus Spezialgebieten wie feministische Theologie, weibliche Spiritualität, sexueller Missbrauch, Frauen in fremden Ländern oder Hexen. Neben einem wachsenden Buchbestand freuen sich die Frauen in den folgenden Jahren über ein gleichbleibendes Interesse an ihrer Bücherei. Monatlich bedienen sich zwischen 30 bis 40 Frauen an der Sammlung, leihen im Schnitt 50 bis 70 Bücher.
2005 ebbt das Interesse an der Bibliothek ab, immer weniger Frauen finden ihren Weg zu der Sammlung Avalons. Warum, das wissen die Frauen nicht. Aber sie haben eine Vermutung. „Die Idee hat sich überlebt“, sagt Maria Luise Bertram. Die Frauenbewegung werde nicht mehr in dem Ausmaß gelebt, wie es noch vor Jahren der Fall war, sind sich Ingrid Klassen, Ursula von Aprath, Christa Schiff, Maria Scherer und Maria Luise Bertram einig. Sie zählen zum harten Kern, sie haben ihrer Idee das Leben eingehaucht und sie waren es auch, die nun einen Schlussstrich zogen. Der Verein wurde 2011 aufgelöst. Was nicht aufgelöst werden soll, ist die noch fast vollständige Sammlung an Büchern, Zeitschriften und Zeitungsausschnitten.
Maria Scherer wird die Bibliothek in denselben Räumen für das Frauenzentrum weiterführen. „Es gibt in Augsburg keinen anderen Ort, an dem es Bücher in dieser Anzahl und mit diesem Schwerpunkt gibt“, sagt sie. Dort wird die Bibliothek noch durch die Lesbenbibliothek erweitert. Die ehemaligen Avalon-Mitglieder wollen ihren Büchern weiter einen Besuch abstatten.
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