Dienstag, 17. Oktober 2017

24. August 2012 12:05 Uhr

Rhetorik

Die Worte der anderen

Sandra Strüwing ist professionelle Redenschreiberin. Wenn Vorstandsvorsitzende Bilanzen präsentieren oder Unternehmer neue Firmenräume einweihen, dann stammen deren Worte oft aus ihrer Feder

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Mehr als 100 Reden hat Sandra Strüwing schon verfasst: für Vorstandsvorsitzende, für Unternehmer oder Grabredner. Die 42-jährige Augsburgerin ist Expertin für das geschliffene Wort. Die Kunden ihrer PR-Agentur beauftragen sie daher nicht nur mit Kampagnen und Prospekten. Sie lassen sich von Strüwing auch gerne die richtigen Worte für besondere Anlässe in den Mund legen.

Ärgert es Sie, wenn andere Lob für eine Rede einheimsen, obwohl es Ihre Worte sind?

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Strüwing: Naja, im Idealfall sind es ja nicht meine Worte, sondern die Worte des Sprechers. Ich bekomme den Auftrag für eine Rede, man geht alles gemeinsam durch. Ich leiste die kreative Arbeit. Für mich ist Schluss, wenn die Rechnung vom Auftraggeber freigegeben worden ist. Dann gehören die Worte dem Sprecher.

Nicht neugierig, was der andere aus Ihren Worten macht?

Strüwing: Klar, ich habe beim Schreiben natürlich im Kopf, wie ich die Rede halten würde, wo man Pausen macht oder Pointen setzt. Ich höre mir daher schon nach Möglichkeit an, was der Auftraggeber aus der Rede macht.

Sind Reden nicht eigentlich überflüssig?

Strüwing: Ich glaube, wenn eine Rede gut gemacht ist und spannend vorgetragen wird, dann ist sie nicht überflüssig.

Aber bei den meisten Veranstaltungen sind die Leute eher froh, wenn der öffentliche Teil mit den Reden vorbei ist.

Strüwing: Reden machen Sinn, wenn sie ihren eigentlichen Sinn erfüllen. Indem jemand redet, formt er seine Gedanken, er formuliert eine Meinung und stößt eine Debatte an. Das hat schon was. Finde ich.

Was muss eine Rede haben, damit sie diesen Zweck erfüllt?

Strüwing: Sie darf kein Vortrag sein. Die Amerikaner können das oft viel besser als wir. Sie erzählen Geschichten. Wir Deutsche wollen in unseren Reden oft allzu schlau daherkommen.

Also sollte ich mir als Redner das schlaue Einstiegszitat lieber sparen...

Strüwing: Nein. Ein Zitat muss nicht falsch sein. Aber es muss zielführend sein und in den Kontext passen.

Und was ist mit ellenlangen Begrüßungsformeln?

Strüwing: Die versuche ich jedem Sprecher auszureden. Wenn jeder einzelne Ehrengast genannt wird, da schaltet das Publikum ab.

Gibt es noch andere Dinge, die eine gute Rede kaputtmachen?

Strüwing: Eine Rede sollte nicht länger als 20 Minuten sein, lieber kürzer. Und auf Feinheiten sollte man achten. Wenn zum Beispiel ein Vorstandsvorsitzender jeden Satz beginnt mit „Lassen Sie mich erklären...“, dann wirkt das unterwürfig. Dabei will er sich doch als Macher präsentieren.

Sind Sie selbst eine gute Rednerin?

Strüwing: Nein, ich glaube nicht. Ich hab zwar selbst schon Reden gehalten. Aber ich bleibe eigentlich lieber im Hintergrund.

Aber Sie wissen doch, dass Sie zumindest einen guten Text haben.

Strüwing: Aber es reicht nicht, nur gute Worte zu haben. Beim Reden gehört viel mehr dazu: das Auftreten, die Gestik, die Mimik.

Wo haben Sie das Redenschreiben gelernt?

Strüwing: Durchs Machen. Ich bin durch meine Arbeit in der PR dazugekommen. Dann habe ich angefangen, Rhetorikbücher zu wälzen, um das Handwerkszeug und den Aufbau zu lernen. Und eine gewisse Allgemeinbildung schadet auch nicht.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie für jemanden eine Rede schreiben müssen?

Strüwing: Man bekommt einen Auftrag und klärt dann erst einmal das Umfeld ab: In welchem Rahmen soll die Rede gehalten werden, als Tischrede in kleiner Runde oder bei einer großen Messe? Wer ist das Zielpublikum? Und was sind die Hauptbotschaften? Gibt es Vorredner? All solche Faktoren. Dann beginnt die Recherche zum Thema.

Welche Rolle spielt die Persönlichkeit des Redners bei Ihrer Arbeit?

Strüwing: Eine große. Gut ist, wenn man die Person, die die Rede halten wird, kennt. Ich versuche, die Personen zu treffen und sie auch vor Publikum sprechen zu hören, damit ich ihren Duktus und ihre Lieblingswörter kennenlerne.

Wie lange dauert es, bis Sie eine Rede fertig haben?

Strüwing: Ein professioneller Redenschreiber kalkuliert für jede Minute Rede eine Stunde Arbeitszeit. Wenn jemand 20 Minuten spricht, dann stecken da 20 Arbeitsstunden drin.

Ist es schwieriger, eine geschäftliche Rede zu schreiben oder eine persönliche?

Strüwing: Ich habe einmal eine Grabrede geschrieben, da kannte ich weder den Redner noch die Person, die gestorben ist. Das war schwierig.

Und wie sind Sie da vorgegangen?

Strüwing: Ich habe viel recherchiert, mit Menschen gesprochen, Meinungen eingeholt. Da ergibt sich dann schon ein Bild von der Person.

Warum lassen sich Leute solche Reden schreiben?

Strüwing: Das ist für viele eine Frage der Zeit. Von Unternehmern oder Politikern erwartet man, dass sie zu jedem Anlass etwas Kreatives sagen. Diese Arbeit übernehmen wir. Wir recherchieren die Geschichte zum jeweiligen Anlass.

Ist das nicht unseriös, wenn ein Redner die Worte, die Sie verfasst haben, als seine eigenen Gedanken ausgibt?

Strüwing: Nein, im Idealfall hat der Redner seine Gedanken ja mit eingebracht. Das ist nicht zu vergleichen mit einem Ghostwriter bei wissenschaftlichen Arbeiten.

Nicht jeder kann sich einen Redenschreiber leisten. Ihr Tipp für den Vereinsvorsitzenden oder den Trauzeugen, der eine Rede halten muss?

Strüwing: Der Redner sollte sich immer vorstellen, wer vor ihm sitzt. Wenn der Vorsitzende im Sportverein hochoffizielle Worte findet, obwohl vor ihm seine Kumpels vom Stammtisch sitzen, dann passt das nicht. Er sollte authentisch bleiben. Und am besten eine persönliche Geschichte erzählen. Das bleibt im Gedächtnis. Interview: Monika Schmich

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