Montag, 24. November 2014

19. Dezember 2010 18:15 Uhr

Nachruf

Ellinor Holland: Ein Leben für die Zeitung

Sie hatte ein großes Herz. Sie war eine Verlegerin mit Energie und mit Leidenschaft. Sie hielt sich im Hintergrund und hatte doch alles im Blick. Haug von Kuenheim zum Tode unserer langjährigen Herausgeberin Ellinor Holland.

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Ellinor Holland
Foto: Marcus Merk

Sie hatte ein großes Herz. Sie war eine Verlegerin mit Energie und mit Leidenschaft. Sie hielt sich im Hintergrund und hatte doch alles im Blick. Haug von Kuenheim zum Tode unserer langjährigen Herausgeberin Ellinor Holland.

Sie hatte es sich so gewünscht. Ellinor Holland wollte ihren 80. Geburtstag im Kreis derer feiern, die mit ihr bei der Augsburger Allgemeinen arbeiteten. Und sie kamen alle. Es wurde ein rauschendes Fest, wie es schon lange nicht mehr an der Curt-Frenzel-Straße gefeiert worden war. Die Chefin, der alle anmerkten, wie glücklich sie war, traf das Herz der um sie Versammelten, denn sie gab ihnen das Gefühl: Wir sind eine große Familie und wir bleiben dies auch in Zukunft.

Es war just auf diesem Fest, als Rainer Bonhorst sie coram publico als Journalistin feierte. "Sie ist eine von uns", sagte der damalige Chefredakteur dieser Zeitung und erinnerte an ihre Berichte aus den fünfziger Jahren, die sie als junge Frau aus Paris nach Augsburg geschickt hatte. Mode und Kunst waren ihre bevorzugten Themen gewesen, die sie für die Leser der Schwäbischen Landeszeitung schrieb, wie die Augsburger Allgemeine damals noch hieß. Frei nach dem Motto des großen Voltaire, jede Art des Schreibens sei erlaubt, nur nicht die langweilige. Bis an ihr Lebensende legte die viel und schnell Lesende diesen Maßstab an: Das Geschriebene darf nie langweilig daherkommen.

Ellinor Holland war ein passionierter Zeitungsmensch. So passioniert wie der Gründer dieser Zeitung, wie ihr Vater Curt Frenzel. Dennoch hatte sie wohl nie im Traum daran gedacht, dass sie eines Tages Chefin eines großen Zeitungshauses werden würde.

Es war ein weiter und wahrlich kein leichter Weg gewesen, der Ellinor Holland vor über 60 Jahren von Dresden an die Stadt am Lech geführt hatte. Nie hatte sie vergessen, wie sie als kleines Mädchen an der Hand ihrer Mutter den Vater in einer Dresdner Haftanstalt besuchte, wo der kompromisslose Nazigegner einsaß, weil er als Journalist sich nicht hatte verbiegen lassen. Sie erinnerte sich ihr Leben lang an die furchtbaren Bombennächte, als die schöne Stadt an der Elbe in Flammen aufging. Und wie ein düsterer Schatten begleitete sie die Erinnerung an den Einmarsch der Roten Armee in Dresden.

Sie trat in die Fußstapfen ihres Vaters Curt Frenzel

Nur wenige Wochen, nachdem ihr Vater am 30. Oktober 1945 aus den Händen amerikanischer Militärs die Lizenz Nr. 7 erhielt, um in Augsburg und Schwaben eine neue Zeitung zu etablieren, kam die 16 Jahre alte Ellinor mit ihrer Mutter nach Augsburg. Hier bestand sie auf dem Maria-Theresia-Gymnasium 1947 das Abitur und stürzte sich danach in das Abenteuer, Zeitungswissenschaften zu studieren.

Damit war klar: Die Tochter des Chefredakteurs und Verlegers wird in die Fußstapfen des Vaters treten. Die Lehrjahre, die nun folgten, waren absolut kein Zuckerschlecken für die Verlegertochter. Curt Frenzel, ein sehr eigenwilliger Charakter, führte seine Tochter am kurzen Zügel und hielt sie knapp bei Kasse. Diese, nicht minder willensstark, setzte sooft sie konnte ihren eigenen Kopf durch. Es zog sie nach Paris. Hier hospitierte sie im Büro der Deutschen Presse-Agentur und ging schließlich mit dem Segen des Vaters zur Westdeutschen Allgemeinen Zeitung nach Essen, um sich in die Geheimnisse verlegerischen Wirkens einweisen zu lassen.

Im Ruhrpott fühlte sie sich wohl. Die unternehmungslustige, neugierige, stets hellwache junge Frau knüpfte lebenslange Freundschaften und traf auf das Glück ihres Lebens, auf Günter Holland, Redakteur bei der Westdeutschen Allgemeinen. Im Juni 1956 heirateten sie. Der Vater in Augsburg grummelte: "Bin schon froh, dass du keinen Zirkusdirektor anbringst."

Das junge Paar schlug seine Zelte in Paris auf, von wo aus beide für die Zeitung in Augsburg und andere Blätter in Deutschland berichteten. Sie genossen, trotz geringer Honorare, das vibrierende Pariser Pflaster, wo die Existenzialisten den Ton vorgaben und die Piaf sang: "Je ne regrette rien" - "Ich bedauere nichts." Die Liebe zu Frankreich hat beide ihr Leben lang begleitet. Jahre später bauten sie sich an der Côte d'Azur ein Haus mit einem einmaligen Blick auf das bunte Treiben in St. Tropez. 1962 nahmen die Pariser Jahre ein abruptes Ende. Curt Frenzels Kräfte ließen nach. Die Rückkehr nach Augsburg war geboten. Obwohl er auf die Hilfe seines Schwiegersohnes angewiesen war, machte der Firmenpatriarch es ihm nicht leicht. Es war schließlich Ellinor, die ihrem Mann den Rücken stärkte und den Vater in die Schranken wies. 1970 starb Curt Frenzel. Sein Testament bestimmt Ellinor zur alleinigen Erbin. Fortan trug sie die volle Verantwortung für das stetig wachsende Unternehmen.

Ohne zu zögern und wie selbstverständlich übergab sie Günter Holland die Chefredaktion und holte ihn in die Geschäftsführung. Diese temperamentvolle und ihrer Stellung sehr bewusste Frau überließ ihrem Mann den Vortritt. Er sollte nun das Haus führen, nach innen wie nach außen. Diese Entscheidung war vielleicht ihre größte Tat. Sie schaffte klare Verhältnisse, die sich für die Zukunft des Verlages segensreich auswirkten.

Ellinor Holland hielt sich im Hintergrund, dennoch hatte sie alles im Blick. Bei großen Entscheidungen, etwa wenn es galt, eine teure Rotationsmaschine anzuschaffen oder den Verlag aus der Stadt nach Lechhausen zu verpflanzen, hatte sie das letzte Wort. Sie entschied schnell: "Das machen wir", hieß es dann. Sie war die geborene Unternehmerin. Ihre Intuition ließ sie nicht im Stich.

Die Sächsin hatte etwas sehr Preußisches. Einmal übernommene Pflichten führte sie penibel aus. Dazu gehörte das Leserhilfswerk, die Stiftung "Kartei der Not", das ihr zur Herzensangelegenheit wurde. Jährlich bringen Leser dieser Zeitung rund eine Million Euro auf, und sie erreichte, dass die Lokalredaktionen von Neuburg bis Krumbach mitzogen, örtliche Benefizaktionen begleiteten oder selber organisierten. Immer wieder sprach sie voller Stolz über den Fortgang der Stiftung, und solange es ihre Kräfte erlaubten, nahm sie an Aktionen für das Hilfswerk teil. Als ihr Mann vor vier Jahren starb, ging Ellinor Holland noch einmal stärker in die Verantwortung. "Mit Energie und Leidenschaft", wie ihre Tochter Alexandra an jenem Familienfest zu ihrem 80. Geburtstag sagte und hinzufügte: "Du wachst über Redaktion und Management unermüdlich und manchmal unerbittlich."

Die "Kartei der Not" war ihr Herzensangelegenheit

Es war in ihrem wunderschönen Partenkirchener Landhaus am Fuß der Alpen, in dem sich schon ihr Vater so wohl gefühlt hatte. Hier konnte Ellinor Holland alles hinter sich lassen. Über 60 Jahre nun lebte sie schon in Bayern und war längst heimisch geworden. Und sie hatte das Gefühl, ihr Haus so gut wie irgend möglich bestellt zu haben.

Andreas Scherer, ihr Schwiegersohn, war noch zu Lebzeiten ihres Mannes zum Geschäftsführer bestellt worden. Seine Frau, ihre älteste Tochter Ellinor, engagierte sich im Kuratorium "Kartei der Not" und stand ihr dort zur Seite, während Alexandra Holland, ihre Jüngste, zu den Aufgaben im Unternehmen neben ihr Herausgeberin der Zeitung wurde. Ellinor Holland verfolgte mit dem Stolz einer Großmutter die Erfolge ihrer älteren Enkelinnen Antonia und Victoria, die sich auf deutschen und internationalen Golfturnieren bravourös schlugen. Mit ihrem Enkel Benedict teilte sie die Leidenschaft für den Fußball, mit ihrer Enkelin Olivia die Liebe zu Pferden.

Nun am Ende ihres langen Lebens nahmen die Erinnerungen stärker denn je von ihr Besitz. Sie erzählte von Dresden, von den schwierigen Anfängen in Augsburg, von den Altverlegern, die zu Freunden wurden, von ihren Künstlerfreunden, von Markus Lüpertz und seiner Aphrodite, die die Augsburger Stadtoberen so schmählich verschmäht hatten, von ihren Ferien im sonnigen Frankreich mit Franz Josef Strauß als Nachbarn. Viele Menschen hatten ihren Lebensweg gekreuzt und Spuren hinterlassen - in der Erinnerung tauchten sie alle auf, doch immer wieder kreisten ihre Gedanken um das Medienhaus an der Curt-Frenzel-Straße. "Wir sind ein Familienunternehmen", sagte sie dann, "und wir müssen es bleiben. Aber wir müssen auch weiter wachsen." Die alte Unternehmerin ließ sich nicht verleugnen. Setzte sich die Brille auf und griff in den Zeitungsstapel, der sich neben ihr aufgehäuft hatte.

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