"Noch bevor Isabella am nächsten Morgen erwachte, ging ich zum Kolonialwarenladen ihrer Eltern. ... Der Laden war ein mit Wunderdingen aus aller Welt bestückter kleiner Basar. Marmeladen, Süßigkeiten und Tees, Kaffees, Spezereien und Konserven, Obst und luftgetrocknetes Fleisch, Schokolade und geräucherte Wurstwaren." Von Ute Krogull

Mit diesen Zeilen aus dem Roman "Das Spiel des Engels" warben Andrea Karl und Kurt Sauerlacher für ihren kleinen Laden. Dass die Werbung derart poetisch geriet, hat ihren Grund: Die beiden sind Buchhändler. Bücher sucht man im kleinen Geschäft "Kolonial" am Jakobsplatz Nummer 13 allerdings vergeblich. Bis auf Kochbücher natürlich, die man dort ausleihen darf. Denn irgendwo muss man sich ja Tipps holen, wie man all die wunderbaren Dinge standesgemäß verarbeiten kann: das Öl aus Syrien, die Gewürze aus Marokko, die Schokolade aus Frankreich und den Senf aus Kreuzberg - was ja inzwischen auch irgendwie Orient ist.
Karl und Sauerlacher verkaufen Kolonialwaren, doch sollten Buchhändler nicht Bücher verkaufen? Tun sie, im Brotberuf, bei Weltbild. Das Kolonial entstand aus einer anderen Liebe: der zu Marokko, dem Land der Gewürzbasare. Das rief den Traum von einem Geschäft wach, zumal sie sich aus ihrer Kindheit an den legendären Kolonialwaren Bader erinnern. Dort ist jetzt Bücher Pustet (wo sie als Buchhändler in die Lehre gingen).
Als der kleine Friseur neben ihrer Wohnung nahe der Fuggerei aufgab, griffen Sauerlacher und Karl zu. In monatelanger Arbeit richteten sie den Laden her, stellten die Produkte zusammen. Was es hier gibt, gibt es sonst in Augsburg nirgends - das ist zumindest das Ziel. Die italienische Martelli-Pasta zum Beispiel, mit der Polizist Brunetti in Donna Leons berühmter Krimi-Reihe kocht. "Die findet man selbst in Venedig kaum", sagen die Kolonial-Händler. Oder ein Olivenöl aus Syrien, das den beiden in einem Feinschmecker-Heft aufgefallen war. Wareneinkauf ist dabei manchmal ein Stück Detektivarbeit - da hätten wir wieder Donna Leon - mühsame Recherche, die allerdings Spaß macht. Monatelang wechselten in Sachen Öl E-Mails zwischen Deutschland und Syrien hin und her, bis die zehn Kästen eintrafen. Zoll und Porto waren teurer als das Produkt selber.
Jetzt steht die Flasche für 15,95 Euro da und findet guten Absatz. Ebenso knallrote Thunfischdosen für 3,95. Wer kauft den so etwas Teures, mitten in der Krise?
Leute, glaubt das Ehepaar, die etwas suchen, was wirklich noch besonders ist. Was man selbst in Zeiten globalen Einkaufs per weltweitem Shopping-Netz nicht so leicht bekommt. Und was schön anzuschauen ist. Wie die kleinen Pastillenpäckchen aus Italien oder die pfiffig etikettierten Weine von "Anthonys Garage Winery", die im Rheingau liegt.
Viel verdienen die Inhaber mit dem Kolonial nicht. "Es ist ein teures Hobby", sagt Sauerlacher. Schließlich läuft das Geschäft nur nebenbei, am Freitagnachmittag von 16 bis 19 Uhr und am Samstag von 9 bis 15 Uhr. Dafür lernen die beiden eine Menge Leute kennen. "Wer klingelt schon am Samstagmittag bei einem? Hier kommt jeder halt einfach vorbei." Auch zum Lesen kommen die beiden Literaturliebhaber kaum mehr. Und zum Reisen in ihr Traumland Marokko nur noch selten. Doch dafür haben sie nun eben ein Geschäft wie aus dem Märchenbuch . . .
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