Donnerstag, 23. März 2017

05. Februar 2017 18:00 Uhr

Theater Augsburg

Ein Faust-Schmaus

Das Theater inszeniert Goethe. Zwar nur auf der kleinen Bühne, dafür aber mit Schmackes. Hingehen. Staunen

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„Besonders aber laß genug geschehn! Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.“

So empfiehlt es der Theaterdirektor im Vorspiel zum „Faust“, und so hält es der Regisseur Christian Weise nun auch mit Goethes Hauptdrama am Theater Augsburg. Seiner Fantasie verordnet er kaum Grenzen. Zwischen Voyeurismus und Exhibitionismus seziert, tranchiert, filetiert er der Tragödie ersten Teil so entschlossen, so mutwillig, dass es eine Schau ist, besser: eine Show. Schnell, bissig, virtuos.

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Und so ereignet sich ein Sturm auf die Bildungsbürger-Bastille „Faust“, speziell in der berühmten historischen Filmfassung mit Gustaf Gründgens als kalkgesichtigem Mephisto (1960, nach dessen Hamburger Inszenierung von 1957) – quasi Inbegriff hehrer deutscher Nachkriegskunst, ein wenig kontaminiert allerdings durch Schauspieler mit einem mehr oder weniger intensiven NS-Vorleben.

Sogar Salzburg wird modern

Man muss ein wenig ausholen, um das Prinzip dieses kompakten 1¾-stündigen Abends zu erläutern. „Reenactment“ nennt sich eine aus den USA kommende performative Kunstform, die ein historisches Ereignis – etwa eine Schlacht – nachstellt. Und Bühnentruppen wie die Wooster Group New York oder Rimini Protokoll Berlin haben sich dieser Idee bemächtigt, um legendäre Theateraufführungen – freilich aktuell gebrochen – zu reanimieren. Sogar Salzburg kommt heuer auf diesen Trichter: Bei den Osterfestspielen wird die 50 Jahre alte Wagner-„Walküre“ von Karajan und Schneider-Siemssen retrospektiv wiederbelebt.

Gründgens ist mit auf der Bühne

Das Augsburger „Faust“-Reenactment nun fährt auf der Brechtbühne doppelgleisig: Eingeblendet im Hintergrund wird immer wieder, auch über längere Passagen, der „Faust“-Film von Gründgens, während die Schauspieler auf der Vorderbühne das Leinwand-Geschehen nachspielen und synchron nachsprechen. So vereinfacht geschildert, mag die Grundanlage wie ein sich schnell erschöpfendes Stereotyp erscheinen. Tatsächlich aber sind in dieses doppelte Spiel so viele Ebenen, so viele erkleckliche Distanzen, so viele Wechselspannungen eingezogen, dass die Vielschichtigkeit immer wieder Staunen darüber erregt, was auf dem Theater möglich ist, neu erfunden möglich ist.

Eine rappende Revue

Film-Zoom hinten, gespielter Zoom vorn, das In-die-Kamera-Rücken hinten, das Die-Szene-Betreten vorn, Überblendungen von Film und Theater, Ruckeln und Repetition, Live-Cam, ein gemeinschaftlich vom Publikum rezitierter Osterspaziergang, Einblendungen von Reizwörtern und Pathos-Floskeln („ach“), dazu historische Schauspieler-Interviews (das Unikum Elisabeth Flickenschildt!) sowie Schauspieler-Statements zur deutschen Theaterszene und Animationen der Bühnenbildnerin Julia Oschatz: All das und noch mehr machen diese Produktion zu einem überbordenden „Faust“-Vexierbild – und in Verbindung mit dem vornehmlich schmeichelnden Badewannenorgelsound des Bühnenmusikers Jens Dohle auch zu einer rappenden Revue, zu einem Musical von sowohl dekonstruktivem als auch neukonstruierendem Anspruch.

Mehr als Hokuspokus

Wer bis hierher gelesen, der ahnt: Natürlich wird das Ganze auch von einem unheiligen Unernst getrieben. Von einem Unernst gegenüber Bildungs- und Bedeutungshuberei. Das ist so. Und auf dieser Schiene ließen sich auch Einwände gegenüber der Show ableiten. Der „Faust“ ist halt – lapidar gesagt – mehr als ein Lustspiel, mehr als Hokuspokus. Er verhandelt – simpel formuliert – solche Grundbedingungen des Menschen wie Wissensdurst und Geschlechtstrieb. Sich damit zu beschäftigen, hat aber Christian Weise nicht groß vorgehabt, auch wenn er wohl merkte, dass der finalen Kerkerszene mit Jux, Groteske, Travestie, intelligentem Veralbern eher nicht beizukommen ist. Aber im Falle des „Faust“ darf man ihm – nach seiner Augsburger „Johanna der Schlachthöfe“, nach seinem Augsburger „Platonov“ – gleichwohl zugutehalten: Wenn ein deutsches Kanon-Stück ein unheiliges Korrektiv verträgt, weil es (noch) zur Allgemeinbildung zählt, dann ist es der „Faust“. Insofern: Alles richtig gemacht – und im Hexenkessel ein wundervolles Ragout gezaubert.

Die Fleischstücke darin u.a.: Oscar Olivo als szenenverbindender, politisch tagesaktueller Entertainer, Jessica Higgins als mehr verführerischer denn dialektisch quälender Mephisto, Ute Fiedler als nicht mehr taufrisches Gretchen, Gregor Trakis als Wagner, Alexander Darkow als Faust. Hingehen. Staunen.

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Ein Artikel von
Rüdiger Heinze

Augsburger Allgemeine
Ressort: Kultur und Journal



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