Das 19. Jahrhundert prägte Augsburg wie kaum eines zuvor. Aus der Stadt der Renaissance wurde ein moderner Industriestandort – mit bemerkenswerten Bauten Von Richard Mayr
Dass Augsburg eine Stadt der Renaissance ist, ist bekannt. Da langt ein Blick aufs Rathaus und schon spürt man, dass die Baugeschichte weit zurückreicht. Anders verhält es sich aber mit einer anderen wichtigen Zeit. „Das 19. Jahrhundert gilt nicht als Glanzzeit Augsburgs, und doch hat kaum eine Epoche das Bild dieser Stadt so geprägt“, schreibt der Kunstpädagoge Gregor Nagler im Augsburger Programmheft zum diesjährigen Denkmaltag am Sonntag, 11. September, der das 19. Jahrhundert zum Thema hat. Er arbeitet darin heraus, wie wichtig dieses Jahrhundert für die Stadtentwicklung war.
Historisch war es eine Zeit des Übergangs. Die Industrialisierung mit all ihren Folgen für das Leben setzte sich durch. Fabriken entstanden, ein völlig neuer Stand bildete sich heraus: der Arbeiter. Die Städte wuchsen im Zuge dieses Prozesses ungemein, Wohnraum in großem Stil musste geschaffen werden. Durch die Verdichtung wurden die hygienischen Verhältnisse schlimmer, was zur Folge hatte, dass Kanalisationen entstanden.
Die Einwohnerzahl wuchs sprunghaft
Auch wenn in Deutschland die politischen Revolutionen im 19. Jahrhundert in ihren Folgen nicht von Dauer waren, änderten sich die Lebensumstände radikal. Und Augsburg war in gewisser Weise ein Vorreiter, auch wenn es politisch seit der Mediatisierung im Abseits lag. „Die Stadt wurde neben Nürnberg zum wichtigsten Schauplatz der Industrialisierung in Bayern“, schreibt Nagler.
Diese begann 1836 mit der Gründung der Augsburger Kammgarnspinnerei (AKS) und im Jahr darauf mit der Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei Augsburg (SWA). Fabrikgründung auf Fabrikgründung folgte, weil die Rahmenbedingungen günstig waren: In der Stadt gab es noch immer finanzkräftige Bankiers, durch die vielen Stadtbäche besaß sie genügend Ressourcen und über das Bahnnetz, das immer weiter wuchs, standen die Märkte für die Industrieprodukte offen.
Die Folgen waren gewaltig. „Die Einwohnerzahl wuchs sprunghaft an, zwischen 1830 und 1910 von 29000 auf 102000 Einwohner“, schreibt Nagler. Bis 1866 war Augsburg als Festungsstadt zudem in seinem Wachstum gehemmt, weil neue Häuser außerhalb der Stadtmauern im Kriegsfall entschädigungslos hätten abgerissen werden müssen. „Teile der Handwerkerviertel stiegen zu hoffnungslos überbevölkerten Elendsquartieren ab.“
Mit der Aufhebung der Festungseigenschaft veränderte sich das Stadtbild entscheidend. „Auf den geschleiften Stadtmauern wuchsen die Prachtbauten der bürgerlichen Gesellschaft“, schreibt Nagler. Die Stadt hatte endlich Raum, um sich zu vergrößern. Eine rege Bautätigkeit setzte ein: hier „die schnell am Raster hochgezogenen Wertachvorstädte“, dort die Villen der Unternehmer im historistischen Stil.
Während sich die Stadt grundlegend veränderte und in ein neues Zeitalter überführt wurde, suchte man in Institutionen das Vergangene zu bewahren: das Antiquarum Romanum, das heutige römische Museum, wurde 1822 gegründet, 13 Jahre später die Königliche Filial-Gemäldegalerie (die heutige Staatsgalerie), im Jahr 1855 dann das kommunale Maximilianmuseum.
Baugeschichtlich schlug sich der historistische Stil unterschiedlich nieder. Das Spektrum reichte von Neurenaissance-Bauten (etwa das Augsburger Stadttheater), über klassizistische Strenge (Justizpalast) bis zu barockem Schwung (Staats- und Stadtbibliothek).
Im Heimatstil wünschte man sich geschwungene Straßenbilder
Die Spuren, welche die architektonische Abkehr vom Historismus hinterließ, sind in Augsburg auch gut zu erkennen. Im Heimatstil um 1900 wünschte man sich „geschwungene oder hakenartige, also malerische Straßenbilder“. In sanfter Biegung führte zum Beispiel die neue Bürgermeister-Fischer-Straße vom Königsplatz zur Maximilianstraße, die zwischen 1904 und 1913 ins Stadtbild eingefügt wurde.
Das architektonische Erbe des 19. Jahrhunderts allerdings wurde im 20. nicht gepflegt. Weil Augsburg ja ursprünglich Renaissancestadt war, „galten spätere Veränderungen als Verunstaltungen“. Schlimmer als die Bomben des Zweiten Weltkriegs vernichtete „die Abrechnung der Nachkriegsarchitekten mit dem verhassten Historismus zahlreiche Bauten“, schreibt Nagler. Besonders hart traf der Wille zum Abriss und Neubau die Ingenieurbauten: das Werk Rosenau der SWA, die Schrannenhalle, der Abbruch der Weberei-Shedhalle des Werks Aumühle.
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