Kevin, dieser Name lässt jeden Sozialarbeiter und Jugendamtsleiter zusammenzucken. Kevin hieß der Zweijährige, dessen Leiche vor gut einem Jahr im Kühlschrank seines drogenabhängigen Stiefvaters in Bremen gefunden wurde. Das Kind war schwer misshandelt worden, bevor es starb und der Fall dem Jugendamt schon lange bekannt.
In Augsburg gab es noch keinen Fall Kevin. Das könnte auch daran liegen, dass neben einem engagierten Jugendamt auch delta, eine ambulante Kinder- und Jugendhilfe mit sieben Mitarbeitern, Tag für Tag bei Problemfamilien nach dem Rechten sieht. Sozusagen als Mischung aus Fürsorge und Aufsicht. Deren pädagogische Leiterin ist seit Kurzem Hannah Bürger. Sie sagt: "Ein Fall wie Kevin kann immer und überall passieren."
delta ist nicht die einzige Einrichtung, die sich um süchtige Eltern und deren Kinder kümmert, über zu wenig Arbeit können die Mitarbeiter allerdings nicht klagen.
Seit 2001 kümmern sie sich um Familien, in denen Eltern meist substituiert sind, das heißt, mit dem Ersatzmittel Methadon behandelt werden. 50 bis 60 Mütter beziehungsweise Paare werden im Auftrag des Jugendamtes betreut. "Die meisten gehen sich große Mühe", verteidigt Bürger ihre schwierige Klientel. Bis zu sechs Jahren bleibt eine Familie im Fokus der Helfer, dann, so Bürger, greife die Kontrolle durch Schule oder Hort. Oder die Eltern sind so weit stabilisiert, dass man sie sogar in "die Freiheit" entlassen kann.
Wie bei Amalie. Die Siebenjährige geht inzwischen in die Schule, auch ihre Mutter ist in der Lage, ihren Alltag zu bewältigen. Diese war froh über die Hilfe von delta und akzeptierte auch die Kontrollen.
Andere Familien wehren sich mit allen Mitteln gegen tägliche Besuche und häufige Urinkontrollen. Letztere werden verlangt, wenn die Sozialarbeiter das Gefühl haben, dass neben dem verordneten Methadon andere Drogen wie Heroin, aber auch Alkohol in größeren Mengen konsumiert werden.
Dann kann es passieren, dass ein Kind sehr schnell der Mutter oder dem Paar weggenommen werden muss. In sechs Jahren war das zehnmal der Fall. An ihre letzte "Herausnahme" erinnert sich Hannah Bürger noch sehr gut. "Das Mädchen war drei Jahre alt und zeigte deutliche Zeichen der Verwahrlosung". Die Kleine hatte einen wunden, blutenden Po und war in einem abgedunkelten Zimmer eingesperrt. Die Mutter trank Schnaps wie andere Mineralwasser. Als ihre Tochter weg war, stürzte sie völlig ab. Für die delta-Chefin keine Überraschung. Bei Abhängigen seien Kinder oft der einzige Sinn ihres Lebens; wenn ihnen der genommen wird, ist ihnen alles egal.
Hannah Bürger weiß aus langjähriger Erfahrung, dass auch die Abhängigen fast immer im Kindesalter auch Opfer waren. "Männer haben meist eine traumatische Gewalterfahrung als kleine Buben erlebt, Frauen sind als Mädchen sehr häufig sexuell missbraucht worden." Trotzdem, so Bürger, müsse man mit allen Mitten die Spirale, die immer neue Opfer hervorbringt, durchtrennen und das Interesse der Kinder höher stellen als das von Vater und Mutter, auch wenn es dazu führt, dass diese Kinder dann in Pflegefamilien groß werden.
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