Dienstag, 12. Dezember 2017

26. April 2011 14:34 Uhr

Porträt

Eine Assistentin aus dem Kosmos

Mit schwarzen und roten Hasen versucht die Augsburger Kunstförderpreisträgerin Natalija Ribovic seit vier Jahren, Japan für einen anderen Umgang mit der Natur zu sensibilisieren. Nach dem Beben ist sie nach Augsburg zurückgekehrt

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Nein, wie lange sie in Augsburg gelebt habe, könne sie nicht beantworten. „Schreiben Sie null Jahre“, sagt Natalija Ribovic. „Ja, null Jahre, schreiben Sie null Jahre. Sie haben sich nicht verhört.“ Wie könne man Zeit schon zählen? Dann lächelt sie. Ein Test für den Zuhörer, eine bewusste Zumutung? Oder ein Spleen, den sie sich als Künstlerin zugelegt hat? Schwer einzuschätzen. Dann rückt sie doch mit einer Zahl heraus, sie sei 34 Jahre alt – „für die Statistik der Erde“, fügt sie hinzu. Für sie, „die kosmische Assistentin zwischen den Welten“, wie sie sagt, spielen Zahlen hingegen keine Rolle. Nein, auch hier hat man sich gerade nicht verhört. „Das klingt lustig“, sagt sie, weil ihr Gegenüber gelächelt hat, „aber das ist die volle Realität.“

Sicher ist auf jeden Fall, dass Natalija Ribovic 1976 im serbischen Novi Sad geboren ist. Sicher ist auch, dass sie im Jahr 2007 von Augsburg den Kunstförderpreis für Bildende Kunst verliehen bekam. Ihr Kunststudium hingegen habe sie nicht erst mit 20 Jahren begonnen, wendet sie ein. Hier verabschiedet sie sich wieder von den Zahlen. Ihr Kunststudium fing bereits im Kindergarten an, ihrer ersten Begegnung mit der Welt. „Von diesem Punkt an habe ich mich gefragt, wo ich gelandet bin.“ Seitdem komme sie sich vor, als ob sie auf dem fliegenden Teppich sitze und zwischen den Welten reise, von der Meisterschule für Mode- und Kommunikationsdesign in München zum Aufbaustudium nach Mailand. Von dort weiter nach Wien und viel weiter nach Japan, wo sie ein Jahr lang studierte und einen weiteren kosmischen Assistenten kennenlernte: Toru Fujita. So hört es sich an, wenn Natalija Ribovic aus ihrem Leben erzählt.

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Raus aus dem Krisengebiet, zurück zur Familie

Rein zahlenmäßig gesichert ist auch, dass sie seit mehr als vier Wochen wieder in Augsburg lebt. Am 14. März ist sie aus Japan zurückgekehrt. In Tokio haben sie und ihr Lebensgefährte Fujita erfahren, wie es sich anfühlt, wenn die Erde nicht mehr aufhört zu beben. Beide haben sich Flugtickets nach Deutschland gekauft; drei Tage nach dem Beben entschied sich Fujita aber, in Tokio zu bleiben, und sie stieg in den Flieger. Raus aus dem Krisengebiet, zurück zur Familie. Ja, sie habe Angst vor der Radioaktivität gehabt, sagt sie. Nein, zwischen Toru und ihr gebe es deshalb keinen Streit. Nein, es sei auch nicht eine Sache unterschiedlicher Mentalitäten. „An sehr entscheidenden Punkten im Leben denkt man erst an die Familie.“ Er hat das verstanden, und sie hat das verstanden. Fujita wolle nachkommen, sobald sich die Situation stabilisiert habe. Sie beide müssten nun von unterschiedlichen Orten aus ihre gemeinsame Botschaft verbreiten.

Dass es ihr ernst ist mit dem Sendungsbewusstsein, hat sie gerade unter Beweis gestellt. Der Augsburger Allgemeinen hat sie per Brief geschrieben, ob die Zeitung bereit sei, die Geschichte der „Black Usagis“, der schwarzen Hasen, zu erzählen. An der Pforte des Verlagsgebäudes hakte sie nach, ob es nicht möglich sei, diese Geschichte, in der es um die gute und die schlechte Energie gehe, erzählen zu können. Nun sitzt sie in einem Café mitten in Augsburg dem Redakteur gegenüber und beantwortet erst einmal dessen Fragen. Geduldig, immer mit einem Lächeln im Gesicht, hinter dem ihr Ernst durchscheint. Sie trägt eine dunkle Hose, einen dunklen Pullover und um den Hals am roten Samtband eine Muschel. Und natürlich hat auch die eine Bedeutung. „Ich benutze sie wie ein Schutzelement.“

Ribovic erzählt, dass ihr Lebensgefährte Fujita noch aus einem anderen Grund in Japan geblieben ist. Er sagte ihr, Japan habe nach der Katastrophe die Chance, einen Wandel zu erleben, die Chance, eine bessere Struktur zu schaffen, die Chance, 55 Kernkraftwerken im Land „goodbye“ zu sagen. Und diese Hoffnung teile er mit vielen anderen jungen Menschen. Und sie sagt weiter, ihr Anliegen betreffe nicht nur Japan, das betreffe uns alle. „Wir müssen mit unseren kosmischen Herzen Kraft an die Erde schicken.“ Langsam ist man auf Ribovic-Sätze wie diesen gefasst.

Und dann endlich ist das Gespräch an den Punkt gekommen, an dem sie ihr Herzensanliegen anbringen kann. Sie will sich und ihren Künstlerfreund Fujita ja nicht als Erdbebenopfer ins Gespräch bringen; nein, sie will für ihre Botschaft einstehen, mit der sie und Fujita seit vier Jahren von Stadt zu Stadt, von Kontinent zu Kontinent ziehen. Diese Botschaft besteht aus einer Geschichte, der Geschichte vom schwarzen Hasen, vom „Black Usagi“ (Usagi bedeutet auf Japanisch Hase).

Seit vier Jahren geht ihnen um eine Energiewende in Japan

Diese Geschichte, die Fujita und Ribovic in 25 Szenen erzählen, ist sowohl für Kinder als auch für Erwachsene geschrieben und gezeichnet worden. Im Stil erinnert sie an Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“. Es gibt drei Hauptfiguren: die Großmutter (als Repräsentantin für die Natur), den schwarzen Hasen (Sinnbild für die Technik) und Giovanna (Symbol für den Geist). Der schwarze Hase möchte Land von der Großmutter kaufen, was aber für das Land nicht gut wäre, weil seine Technik die Natur zerstört. Die Großmutter flieht vor ihm, er folgt ihr, lernt Giovanna kennen und kommt durch sie langsam zur Einsicht, dass Raubbau an der Natur das Falsche ist. Am Ende teilt sich der schwarze Hase in sieben Hasen, wobei jeder Hase für einen anderen Energietyp steht: Windenergie, Solarenergie, Wasserkraft, etc. Im Grunde haben sie eine Geschichte geschrieben, in der es um eine Energiewende geht. „Mit dieser wollen wir ein Gleichgewicht zwischen Natur, Technologie und den Geist für das 21. Jahrhundert schaffen.“

In Japan haben Ribovic und Fujita diese Geschichte in Workshops bereits mehr als 30000 Kindern erzählt. „Und die Kinder erzählen es dann den Eltern und die Eltern den Großeltern“, sagt sie. Die beiden Künstler haben mit ihren Hasenskulpturen die Welt bereist, sie waren mit dem schwarzen Hasen in Island auf dem Hekla-Vulkan und mit dem roten Hasen in der Sahara. Für die Outdoor-Firma „North Face“ haben sie eine Kleiderkollektion mit ihrem Slogan „Everyone is an earthist“ entworfen. Sie nutzen für ihre Geschichte, ihre Botschaft, ihr Manifest alle Kanäle. Nun, nach dem Erdbeben und der Atomkatastrophe von Fukushima, spürt Ribovic, dass dieses Anliegen drängender denn je ist. „Ich glaube an die Physik. Physik sind Fakten. Die Radioaktivität strahlt, und die Menschheit hängt von solchen Dingen ab“, sagt Ribovic. Sie lächelt und meint es doch sehr ernst.

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