Montag, 21. August 2017

23. Dezember 2016 17:15 Uhr

Evakuierung

Ein Besuch in der Notunterkunft Maria Stern

Maria Stern bot während der Entschärfung der Fliegerbombe all denen Unterkunft, die während der Entschärfung nicht wussten, wo sie hin sollen. Ein Besuch.

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So hat sich diesen 1. Weihnachtsfeiertag niemand vorgestellt. Ein Laptop spielt leise Weihnachtsmelodien. Der Baum in dem Raum ist geschmückt. Zu essen gibt es auch: Kartoffelsuppe mit und ohne Würstchen und dazu Tomatensalat. In der Schule Maria Stern hat die Kantinenchefin Elisabeth Adolf, 53, zusammen mit ihrem Mann und helfenden Lehrern der Schule eine bewirtschaftete Notunterkunft geschaffen. Ein Treffpunkt für alle, die nicht wissen, wohin sie wegen der Evakuierung der Innenstadt sollen.

An diesem Weihnachtstag kreuzen sich die Wege von Menschen, die sich sonst nie begegnet wären. An einem Tisch sitzt Ursula Bobsien, 59. Sie wollte gemeinsam mit ihrem Mann und einem ehemaligen Nachbarn den Festtag verbringen. Seit Jahren machen sie das so. Aber weil alle drei ihre Wohnungen im Sperrbezirk haben, sind sie zu dritt auf Herbergssuche gegangen. So einfach war das für sie gar nicht. Morgens waren sie am Bahnhof, aber da den ganzen Tag verbringen? Nein. Im Diakonissenhaus haben sie es versucht, aber da war kein Platz. Also sind sie weiter in das Pfarrhaus St. Anton. Dort hatte die Pfarrgemeinde den Gemeindesaal als Notunterkunft geöffnet. Weil es dort aber kein Mittagessen gab, sind sie von Helfern dort nach Maria Stern gefahren worden.

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Dort sitzen Ursula Bobsien, ihr Mann Manfred und ihr ehemaliger Nachbar Gotthard Hirschmann mit Anna Scholz, 65, an einem Tisch. Scholz wollte den Tag gemütlich in ihrer Wohnung verbringen. Jetzt unterhält sich diese Zufallsgemeinschaft. Ursula Bobsien erzählt, dass sie kurz vor Weihnachten von ihrer Familie in Italien eine Einladung bekommen habe. Ihr Mann wollte aber nicht. Und jetzt können sie auch nicht zu Hause feiern. Bobsien nimmt sich noch einmal die amtliche Mitteilung zur Evakuierung vor: „Evacuazione del centro cittá Domenica 25.12.16“. Der italienische Text, „er ist fehlerfrei“, sagt sie, „nicht so wie auf vielen italienischen Speisekarten.“ Alle lachen.

Für 200 Menschen gekocht

Die Gespräche treiben so vor sich hin, weil sich die Zeit zieht. Viele sind es nicht, die in Maria Stern Unterschlupf gesucht haben. Elisabeth Adolf, die alles organisiert hat, hat für 200 Menschen gekocht. „Viel zu viel“, wie sie jetzt sagt. Es sind vielleicht 20 Menschen, die am Mittag bei ihr sind. Aber die sind dankbar für den Ort.

Wenigstens ein Ort, denkt sich Andro? Gordana. Die junge Kroatin lebt erst seit einem halben Jahr gemeinsam mit ihrem Sohn in Augsburg. Beide lernen gerade Deutsch. Ihr erstes Weihnachten in der Fremde hat sie sich anders vorgestellt. „Wir sind traurig“, sagt sie. Sie will so schnell wie möglich wieder in ihre Wohnung.

Draußen kommt die Sonne raus. Drinnen wollen die Menschen wissen, wie der Stand der Dinge ist. Ohne Smartphone ist das nicht so leicht. Jemand sagt, er habe gehört, dass es erst um 14 Uhr losgehe. „Stimmt das?“

Am nächsten Tisch sitzen drei Frauen, die sich auch erst an diesem Tag kennengelernt haben. Brigitte Streich hat sich chic gemacht. Schließlich ist Weihnachten. Sie war nachmittags mit einem älteren Künstler verabredet, den sie seit längerem betreut. Das ging nicht. „Warum muss das ausgerechnet an Weihnachten passieren?“, fragt sie. Gerade erzählt ihr Anne Schmucker, die nicht weit vom Bombenfund entfernt wohnt, dass ihre Mutter immer von den verheerenden Luftminen gesprochen habe. „Erst haben sie die Dächer weggefegt, dann kamen die Brandbomben und alles hat lichterloh gebrannt.“ Daran habe sie denken müssen, als sie von der Bombe gehört habe. Monika Singer, die dritte am Tisch, sagt, dass sich in der Geschichte alles wiederhole. Dass das wiederkomme. Man müsse nur nach Berlin und den Weihnachtsmarkt dort schauen. Streich widerspricht ihr: „Mich haben die Kriegsjahre nie interessiert. Ich bin danach geboren. Ich lebe in der Gegenwart.“

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An diesem Weihnachtsfeiertag holt der Zweite Weltkrieg aber die komplette Augsburger Innenstadt wieder ein. Noch immer gibt es keine Neuigkeiten. Die Sprengmeister haben immer noch nicht mit der Entschärfung angefangen. Geduld ist gefragt. Bestens gelaunt unterhalten sich Ingeborg und Günter Weiß. Beide machen Urlaub in Augsburg über die Weihnachtstage. Im Dorint Hotel haben sie ihr Zimmer. In der Innenstadt wollten sie essen gehen. Jetzt haben sie keinen Platz mehr im Dorint bekommen, weil dort Gäste aus den Innenstadthotels untergebracht sind. Sie nehmen es mit Gelassenheit. In Maria Stern haben sie zu essen bekommen. „Wir hoffen, dass es heute Abend vorbei ist“, sagen sie.

Auch wenn es nicht zu dem großen Andrang kam, auf den sich Elisabeth Adolf und ihre Helfer vorbereitet haben, sind die Macher zufrieden. Sie wollten an Weihnachten ein Zeichen des Miteinanders setzen und helfen. Die Lehrerin Monica Störcher sagt: „Es ist doch toll, dass durch einen so schlimmen Anlass etwas so Wunderbares passiert.“ Sie deutet in die Runde, diese Gemeinschaft der Zusammengewürfelten, die an den Tischen sitzen und gemeinsam darauf warten, wieder zurück in die Wohnungen zu können.

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