Hildegard Doser feierte am 2. Mai ihren 80. Geburtstag. Man kann sagen, die freundliche Dame, die seit vielen Jahren in der Komödie und seit 1995 auch auf der Freilichtbühne Besuchern den Weg weist, ist absolut fit und gut drauf. Am 3. August wird auch die Freilichtbühne 80. Doch dort knirscht und ächzt es an vielen Ecken und Enden. In diesem Jahr musste das Areal sogar kurzzeitig gesperrt werden, weil die Bühnenkonstruktion völlig marode war. Trotzdem möchten die Augsburger ihre Open-Air-Bühne am Roten Tor nicht missen.



Auch Erwin Hammer nicht, der 1961 am Theater anfing und 2000 als Technischer Direktor in den Ruhestand ging. Noch immer besucht er sämtliche Vorstellungen. Er kennt noch die Zeit, als mindestens fünf verschiedene Stücke auf dem Sommerspielplan standen und zu den "Italienischen Festwochen" mit Sängern der Mailänder Scala das Publikum in Scharen strömte. Er kennt aber auch die lautstarken Klagen der Besucherinnen, die sich an den rauen Holzbänken regelmäßig ihre Stumpfhosen zerrissen. Bis in die achtziger Jahre wurden diese Sitze nach Saisonende abgebaut und in einer stillgelegten Textilfabrik in Siebenbrunn gelagert. Ein Jahr später war das Holz dann noch etwas rauer und die Klagen der Frauen noch zahlreicher.
Sein schlimmstes Erlebnis hatte Hammer in den 80er-Jahren, als ein Sturm die großen Wände des Bühnenbildes in die Höhe hob, in tausend Teile zerlegte und auf den Boden warf. "Gottseidank ist niemand etwas passiert", so der 72-Jährige. Auch Ivan Rebroff kam glimpflich davon, als er bei einer Vorstellung des "Zigeunerbaron" 1971 vom Pferd fiel. "Der Mann war sehr sympathisch, aber ab und zu hat er ein Glas zu viel getrunken", weiß Hammer.
Daran kann sich Paula Jungk nicht erinnern. Aber an wunderschöne Abende mit dem "Weißen Rössl". "Ich gehe jedes Jahr ans Rote Tor", erzählt die 83-Jährige, die seit über 60 Jahren ein Theaterabo besitzt. Das braucht Hildegard Doser nicht. Früher, als sie noch bei Rübsamen und nicht im Theater beschäftigt war, kaufte sie sich die billigen Randplätze am Roten Tor, inzwischen ist sie mittendrin. Gerne denkt sie an "Frau Luna" aus dem Jahr 1999 oder "Jesus Christ Superstar" im Jahr 2006. Das "Weiße Rössl" der letzten Saison hat ihr nicht gefallen, in diesem Jahr haben sowohl die "Comedian Harmonists" als auch "Das Land des Lächelns" ihre Zustimmung.
130 weiße Rosen auf der Bühne als Abschiedsgruß
Befragt nach dem berührendsten Abend am Roten Tor braucht Hildegard Doser nicht überlegen. "Das war der 12. Juli 2006." Damals verabschiedeten sich die Ensemblemitglieder mit 130 weißen Rosen, die sie an den Bühnenrand legten, von ihrem kurz zuvor, völlig unerwartet verstorbenen Kollegen Christian Kowald, der den Herodes in "Jesus Christ Superstar" gespielt hatte. Statt des ansonsten rauschenden Beifalls herrschte absolute Stille. "Ich habe geheult wie ein Schlosshund", erzählt die Platzanweiserin.
Ab und zu treibt auch das Wetter den Verantwortlichen die Tränen in die Augen. Denn auf der Freilichtbühne entscheidet sich, ob die Theatersaison gut geworden ist, zumindest bei den Zahlen. Bisher kamen knapp 11 000 Besucher, ausgefallen ist von den acht Vorstellungen keine, aber ab und zu hat es genieselt, bis zur Pause haben Künstler und Besucher immer tapfer durchgehalten. Dann gilt eine Vorstellung als gespielt.
Trotzdem gehen die Verantwortlichen beim Konzertwochenende auf Nummer sicher. Es gibt für "Carmina Burana" am 17. und 19. Juli, aber auch für das Galakonzert am 18. Juli eine Regenvariante in der Sporthalle. Ebenso für die "Kings of Swing" Greger und Strasser, die am 26. Juli auftreten.
Stellt sich einmal mehr die Frage nach der Überdachung am Roten Tor. Erwin Hammer würde sie begrüßen, dass sie jemals kommt glaubt er nicht. Darüber werde seit Jahrzehnten geredet, getan habe sich bis heute nichts.
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