Montag, 19. Februar 2018

02. Februar 2013 14:59 Uhr

Porträt

Dieser Mann kommt ohne Geld aus

Raphael Fellmer lebt seit drei Jahren ohne Geld. Er profitiert vom Überfluss der anderen, sagt der 29-Jährige.

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Zum Vortrag über verantwortungsvollen Konsum in der Augsburger Fachoberschule ist Raphael Fellmer von Berlin getrampt. Zwei Autos, sechs Stunden. Übernachtet hat er bei einer Fremden, die beim Couch-Surfing mitmacht, einem Gastfreundschaftsnetzwerk. Für den Vortrag verlangte er kein Geld. Als unsere Fotografin ihm die mitgebrachten Lebensmittel anbot, nahm er die Äpfel. Für die Rückfahrt.
Foto: Annette Zoepf

Früher holte Raphael Fellmer sein Essen aus Mülltonnen. „Lebensmittel retten“ nennt er das. Inzwischen bekommt er Lebensmittel von einer Biosupermarktkette geschenkt. Er hat ein Netzwerk aufgebaut, um sie auch weiterzugeben. Wenn er ins Kino will, erklärt er dem Chef, dass er seit drei Jahren im „Geldstreik“ ist, und fragt, ob es einen kostenlosen Platz gibt. Meistens bekommt er ihn. „Da ist eh so viel frei.“ Seine Lebensgefährtin und er nehmen keine Stütze vom Staat, nur Kindergeld für die 16 Monate alte Tochter. Das finanziert die Krankenversicherung der Familie. Sie leben in Berlin in einem Zentrum der evangelischen Kirche. Mietfrei, dafür arbeiten sie im Garten und im Haus mit.

Als Junge wollte er Millionär werden, um anderen helfen zu können. Jetzt, mit 29, macht er das Gegenteil. „Ich will mit meinem exemplarischen Leben im Konsumstreik den Irrsinn des Überflusses zeigen.“ Idealist, Spinner, solche Wörter fallen da schnell. Aber in Zeiten von Wirtschaftskrise, Naturkatastrophen, Umweltzerstörung trifft er einen Nerv. Welt und taz schrieben über ihn, demnächst ist er in Stern-TV. Bei seinem Vortrag an der Fachoberschule Augsburg begleitete ihn gestern ein Team des SWR. Das Interesse nimmt zu, sagt er.

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„Die Wirtschaftskrise hat den Menschen nicht nur das Vertrauen in die Banken genommen, sondern in das kapitalistische System.“ Er ist überzeugt, dass dieses System zusammenbrechen wird, dass es schon jetzt nicht funktioniert. Fellmer ist nicht nur ohne Geld von Deutschland nach Mexiko gereist, er hat Europawissenschaften studiert, dazu gehört auch Volkswirtschaft. Er ernährt sich vegan und kann erklären, dass eine Milliarde Menschen hungern, obwohl wir 14 Milliarden ernähren könnten, erzählt, dass in einem Kilo Kaffee 22000 Liter Wasser stecken und in einem neuen Auto die Energie, die ein Vierpersonenhaushalt in 15 Jahren verbraucht.

„Es geht nicht nur darum, weniger Wasser und Energie direkt zu verbrauchen, sondern es geht auch um den Konsum“, sagt er. Der beste Weg, den zu verringern, sei Teilen: Car-Sharing, Book-Sharing, Couch-Surfing, Werkzeug-Sharing: Ansätze gibt es immer mehr. Unlängst wurde eine Internetplattform für Food-Sharing ins Leben gerufen. Da kann jeder reinschreiben, wenn er Konserven übrig hat oder Kartoffeln. In Köln oder Berlin läuft das schon, in Augsburg noch nicht.

Sein großer Wunsch ist eine Gesellschaft, die ohne Geld funktioniert, auf freiwilligem Geben und Nehmen basiert. Schon Tausch ist ihm zu viel. „Wenn man Menschen begegnet, ohne dass eine Erwartungshaltung zwischen einem steht, lebt man viel freier.“

Vor den 150 16- bis 19-Jährigen an der FOS, die im Rahmen des Ethikunterrichts gespannt zuhören und kluge Fragen stellen, wirkt er lässig wie ein Schüler, trotzdem ist er präsent und bringt ihnen Fakten bei wie ein Lehrer. Er ist ein netter Kerl mit Charme und Witz, bestimmt hat ihn deswegen noch keiner böse angeredet, wenn er nach kostenlosem Essen gefragt hat.

Manche wirken skeptisch, wenn er erklärt, wie Kinos funktionieren, obwohl keiner zahlt: dass Leute kostenlos aus Begeisterung Filme zeigen, die andere kostenlos gedreht haben. Aber obwohl er selber ein Öko-Dorf mit Geldverbot und geschlossenem Wirtschaftskreislauf aufbauen will, verlangt er anderen nicht so viel ab. Paradigmenwechsel brauchen Zeit und Überwindung, das sei bei ihm auch so gewesen. Den gut gestylten FOS-Schülern empfiehlt er für den Anfang einen Umsonst-Laden für Klamotten.

Raphael Fellmers Auftritt in Augsburg ist Bestandteil eines TV-Porträts über ihn. Der SWR zeigt es am 10. März um 10.30 Uhr. Er selber ist im Internet unter de.forwardtherevolution.net

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Augsburg | Berlin | SWR | Deutschland | Mexiko | Köln

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Ute Krogull

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