Zwei Wochen sind seit dem Mord an dem Augsburger Polizisten Mathias Vieth (41) vergangen. Obwohl die Ermittler der 50-köpfigen Soko „Spickel“ keine heiße Spur haben, bleibt Augsburgs Polizeipräsident Gerhard Schlögl zuversichtlich. „Der Fall kann gelöst werden, die Beamten der Soko sind hoch motiviert“, sagte Schlögl unserer Zeitung. Die Täter und der Hintergrund des Verbrechens seien zwar nach wie vor unbekannt, doch es gebe viele Spuren.
Inzwischen sind es über 500 Hinweise, die von den Ermittlern überprüft werden. Nach der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ am Mittwochabend gingen noch einmal rund 45 neue Hinweise ein. Ein Anrufer berichtete von einem Drogengeschäft und nannte auch den Vornamen eines möglichen Beteiligten. Die Kripo geht der Spur nun nach – allerdings erwarten sich die Ermittler nach Informationen unserer Zeitung nicht allzu viel davon.
Es gab zwar von Anfang an Spekulationen, dass Mathias Vieth und seine 30-jährige Kollegin ein Drogengeschäft gestört haben könnten. Es ist aber nur eine Möglichkeit von vielen – und nach Einschätzung der Soko wohl nicht sehr wahrscheinlich. Polizeipräsident Schlögl geht davon aus, dass die beiden Täter einen „großen Coup“ geplant hatten. Vermutlich hätten die Beamten durch ihr Einschreiten ein anderes Verbrechen verhindert.
Der Mord am Augsburger Polizisten Mathias Vieth
Der Augsburger Polizeibeamte Mathias Vieth wird am frühen Morgen des 28. Oktober 2011 im Augsburger Siebentischwald von unbekannten Tätern erschossen.
Der Streifenbeamte und seine Kollegin wollen an diesem Freitagmorgen gegen drei Uhr auf einem Parkplatz am Augsburger Kuhsee ein Motorrad mit zwei Männern kontrollieren.
Die beiden Verdächtigen flüchten sofort in den nahen Siebentischwald, die Beamten nehmen mit ihrem Streifenwagen die Verfolgung auf.
Im Wald stürzen die Motorradfahrer. Dann kommt es zu einem Schusswechsel zwischen Beamten und Tätern. Der 41-jährige Polizeibeamte wird trotz Schutzweste tödlich am Hals getroffen, seine Kollegin durch einen Schuss an der Hüfte verletzt.
Die Täter flüchten. Eine anschließende Großfahndung, an der sich mehrere hundert Polizeibeamte beteiligen, bleibt ohne Erfolg.
Die Augsburger Polizei richtet noch am gleichen Tag eine Sonderkommission ein. Der Soko "Spickel", benannt nach dem Augsburger Stadtteil, in dem die Tat geschah, gehören zunächst 40 Beamte an.
Zwei Tage nach dem Polizistenmord geben die Ermittler bekannt, dass das Motorrad der beiden Täter in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2011 im Stadtgebiet von Ingolstadt gestohlen worden war. Dabei wurde die rund 15 Jahre alte Honda kurzgeschlossen.
Drei Tage nach dem tödlichen Schusswechsel rückt die Polizei erneut mit einem Großaufgebot im Augsburger Spickel an. Taucher von Polizei und Feuerwehr suchen in den Kanustrecken des Eiskanals nach Gegenständen.
Am 3. November wird Mathias Vieth bestattet. Am gleichen Tag stockt die Polizei die Soko "Spickel" auf 50 Beamte auf. Zugleich wird die Belohnung, die zur Aufklärung des Polizistenmordes ausgesetzt ist, auf 10.000 Euro erhöht.
Ein Abgleich von DNA-Spuren, die am Tatort gesichert werden konnten, mit der bundesweiten DNA-Datenbank ergibt laut Polizei keinen Treffer.
Am 7. November findet im Augsburger Dom die offizielle Trauerfeier für Mathias Vieth statt. Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann nimmt an ihr teilt.
Zehn Tage nach dem Augsburger Polizistenmord greift die Sendung "Aktenzeichen XY" den Fall auf. Zwar gehen daraufhin mehrere Hinweise ein, eine heiße Spur ist aber nicht darunter.
Dezember 2011: Die Belohnung für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, wird auf insgesamt 100.000 Euro erhöht.
Am 29. Dezember 2011 nimmt die Polizei in Augsburg und Friedberg zwei Verdächtige fest. Es handelt sich um die Brüder Rudi R. (56) und Raimund M. (58). Schnell wird bekannt: Der Jüngere hat bereits 1975 einen Augsburger Polizisten erschossen.
Nach der Festnahme entdecken die Fahnder etliche Waffen und auch Sprengstoff. Belastet wird einer der Verdächtigen durch DNA-Spuren, die am Tatort gefunden wurden.
Auf die Spur der beiden Männer kamen die Ermittler über ein Fahrzeug. Der Wagen war in Tatortnähe beobachtet worden. Im Zuge der Ermittlungen stellte sich heraus, dass die beiden Brüder des Öfteren mit diesem Wagen unterwegs waren.
Mitte Januar ergeht auch Haftbefehl gegen die Tochter von Raimund M.. Bei ihr wurden Anfang Januar drei Schnellfeuergewehre und acht Handgranaten gefunden, die ihr Vater und dessen Bruder Rudi R. versteckt haben sollen.
Im Juli 2012 wird die Tochter von Raimund M. verurteilt. Das Gericht spricht sie wegen Verstößen gegen das Waffen- und Kriegswaffengesetz, wegen Geldwäsche, Hehlerei und Diebstahl schuldig.
August 2012 Die Augsburger Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen die Brüder Raimund M., 60, und Rudi R., 58, wegen Mordes am Polizisten Mathias Vieth. Außerdem listet die Anklage fünf Raubüberfälle auf.
Es zeichnet sich ein Mammutprozess ab. Das Landgericht Augsburg setzt mehr als 49 Verhandlungstage an.
21. Februar 2013: Der Mordprozess gegen die Brüder beginnt unter großen Sicherheitsvorkehrungen - und mit einem Eklat. Rudi R. beschimpft den Staatsanwalt als "Drecksack".
August 2013: Das Gericht hat den Mordkomplex abgearbeitet und beginnt mit der Beweisaufnahme zu den Raubüberfällen. Viele Beobachter rechnen mit einem Mordurteil.
September 2013: Ein Gutachter stellt fest, dass sich M.s Gesundheitszustand nach 15-monatiger Isolationshaft so verschlechtert hat, dass er verhandlungsunfähig ist.
November 2013: Das Gericht setzt den Prozess gegen M. aus. Er bleibt vorerst in Haft. Gegen seinen Bruder Rudi R. wird normal weiterverhandelt.
Februar 2014: Rudi R. wird zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht sieht bei ihm eine besondere Schwere der Schuld und ordnet die anschließende Sicherungsverwahrung an.
September 2014: Der neue Prozess gegen Raimund M. beginnt.
Februar 2015: Der Bundesgerichtshof bestätigt das Augsburger Urteil gegen Rudolf R.
Mathias Vieth und seine Kollegin hatten am 28. Oktober nachts um kurz vor 3 Uhr zwei Männer auf einem Parkplatz am Augsburger Kuhsee kontrollieren wollen. Die Männer flüchteten auf einem Motorrad über eine Fußgängerbrücke über den Lech. Kurz darauf stürzten sie auf einem Waldweg. Sie eröffneten das Feuer, als die Polizisten sich näherten. Nun steht fest, dass die Täter in jener Nacht mindestens drei Waffen dabei hatten, mit mindestens zwei Waffen wurde geschossen. Vieth wurde mehrfach getroffen und starb. Die Kollegin erlitt einen Streifschuss und ist noch immer traumatisiert. Beide Polizisten hätten sich absolut richtig verhalten, sagt Polizeipräsident Schlögl.
Sie hatten gegen die rücksichtslosen Täter allerdings fast keine Chance. Die Männer schossen offensichtlich aus dem Schutz der Dunkelheit. Die Beamten konnten die Täter während des heftigen Schusswechsels, bei dem Mathias Vieth sogar noch einmal das Magazin wechselte, nicht sehen. Die Täter flüchteten nach der Schießerei in den Wald und sind seither verschwunden. Die Polizei geht davon aus, dass die Täter den Wald relativ schnell verließen.
Möglicherweise trennten sich die Männer, mindestens einer von ihnen durchquerte bei seiner Flucht den Lech. Spürhunde führten die Ermittler bis ans Ufer, dort verliert sich die Spur. Von den Tätern gibt es eine vage Beschreibung. Welche Sprache sie sprechen, ist unklar – zu einem Gespräch zwischen ihnen und den Streifenpolizisten kam es nicht.
Fahnder sichten Tausende Mobilfunk-Datensätze
Wichtig für die Kripo ist eine DNA-Spur, die offensichtlich von einem der Täter stammt. Ein Abgleich mit deutschen und internationalen Datenbanken, in denen das Erbgut von Millionen Straftätern erfasst ist, brachte bis jetzt jedoch keinen Treffer. Die Ermittler sind derzeit auch damit beschäftigt, Mobilfunkdaten zu überprüfen. Es geht darum, ob Verdächtige im Tatzeitraum in den Funkzellen nahe des Tatortes telefoniert haben. Tausende Datensätze müssen dafür ausgewertete werden.
Der Polizeipräsident warnt deshalb auch vor zu großen Erwartungen. Die Ermittlungen seien mühsam und könnten lange dauern, sagt Schlögl.