Samstag, 16. Dezember 2017

09. September 2014 00:32 Uhr

Buch-Neuerscheinung

Ein Sklave für die deutsche Rüstung

Der Augsburger Autor Helmut Baumeister beschreibt in großer Eindringlichkeit das Schicksal eines Zwangsarbeiters in Nazi-Deutschland Von Hans Krebs

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Blick in die großräumige Messerschmitt-Montagehalle für die „Me 109“. Genau hier musste David Rommel, der tragische Held von Baumeisters Zwangsarbeiter-Roman, die Funkgeräte in die Flugzeuge einbauen.
Foto: Oliver Lerone Schultz/AKG

Der von Helmut Baumeister gewählte Titel „Von Franco-Spanien bis nach Flossenbürg“ hätte auch länger ausfallen können, nämlich „Von Colorado bis nach Spanien und Flossenbürg“. Er hätte auch kürzer ausfallen können, nämlich „David Rommel“ oder einfach nur „David“. Das wäre ein Romantitel, der nach Art großer Literaturbeispiele die Hauptperson benennt, um die sich die ganze Geschichte dreht.

„Roman über ein Zwangsarbeiter-Schicksal“ lautet der Untertitel. Es ist David Rommel, dessen Schicksal behandelt wird. Als technischer Angestellter des Elektrizitäts-Werkes von Pueblo (Colorado) hat er über den Atlantik hinweg den Notruf der spanischen Republik vernommen, als General Franco am 18. Juli 1936 gegen sie putschte.

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In Madrid lässt er sich wie so viele Idealisten für die Internationalen Brigaden rekrutieren und kommt als Sprengexperte („dinamitero“) zum Einsatz. Dabei erleidet er eine so schwere Hüftverletzung, dass er seine Begleiter, darunter seine Geliebte Adela, anfleht, ihn mit einem Maschinengewehr allein zurückzulassen, um ihren Rückzug zu decken. Er will den Tod mutig herausfordern, ihm nicht feige erliegen wie sein Vater, der sich, finanziell ruiniert, von einem Hochhaus stürzte.

Kommt das alles nicht bekannt vor? War so im Spanischen Bürgerkrieg nicht auch das Ende des Amerikaners Robert Jordan, ebenfalls „dinamitero“, ebenfalls schwer an der Hüfte verletzt, ebenfalls zum Schutz seiner Begleiter, darunter seine Geliebte Maria, allein geblieben mit einem Schnellfeuergewehr und ebenfalls gewillt, dem Selbstmord seines Vaters mit Todesverachtung zu erwidern?

Ja, so geschehen in Ernest Hemingways 1940 erschienenem, aus Erlebnissen als Reporter gespeisten Bürgerkriegsroman „Wem die Stunde schlägt“ und von Baumeister, der über Bürgerkriegsliteratur promoviert hat, wohl als bewusste Analogie herbeigerufen.

Hier ist es David Rommel, dem die Stunde schlägt

Die Stunde in seinem Roman schlägt dem David Rummel allerdings erst, nachdem er Gefangenschaft und Folter in Spanien und, nach Deutschland überstellt, auch die Zwangsarbeit bei den Messerschmitt-Werken in Augsburg-Haunstetten und im KZ Flossenbürg überstanden hat und das Kriegsende 1945 unmittelbar bevorsteht: Bei der Evakuierung der Flossenbürger KZ-Häftlinge wagt er die Flucht aus diesem „Todesmarsch“ und wird von Kugeln der SS-Wachmannschaft getroffen. „Sein Kopf fiel nach vorne und seine Finger, die sich in den Waldboden gekrallt hatten, lösten sich.“ Ende.

Das Ende Jordans beim Herannahen des Feindes liest sich so: „Er fühlte das Pochen seines Herzens an dem Nadelboden des Waldes.“

Während Hemingways Robert Jordan wahrscheinlich ein reales Vorbild besitzt, nämlich den kalifornischen Wissenschaftler und Spanienkämpfer Robert Merriman, dürfte Baumeister seinen David Rommel frei erfunden haben. Doch macht er an ihm Geschichte exemplarisch und anschaulich, zumal die Geschichte der Schreckensherrschaft in Nazi-Deutschland und ihrer mit Zwangsarbeit betriebenen Kriegsmaschinerie.

Baumeisters Gründlichkeit der Recherche, seine Quellensicherheit sind außerordentlich. Besonders für den Augsburger Leser, der in der Kriegsgeschichte seiner Stadt und in der Firmengeschichte von Messerschmitt Bescheid weiß, sind sie offenkundig und nachvollziehbar.

Der Augsburger Teil ist das große Mittelstück seines Buches und für David Rommel, den tragischen Helden, in fataler Weise beklemmend. Wurde er doch in Spanien von der „Legion Condor“ gefangen gehalten, gequält und nach Deutschland expediert, also von der Legion der deutschen Luftwaffe, mit der Hitler dem Faschisten-Führer Franco zu Hilfe kam und deren neuesten Maschinen wie die „Me 109“ Tod und Vernichtung brachten – wie in Guernica.

Jetzt muss der antifaschistische Spanienkämpfer David in einer Messerschmitt-Montagehalle für eben diese „Me 109“ Funkgeräte einbauen. Was wäre geworden, hätte er im Chaos der Bombardierung des Firmen-Geländes und der Stadt Augsburg nicht das Entwarnungssignal überhört, weil er mit der polnischen Zwangsarbeiterin Elsbieta im Siebentischwald Schutz und Liebe fand? Das aber wird als Verbrechen der Arbeitsverweigerung mit der Abschiebung ins KZ bestraft – für Elsbieta nach Ravensbrück, für David nach Flossenbürg.

Hier erwartet ihn, als Häftling Nr. 10299 für den Steinbruch eingeteilt, der Abgrund barbarischer Versklavung, ein beinahe unbeschreibliches, aber vom Autor beängstigend genau beschriebenes System der Entwürdigung und Entmenschlichung – endend in einem der „Todesmärsche“, die vielen Deutschen viel zu spät die KZ-Verbrechen vor Augen führten. So auch dem Dorf, aus dem die Mutter des Autors stammt. Vielleicht ist es dort, wo David Rommel sein Heil in der Flucht sucht. Vergeblich.

Baumeisters Buch ist ein Aufbegehren gegen diese Vergeblichkeit; denn was in dieser dokumentarisch-literarischen Erzählweise als Einzelschicksal beschworen wird, hebt als Hoffnung für die Zukunft das Vergebliche auf.

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